Mitarbeiterin: Annika Wulf
Grundstück, Situation
Das Grundstück befindet sich in einer Lage, wie sie typischer für Stuttgart kaum sein könnte. Auf knapper halber Höhe am Hang, direkt über der Stadt - quasi auf der ersten Galerie - bietet es Richtung Südwest und West einen umfassenden Ausblick über die Landeshauptstadt. Man spürt noch den Atem der Großstadt und ist bereits im Grünen. Ein Grünzug mit einer der typischen Stuttgarter Staffeln bringt frische Luft, Vogelgezwitscher und einen grünen Vordergrund zur Aussicht. Darüber thront die Kirche St. Konrad und lässt ihren Glockenturm direkt ins Wohnzimmer schauen - und klingen.
Ein schmales, nicht ausgebautes Sträßchen erschließt den steilen Südwesthang. Das Baugrundstück hat eine Größe von ca. 20,00 m - 35,00 m, mit einem Gefälle von der Straße bis zu den unterhalb anschließenden Schrebergärten von ca. 15,00 m. Dies stellte sich als technische und logistische Herausforderung sowie als Ansatzpunkt für die Entwurfsidee heraus.
Trotz mehrerer Versuche in frühen Jahren (1936, 1982) ist das Grundstück bisher nie bebaut worden. Es war auch kaum als Baugrundstück erkennbar, weil hinter einer hohen Sandsteinmauer nur ein unübersichtlicher Urwald zu erkennen war. Dabei liegt es in einer Reihe von Wohnhäusern, die aus den 1930er Jahren stammen: auf der einen Seite drei Häuser von Paul Stohrer, die nach Einführung der Baustaffel in konventionellem Stil errichtet wurden; und auf der anderen Seite zwei kurz davor entstandene Häuser im damals modernen Bauhausstil. In früheren Jahrhunderten muss dieser Hang ein Steinbruch gewesen sein und soll als Materialreservoir für die Stuttgarter Schlösser gedient haben. Beim Aushub der Baugrube wurde dies evident. Danach ist es zu einem Weinberg ausgebaut worden, dessen Reste noch vorhanden waren. Hangparallele Sandsteinstützmauern und eine mittig liegende schmale Weinbergtreppe wurden zu inspirierenden Elementen für den Entwurf des Hauses. Erhalten werden konnten die alten Sandsteine, die wieder verwendet wurden und drei größere Bäume.
Idee/Konzept
Die wichtigsten konstituierenden Entwurfselemente sind aus dem Grundstück heraus entwickelt: Der steile Hang, der unmittelbaren Einfluss auf Raumkonzept und Baukörper hat und die mittig liegende Weinbergtreppe, deren Folge war, dass sämtliche Treppen des Hauses mittig in der Längsachse liegen. Durch diese beiden Elemente sind einerseits der Schnitt und andererseits der Grundriss des Hauses strukturiert. Der Entwurf ist vorrangig im Schnitt entstanden, was eine notwendige Folge der topografischen Situation war.
Von der Eingangsseite her sieht man nur einen bescheidenen Holzkubus, die gesamte Ausdehnung des Hauses nimmt man nur im Winter vom gegenüberliegenden Hang aus wahr. Der Eingangssteg aus Stahl durchdringt den Holzkubus und bildet einen geschützten Eingangsbereich. Man schiebt ein ‘Stück Wand’ zur Seite und betritt das Innere des Hauses - einen dunklen Vorraum, der nur durch eine farbige Lichtwand belebt wird. Eine zweite Schiebetür - und man steht auf der Galerie des Wohnraumes, der sich mit seiner 5,50 m hohen Panoramaverglasung dynamisch über das Tal schiebt. Der Blick ist hier fast wie in einem Cockpit. Vögel fliegen einem auf Augenhöhe entgegen, um beim letzten Lidschlag abzubiegen.
Von den insgesamt fünf Ebenen werden die oberen drei als Raumkontinuum für die Hauptwohnung genutzt. Man betritt sie über den schmalen Steg, der auf Straßenebene liegt und über einen vorgelagerten Tiefhof hinweg die mittlere Wohnebene erschließt. Von hier aus öffnet sich der Raum einerseits nach oben, begleitet von einer Lichtwand des Münchner Künstlers Christian Wichmann zum Studio mit Dachterrasse und andererseits über eine Galerie hinunter zum Wohnraum. Alles geht offen ineinander über, zum Essen sitzt man auf einem inneren Balkon. Lediglich ein (teilbares) Schlafzimmer bietet einen Rückzugsbereich.
In den beiden Sockelgeschossen befinden sich Nebenräume und eine Einliegerwohnung. Das Haus ist so mit dem Hang konzipiert, dass man von jeder Ebene aus ins Freie kann und alle Haupträume Ausblick ins Tal haben.
Baukörper und Material
Hier zeigt sich eine Auffassung vom Wohnen, die weder extrovertiert noch modisch-minimalistisch ist, sondern einfach nahe liegend und dabei doch unkonventionell. Keine Form, in die alles hinein muss, kein Material, das überall gleich sein muss, sondern Glas, wo man Licht und Ausblick will, Wände wo man sich anlehnen will, Materialien die ‘riechen’ und lebendig altern. Nicht das ‘Artefakt’ soll im Vordergrund stehen, sondern das Natürliche.
Die Formensprache beruht auf der Grundlage der klassischen Moderne. Zwei Kuben liegen versetzt aufeinander und durchdringen sich: der untere aus Beton, der obere aus Holz. Wenn das Holz verwittert, nähert es sich optisch der Sichtbeton-Oberfläche an, dann werden die beiden Körper eine gestalterische Symbiose vollzogen haben. In seinen tragenden Strukturen ist das Haus aus Beton; wo es eine Holzfassade hat, befindet sich auch eine hölzerne Tragkonstruktion dahinter.
Während im Äußeren nur die Materialen Zedernholz, Sichtbeton und Glas vorkommen, hat im Inneren jede Ebene durch einen anderen Bodenbelag ihren eigenen Charakter: Basaltlavaplatten auf der Eingangsebene, Kirschholz auf der Wohnebene und Epoxidharzbeschichtung im Dachstudio. Das gesamte Haus ist auf einem Raster von 1,18 m/1,18 m aufgebaut. Dieses Ordnungsgefüge ist nicht direkt sichtbar, aber spürbar. Hieraus ergeben sich Fensterbreiten, Durchgangsbreiten, Türbreiten, Treppenbreiten.
Freiraum
Trotz der Exponiertheit des Gebäudes, verbindet es sich an vielen Stellen intensiv mit dem umgebenden Freiraum. Der Vorhof mit dem Steg bildet räumlich und klimatisch ein ausgeprägtes Pendant zur Dachterrasse. Der teilweise überkragende Baukörper definiert geschützte Aufenthaltsbereiche im Freien auf verschiedene Ebenen, die durch teilweise Geländeterrassierung unter Verwendung der vorhandenen Sandsteine entstehen.
Die infolge des zweiseitigen Gefälles komplexe Hanggeometrie erforderte präzises räumliches Vorgehen, auch bei den Freianlagen. Entlang der Straße befindet sich ein schmaler überdachter Streifen, der Carport, Schuppen und Eingangsbereich beherbergt und wie ein Proszenium für das Haus wirkt. Das Streifenthema taucht an der talseitigen Grenze als schmales langes Schwimmbecken entlang der unteren Stützmauer wieder auf. Die Grenze besteht aus einer ‘Wasserkante’.
Technik
Der Gefahr des Aufheizens durch starke Sonneneinstrahlung auf die großen Glasflächen wird durch ein natürliches Lüftungskonzept entgegengewirkt. Ab einer bestimmten Raumtemperatur öffnen sich talseitig sowie hangseitig automatisch größere Fassadenflächen aus Glaslamellen, sodass eine thermische Durchströmung und schnell spürbare Abkühlung der Luft entsteht. Brauchwasser und Schwimmbadwasser werden durch eine Sonnenkollektoranlage erwärmt und eine Regenwasserzisterne speist WC-Spülung und Gießwasser.

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