Beispielhaftes Bauen

Architektur

Auszeichnungsverfahren
"Main-Tauber-Kreis 2004 - 2010"

Doppelhaus Martin-Nopper

Badstraße 11+13
97990 Weikersheim

Architekt:
Architekturbüro Martin Wolf Dipl.-Ing. Martin Wolf Freier Architekt BDA Weikersheim
Bauherr:
Kornelia Martin, Alexander Nopper, Weikersheim
Begründung der Jury:
Die beiden Neubauten fügen sich nahtlos in das Ensemble von Altstadt und Stadtmauer ein. Ihr Äußeres greift die Formensprache der umgebenden Häuser auf und bildet mit ihnen eine Einheit. Auch farblich geben sich die beiden aufeinander abgestimmten Wohnhäuser eher zurückhaltend. Auf relativ engem Raum gibt es sogar Platz für einen kleinen Garten und einen gemeinsamen Hof zum gemütlichen Verweilen. Interessant sind die verschieden starken weißen Fensterumrahmungen, die zeigen, dass auch mit einfachen Mitteln Fassaden ansprechend gestaltet werden können. Die städtebauliche Einordnung der versetzt zueinander stehenden Häuser gelingt nicht nur in Bezug zur Altstadt in vorbildlicher Weise, sondern in besonderem Maße auch hinsichtlich der Stadtmauer. Die Gebäude wahren auf wohltuende, zurückhaltende Weise Abstand zur Mauer, obwohl sie ihr sehr nahe kommen. Sie ergänzen sie statt sie zu stören.

Objektbeschreibung:

Der Ort

„Insgesamt lässt die überlieferte Stadtgestalt noch sehr deutlich die städtebauliche - architektonische Unterordnung des bürgerlichen Gemeinwesens unter die alles dominierende Schlossanlage erkennen. Der Marktplatz fungiert als Bindeglied zwischen diesen beiden Bereichen und ist der eigentliche Mittelpunkt der Stadt. Weikersheim wird geprägt durch den auf eine kleinstädtische Residenzhaltung abgestimmten Umbau einer mittelalterlichen Stadt nach architektonischen und städtebaulichen Ideen des 17. und 18. Jahrhunderts. Aufgrund der besonderen Bedeutung als hohenlohische Residenzstadt mit sehr gut überliefertem, barock überformtem Baubestand, einem nahezu vollständig erhaltenen Stadtgrundriss, einer in weiten Teilen erhaltenen Stadtumwehrung sowie einer einzigartigen kulturlandschaftlichen Einbettung in das Taubertal mit seinen charakteristischen Steinriegelanlagen ist Weikersheim als Gesamtanlage zu bezeichnen, an deren Erhaltung ein besonderes öffentliches Interesse besteht.“
Als nördlicher Abschluss der Altstadt durchzieht die historische Stadtmauer den mittlerweile überbauten Teil der Weikersheimer Innenstadt. Angrenzend an das vormals durch eine Schlosserei überbaute Grundstück, wurde im Zuge der Altstadtsanierung das Areal durch die Anlage eines Parks aufgewertet. Die durch den Bau der Schlosserei entstandene Lücke in der Stadtmauer wurde im Zuge der Baumaßnahme geschlossen und zu einem Entwurfsbestimmenden Faktor der Arbeit. Dieses „Wohnen an der Stadtmauer“ mit seiner Nähe zum historischen Kern von Weikersheim zeigt wie neues Wohnen in der alten Stadt aussehen kann.

Städtebau - „Dicht, aber offen“

Durch den Abbruch eines Schlossereigebäudes aus den 1960er Jahren, bot sich in Weikersheim die Möglichkeit, die hier abgebrochene Stadtmauer wieder zu schließen und die Nahtstelle zwischen historischer Altstadt und Stadterweiterung neu zu definieren. Innerhalb der Stadtmauer entstand dadurch ein kleines Grundstück von ca. 330 qm Grundfläche, für deren Bebauung sich zwei junge Bauherren interessierten.
Außerhalb der Stadtmauergrenze plante die Stadt Weikersheim im Zuge der Altstadtsanierung eine großzügige Parkanlage, die einen neuen bedeutenden Baustein im Grüngürtel der Stadt darstellt.
Auf Anfrage des Architekten erklärte sich die Stadt bereit, das entstandene Gründstück für eine Bebauung zu erschließen und an die Interessenten zu verkaufen. In Zusammenarbeit mit dem Architekten sollte der Wiederaufbau der Stadtmauer wie auch die neue Wohnbebauung zu einem einheitlichen Konzept entwickelt werden.
Aufgrund der sehr beengten Situation, die beiden Grundstücke haben zusammen nur 330 qm, entschied man sich, zwei Einzelhäuser versetzt und als Grenzbebauung auf dem Grundstück zu platzieren. Dadurch wurde es möglich, jedem der beiden Häuser einen kleinen, aber ebenerdigen Außenbereich zu zuordnen und die Belichtungssituation zu optimieren. Zwischen Haus 11 und dem angrenzenden Bestand entstand zusätzlich eine neue Gasse, die die historische Altstadt mit den Versorgungseinrichtungen fußläufig verbindet. Das Haus 13 ragt über die Stadtmauer und bezieht sich somit auf seine baulich historische Nachbarschaft, bei der ebenfalls Mauer und Haus eine räumliche Einheit bilden. Aufgrund der schwierigen Gründungssituation wird auf eine Unterkellerung der Gebäude verzichtet. Ein „Kellerersatzraum“ an der Gasse schafft die gewünschte Intimität der privaten Außenbereiche und wird gleichzeitig als große Stadtterrasse benützt.

Gebäudetypus - „Zu zweit allein oder allein zu zweit?“

Durch viele innere und äußere Bezüge der beiden Häuser handelt es sich bei der entwickelten Haustypologie im Grunde um ein Doppelhaus, bei dem jedoch beide Parteien als Einzelbauten realisiert wurden.
Jedes Haus verfügt über drei unterschiedliche Außenräume: Ein kleiner Garten, der über zukünftige Hecken die notwendige Privatheit erhält und auch in der Dichte einer mittelalterlichen Stadt natürliches Grün am Haus zulässt. Zwischen diesen beiden Privatgärten spannt sich ein befestigter Hof als Ort der Kommunikation. Er bietet Raum, gemeinsam Gäste zu empfangen und nachbarschaftliche Beziehungen zu pflegen.
Um den Bewohnern jedoch auch die Möglichkeit offen zu halten, geschützt und wenig einsehbar „draußen zu sein“, wird an Ost- bzw. Westseite jeweils eine kleine zweigeschossige Loggia in die Kubatur integriert. Sie bietet den Bewohnern auf relativ kleiner Grundfläche ein von außen nicht einsehbares Raumerlebnis. Die angrenzenden Räume benutzen diese Loggia als zusätzliche Lichtquelle. Eine Galerie zwischen Obergeschoss und Dachgeschoss und diese Loggia lassen die „Turmhäuser“ trotz relativ kleiner Grundfläche großzügig und hell erscheinen.
Über die Geschosse sind die beiden Häuser individuell gestaltet. Wohnen, Essen und Arbeiten werden jeweils auf unterschiedlichen Ebenen verteilt. Das gemeinsam abgestimmte äußere Erscheinungsbild bzgl. Farbgebung, Außenraumgestaltung und Detaillierung lassen beide Häuser als Einheit wirken. Die Frage, ob man hier „zu zweit, allein“ oder „allein, zu zweit“, wohnt, wird erst in Zukunft beantwortet werden können.

Nachhaltigkeit

Die Stadt Weikersheim kämpft wie viele kleine Städte oder Dörfer mit dem Problem der überhand nehmenden Flächenversiegelung durch neue Einfamilienhausgebiete. Die Altstadt liegt brach und die Ränder des ehemals scharf umrissenen Stadtgrundrisses weichen immer mehr auf. Das Projekt zeigt ein Gegenszenario auf, welches verdeutlicht, dass auch bei einem sehr kleinen Flächenverbrauch ein Maximum an Raumerlebnis und -wirkung möglich ist. Es bildet zugleich einen neuen Abschluss der unter Bestandsschutz stehenden Altstadt Weikersheims und ermöglicht neue fußläufige Anbindungen der Stadt an Versorgungseinrichtungen. Die Reaktivierung dieser Industriebrache verdeutlicht auch, dass auch das Bauen in einer bestandsgeschützten Altstadt heutigen Wohnansprüchen Rechnung tragen kann. Es kann als positives Gegenbeispiel zum gängigen Schema dienen.
Die Häuser wurden im KfW60- bzw. KfW40-Standard gebaut, die Konstruktion ist als Einsteinmauerwerk mit Stahlbetondecken in Ortbauweise ausgeführt. Da das großflächige Anbringen von Kollektoren seitens des Denkmalschutzes nicht möglich war, wurde nur ein Haus mit der maximal zulässigen Fläche versehen. Die Kollektoren wurden so angeordnet, dass sie von der Stadt aus nicht sichtbar sind. Das KfW40-Haus wurde mit einer kontrollierten Lüftung und Wärmerückgewinnung ausgestattet.


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19.04.2011

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