Viele Jahre lang war das Bauen mit Holz geradezu aus der Mode gekommen und allenfalls bei Freunden des Fachwerkhauses oder im Innenausbau beliebt und geschätzt. Vor dem Hintergrund des bewussten Umgangs mit Rohstoffen und im Zuge der Nachhaltigkeitsdebatte der letzten Jahre erlebt der Baustoff Holz bei privaten und zunehmend auch bei öffentlichen Bauherren eine Renaissance. Holz ist mittlerweile zum vielfältig einsetzbaren Alleskönner avanciert. Der Holzbaupreis Baden-Württemberg 2012, der am 22. Juni im Stuttgarter Haus der Architekten feierlich verliehen wurde, hat dies eindrucksvoll bestätigt.
Die Zukunft ist smart! Intelligente Systeme, vor allem im elektronischen und digitalen Bereich, begleiten zunehmend unser Leben. Auch im Bauwesen hat sich in den letzten Jahren in diesem Feld einiges getan. Gebäudesteuerung und -automatisierung per Touchpad oder Mobiltelefon sind längst gang und gäbe. Mittels Smart Materials, intelligenten Materialien also wie beispielsweise PCMs (Phase Change Materials), reagieren Gebäude flexibel auf die Umgebungsbedingungen und sparen so nachhaltig Energie. Die Innovationsdichte im Bereich energieeffizienter Entwicklungen war und ist außerordentlich hoch, auch wenn traditionelle, klassische Techniken dabei manchmal ein wenig in Vergessenheit gerieten.
Dank innovativer und immer flexibleren Verarbeitungstechniken und -möglichkeiten hat die Bauwirtschaft einen alten Bekannten wiederentdeckt: Holz ist ein Baustoff, für den es viele gute Argumente gibt. Es besitzt – wie der Juryvorsitzende Prof. Peter Cheret in seinem Festvortrag betonte – eine haptisch-sinnliche Qualität, es ist warm, gesund und riecht gut, es ist CO2-neutral, ressourcenschonend und entspricht somit dem umfangreichen Kriterienkatalog einer umweltbewussten Bauweise. Holz ist einer der wertvollsten nachwachsenden Rohstoffe und für eine nachhaltige Entwicklung unverzichtbar. Die letzten Jahre haben gezeigt, dass sich Holz nicht nur im Wohnungsbau, sondern auch im Bereich öffentlicher Bauten etabliert hat. Die insgesamt 118 Einreichungen für den Holzbaupreis belegen vorbildhaft, mit welch ideenreicher Vielfalt Holz im Baugewerbe eingesetzt werden kann – und das auf hohem architektonischen Niveau.
Die achtköpfige Wettbewerbsjury – bestehend aus Prof. Peter Cheret (Universität Stuttgart, Juryvorsitzender), Prof. Stephan Engelsmann (Staatl. Akademie der Bildenden Künste Stuttgart), Prof. Kurt Schwaner (Hochschule Biberach), Carmen Mundorff (Architektenkammer Baden-Württemberg), Harald Wetzel (Clusterinitiative Forst und Holz BW), Thomas Deines (Landesbetrieb ForstBW), Axel Dietrich (Architekt in Dachsberg) und Bernd Schneck (Naturparke in Baden-Württemberg) – hatte daher keine leichte Aufgabe zu lösen. „Letztendlich geht es bei der Architektur immer um die Summe der Qualitäten“, beschreibt der Juryvorsitzende Prof. Peter Cheret bei der Preisverleihung, und so wurden vor allem Projekte gesucht und prämiert, bei denen „der Funke überspringt“, die also in ihrer Gesamtheit sowohl technisch als auch architektonisch überzeugen.
Vergeben wurden insgesamt fünf Preise, vier Sonderpreise, sieben Anerkennungen und eine lobende Erwähnung. Preise erhielten:
Klinkott Architekten aus Karlsruhe haben hier eine Kindertagesstätte geschaffen, die – so das Juryurteil – nicht besser hätte sein können: Ein intelligenter Grundriss, der energetisch optimiert ist und schöne, differenzierte Räume schafft. Das Holz ermöglichte durch den hohen Vorfertigungsgrad eine kurze Bauzeit und trägt erheblich zu einer Wolhfühlatmosphäre im Innenraum bei.
Was partnerundpartnerarchitekten aus Baiersbronn und Berlin mit ihrem Entwurf geschaffen haben, ist eine zeitgemäße Interpretation eines traditionellen Schwarzwaldhauses mit lokalen Baustoffen in einer modernen Holzbaukonstruktion. Spartanisch anmutend, aber funktional und in einer frischen Formensprache, betont die Jury. Ein zentraler Kern aus Lehmziegeln sorgt zusätzlich für ein angenehmes und gesundes Klima.
Ein besonderes, ruhiges Gesamtbild haben architekturlokal | Wolfgang Selbach und Jürgen Kneer aus Ravensburg mit diesem Ensemble geschaffen. Bei dem Projekt, das in Anlehnung an die noch vorhandenen Torfstecherhütten entstand, wurden die Vorteile von Holz als Baustoff und Gestaltungsmittel intelligent und kreativ genutzt. Der Neubau und die drei Besucherplattformen treten so in einen stillen Dialog mit dem geschützten Ried und bieten Raum, inne zu halten.
Wie das bauliche Umfeld kreativ interpretiert werden kann, zeigen amunt architekten martenson und nagel theissen mit ihrem Haus JustK. Von außen noch kaum als Holzhaus erkennbar, ist Holz innen das vorherrschende Material. Der kostensparend als „veredelter“ Rohbau ausgeführte Innenraum wirkt hell und freundlich.
Auch für reine Zweckbauten eignet sich der Baustoff Holz hervorragend, wie der Bauhof Frickingen des Architekten Manfred Fetscher aus Illmensee zeigt. Trotz engem Kostenrahmen und ungünstig geschnittenem Grundstück entstand hier ein Gebäude, das durch eine gute Gestaltung und intelligente Details überzeugt und somit leicht und schnell gebaut werden konnte. Ein gutes Beispiel für den überzeugenden Umgang mit innovativen Holzwerkstoffen.
Einen Sonderpreis „Wegweisende Innovation“, ausgelobt von der Clusterinitiative Forst und Holz BW, erhielt der Platanenkubus auf der Landesgartenschau in Nagold, entworfen von Ludwig Schönle, Ferdinand Ludwig und Daniel Schönle aus Stuttgart. Sie entwickelten ein nachwachsendes, lebendes Tragsystem – ein Flechtwerk aus Pflanzen, bei dem die Natur selbst der Baumeister ist.
Ein weiterer Sonderpreis „Wegweisende Innovation“ ging an das Projekt des ICD/ITKE Forschungspavillons der Universität Stuttgart, unter der Leitung von Prof. Achim Menges und Prof. Jan Knippers. Hier entstand ein Experimentalbau, bei dem Strukturmerkmale aus der Natur unter Einsatz computergesteuerter Werkzeuge für die Formfindung, Berechnung und Fertigung in ein Schalentragwerk übertragen wurden.
Den Sonderpreis „Baden-Württembergische Naturparke“ erhielt die Waldkapelle in Neckarzimmern von ap88 architekenpartnerschaft bellm. löffl. lubs. trager. aus Heidelberg, bei der die Verwendung von Holz zu einer beeindruckenden, reduzierten architektonischen Form- und Materialsprache führt. Eine großzügige Glasfläche öffnet das Gebäude außerdem an der Längsseite, wodurch das Tageslicht zum wichtigsten Element der Raumgestaltung wird.
Der Sonderpreis „Naturpark Südschwarzwald“ ging an den Wiederaufbau eines Leibgedinghauses in St. Georgen von Schneider Architekten aus St. Georgen, das ein durch einen Brand zerstörtes Vorgängergebäude würdig ersetzt. Der Neubau greift die typische regionale Bauweise auf und verbindet sie mit den Ansprüchen eines Leibgedinghauses heutiger Zeit.
Der Holzbaupreis steht unter der Schirmherrschaft von Herrn Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Alexander Bonde und wird von den Institutionen Landesbeirat Holz Baden-Württemberg e.V., Landesbetreib Forst Baden-Württemberg (ForstBW) und Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz alle drei Jahre ausgelobt.
Mehr zum Holzbaupreis Baden-Württemberg 2012 finden Sie hier

Carmen Mundorff
Architektur und Medien
Tel: 0711 / 2196-140
Fax: 0711 / 2196-201
mundorff@akbw.de