Beispielhaftes Bauen

Architektur

Auszeichnungsverfahren
"Stuttgart 2002 - 2007"

Hospiz St. Martin

Jahnstraße 44/46
70597 Stuttgart

Architekt:
Aldinger & Aldinger Prof. Jörg Aldinger, Dirk Herker Stuttgart Projektleitung: Dagmar Luz Landschaftsarchitekt: Koeber Landschaftsarchitektur
Bauherr:
Katholische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart
Begründung der Jury:
Dieser Ort des Abschiednehmens und des Übergangs wurde in Degerloch einfühlsam und Zuversicht gebend definiert: Nicht Abgeschiedenheit wurde gesucht, sondern ein Ort unter den Menschen. Ein öffentlicher Weg führt zwischen Sozial- und Pflegestation hindurch und symbolisiert so zugleich die Begleitung durch die Gemeinschaft. Die organisch-weiche Formensprache erzeugt in Verbindung mit hellen Farbtönen und Hölzern eine spürbare Harmonie.

Objektbeschreibung:

Mitarbeit: Frank Metzger
BGF: 2.000 qm
BRI: 5.500 cbm
Baukosten: 3,7 Mio Euro

HLS-Planung: IWP Ingenieurbüro für Systemplanung
Elektroplanung: IMS Mück & Schaber
Tragwerksplanung: Mayer-Vorfelder Dinkelacker
Künstlerische Gestaltung der Kapelle: Bernhard Huber

Kreuzung von Lebenswegen
Menschen mit unterschiedlichsten Perspektiven, Fertigkeiten und Fähigkeiten bewegen sich im Hospiz. Lebenswege kreuzen sich. Stationen an Wegen, Brücken, Treppen, Plätzen und Orten laden zu Kontakt, Beobachtung oder Privatheit ein. Das Haus als Ort von Begegnung und Rückzug behandelt die Themen der Introversion und Extraversion als gestaltgebendes Thema. Eine aus dem subtraktiven Entwurfsprozess entwickelte Figur sucht die Balance zwischen der Eigenständigkeit der Aufgabe und der Einbindung in die Themen des Ortes. Analog dazu verbindet der Entwurf die ‘Besonderheit’ der Nutzung mit deren Einbindung in das öffentliche Leben.

Inhalte
Für die Katholische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart entstand ein Gebäudekomplex, der ein stationäres Hospiz mit acht Pflegebetten für schwerkranke ‘Gäste’ und die Referate Trauerpastoral und Sterbepastoral sowie die ambulante Hospizarbeit beherbergt. Zusätzlich entstand ein neuer Stützpunkt für die katholische Sozialstation. Gruppenräume stehen für eine vielseitige Nutzung zur Verfügung und sind für Veranstaltungen mit unterschiedlichsten räumlichen und technischen Anforderungen flexibel ausgestattet. So sind sowohl gut ausgeleuchtete Schulungsveranstaltungen, medienunterstützte Vorträge als auch kleine Feiern oder Trauerfeiern mit behaglicher Stimmung möglich. Diese drei eigenständigen Nutzungen befruchten sich gegenseitig und bilden gemeinsam ein umfassendes Angebot nicht nur für pflegebedürftige Menschen und deren Angehörige. Weiterhin befinden sich im Gebäude eine Wohnung für vier im Haus tätige Ordensschwestern und eine Mitarbeiterwohnung.

Städtebau
Ein geometrischer Quader setzt die Gebäudelinie an der Jahnstraße fort und formuliert den Kreuzungspunkt Jahnstraße - Reutlinger Straße neu. Der Quader wird in der Diagonalen aufgeschnitten und in einen Ost- und einen Westtrakt geteilt. Die beiden Gebäudeteile sind im Gartengeschoss und im 1. Obergeschoss miteinander verbunden.

Nach außen zeigt der kantige Baukörper eine rauhe, ziegelfarbige schützende Haut und stellt damit Bezüge zum Ort her, während im Hofbereich helle, glatte Wände in weichen Formen einen Filter zwischen Innen und Außen formen. Der Hof verbindet nicht nur die eng miteinander korrespondierenden Nutzungen des Hauses, sondern lädt auch die Öffentlichkeit zur Durchwegung und zum Verweilen ein. Er bildet somit funktional eine Art ‘Foyer’ unter freiem Himmel, in dem Begegnung und Austausch stattfinden können. Der tragende Gedanke einer christlichen Gemeinschaft wird durch die räumliche Struktur der Verflechtung der internen und externen Erschließungsflächen gelebt.

Die Gestaltung der Außenanlagen differenziert zwischen Außen- und Innenbereich. Während der öffentliche Durchgang mit seinen befestigten Flächen und der Freitreppenanlage von blühendem Rhododendron, Magnolien-Hochstämmen und weißblühenden Blumen begleitet wird, bleibt der Außenbereich eine ortstypische parkartige Blumenwiese mit Erhaltung des wertvollen alten Baumbestandes. Auf eine Einfriedung des Geländes wurde bewusst verzichtet.

Erschließung
Die Hauptzugänge für das Hospiz, die Sozialstation und die Gruppenräume befinden sich im hellen Innenhof auf der Ebene der Jahnstraße. Die Freitreppe in der Innenzone überbrückt das Gefälle zur Reutlinger Straße. Stellplätze für PKW sind ausschließlich entlang der Reutlinger Straße zu finden. An der Jahnstraße befindet sich eine Zufahrt für Krankentransporte, so dass der Einzug für die Gäste unkompliziert über die Haustüre erfolgen kann. Die Wohnung im 2.Obergeschoss hat einen separaten Zugang von Osten. Die Schwesternwohnung im Gartengeschoss ist von Süden ebenfalls separat erschlossen.

Konstruktion, Material, Innenräume
Die Baukörper sind in konventioneller Stahlbetonbauweise erstellt. Die Gebäudehülle mit verputztem Vollwärmeschutz, Lochfassade mit Holzfenstern und extensiver Begrünung des Flachdachs ermöglichte eine wirtschaftliche Erstellung und verspricht eine Nachhaltigkeit der Gebäudesubstanz sowie niedrige Unterhaltskosten. Der Innenausbau erfolgte klassisch mit verputztem nichttragendem Mauerwerk und Gipskartonwänden.

Das Hospiz als Ort der Begegnung und des Rückzugs bietet auch im Innern Bereiche mit unterschiedlicher Aufenthaltsqualität. Orte der Begegnung und des Austauschs und Orte des Rückzugs sind für alle Nutzer zugänglich und frei wählbar.

Helle Ahornmöbel, leichte Vorhänge in unterschiedlichen Farben, weiches Licht von Stehleuchten, Zimmerpflanzen und bequeme Sitzmöbel wecken Erinnerungen an das eigene Wohnen und gestalten eine Herberge für Gäste, Angehörige und Pflegepersonal gleichermaßen.

Das Leben im Gastzimmer bietet eine individuelle Regelung des Maßes der Einbindung in die Gemeinschaft. Unterschiedliche Stellungsmöglichkeiten des Bettes lassen die Gäste gleichzeitig oder ausschließlich den Blick in die Landschaft oder in den Wohnbereich der Gemeinschaft wählen. Teilnahme oder Rückzug ist konzeptionell angelegt und wird zur individuellen Entscheidung der Gäste.

Fotograf:
Zooey Braun

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19.04.2011

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