Bauunternehmen Dyckerhoff & Widmann

Architektur
Das Buchcover zeigt die Jahrhunderthalle in Breslau von Max Berg im Bau (1911).

Knut Stegmann:
 "Das Bauunternehmen Dyckerhoff & Widmann. Zu den Anfängen des Betonbaus in Deutschland 1865-1918"

Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen 2014
426 Seiten mit 460 Abbildungen,
68,00 Euro

ISBN 978-3-8030-0753-7

Ein Bauunternehmen als Innovationsquelle

Die Besprechung eines Buchs über ein auf Betonbau spezialisiertes Bauunternehmen könnte man doch getrost dem Mitteilungsblatt der Ingenieurkammer überlassen. Andererseits suchen wohl auch Architekten immer wieder ein passendes Geschenk für ihren Onkel oder Schwager, der eben Bauingenieur ist. Aber nicht doch: diese Doktorarbeit, die der gelernte Architekt und Kunsthistoriker Knut Stegmann an der ETH Zürich verfasst hat, stellt Fragen und bietet Erkenntnisse über die Entwicklung der Architektur, die alle tangierten Disziplinen interessieren dürfte – Ingenieure, Architekten und Historiker.
Denn: „Immer wieder begegnet die Forschung verblüffend innovativen Lösungen bei Bauten, an deren Entwurf nachweislich kein bekannter Architekt oder Bauingenieur beteiligt war. Eine Erklärung für dieses Phänomen liefert in vielen Fällen die Einbeziehung der Bauindustrie als Akteur" (S. 250).
Und: „Erst nach dem Ersten Weltkrieg übertrugen bekannte Architekten der klassischen Moderne die Ideen auf den Großsiedlungsbau, weshalb viele Forscher in ihnen irrtümlicherweise die Pioniere der Industrialisierung des Bauwesens sehen. Die Betonbauunternehmen etablierten [...] mit Hilfe geschickter Öffentlichkeitsarbeit wegweisende wirtschaftlich-strukturelle, technisch-konstruktive und ästhetische Konzepte. Sie beeinflussten damit nachhaltig die gesamte Entwicklung des deutschen Bauwesens" (S. 251).

Nun untersucht diese Arbeit zwar nur die Zeit bis 1918, doch damit wirft sie unausgesprochen die spannende Frage auf, inwieweit eine intensive Lobbyarbeit der Bauindustrie den Verkauf von Stahl, Glas und Beton förderte und groß aufgestellte Bauunternehmen zur Anwendung der entsprechenden Techniken drängten bis der 1927 propagierte „Sieg des neuen Baustils" den Verdrängungswettbewerb zwischen mittelständischem Handwerk und zentralisierter Großindustrie entschied. Waren die Architekten der Moderne etwa zuweilen nur instrumentalisierte Handlanger der Industrialisierung?

In einer Mischung aus Firmen-, Technik- und Baugeschichte erzählt Stegman, wie die in Karlsruhe gegründete Zementwarenfabrik Lang & Cie zum Betonpionier Dyckerhoff & Widmann aufstieg, später bekannt als DYWIDAG. Dabei waren systematische Werkstoffforschung, Öffentlichkeitsarbeit und Verbandstätigkeit im Deutschen Beton-Verein entscheidende Erfolgsfaktoren. So erfolgte die Verbreitung dieser Bautechnik nach Analyse des Autors nicht als Reaktion auf Bedürfnisse des Marktes, sondern durch aktive Vermarktungs- und Netzwerkstrategien – eine These, die von der Forschung diskutiert und auf ihre Anwendbarkeit auf andere Bautechniken sowie weitere Phasen der architektonischen Entwicklung hin überprüft werden sollte. Anfangs propagierte das Bauunternehmen seinen Stampfbeton in Konkurrenz zu Eisenindustrie und Eisenbeton-Anbietern, so dass dieses Material über Jahrzehnte die Bauweise in Deutschland dominierte. Hauptargumente waren die besseren Brandschutzeigenschaften und der niedrige Unterhaltungsaufwand.

Der Hauptbahnhof in Karlsruhe von August Stürzenacker (1908) bietet heute noch ein beeindruckendes Raumerlebnis.

Der Hauptbahnhof in Leipzig von 1907 und die Jahrhunderthalle in Breslau von 1912 waren zentrale Impulse der Firma. Doch das Buch stellt auch viele Bauten in Baden-Württemberg vor: den Graf-Eberhard-Bau und das Kunstgebäude in Stuttgart, die Garnisonskirche in Ulm, die Hochschule und das Kaufhaus Tietz/Breuninger in Pforzheim, das ZKM in Karlsruhe sowie andere Fabriken in Offenburg, Oberndorf am Neckar und Schramberg, sogar die abgebrannte Kuppel des klassizistischen Doms von Sankt Blasien im Schwarzwald wurde 1910 in Eisenbeton erneuert. So wird dabei auch die Innovationsbereitschaft der Architekten Theodor Fischer, Paul Bonatz, Friedrich Ostendorf, Karl Hengerer, August Stürzenacker und P. J. Manz beleuchtet, um nur die Bekanntesten zu nennen. Für Liebhaber von Brücken, Gasbehältern, Wassertürmen, Bahnsteigdächern und Kläranlagen ist das Buch sowieso ein Muss.

Rohbau des Graf-Eberhard-Baus in Stuttgart von Karl Hengerer (1907). Alle Fotos aus dem besprochenen Buch.
Marc Hirschfell / 12.06.2014