Wissensupdate und Erfahrungsaustausch für Sachverständige

Architektur

Erstmals fand am 13. März der Stuttgarter Bausachverständigentag des BVS Landesverbandes Baden-Württemberg in Kooperation mit dem Institut Fortbildung Bau statt. Rund 80 Sachverständige für Schäden an Gebäuden und sachverständige Architekten informierten sich im Haus der Architekten über wichtige Neuerungen, Novellen und Änderungen in Regelwerken und Verordnungen der Jahre 2013 und 2014. 

So breit gefächert wie das Aufgabenfeld von Sachverständigen war dabei auch das Spektrum der Vorträge: vom Europarecht mit der Bauproduktenverordnung bis zum richtigen Umgang mit Schwierigkeiten, die beim Ortstermin zur Immobilienbewertung im Scheidungsverfahren auftreten, und von den Vorschriften zur Umsetzung der Klimaschutzziele bis zur betriebswirtschaftlich auskömmlichen Abrechnung der Fotos im Gerichtsgutachten - die Referenten vermittelten wichtiges Handwerkzeug für die Berufspraxis von Sachverständigen. Inhaltlich vorbereitet, geleitet und moderiert war der Sachverständigentag von Helmut Stötzler, Freier Architekt, ö.b.u.v. SV für Schäden an Gebäuden, Stuttgart, der auch Vorsitzender des Arbeitskreis' Sachverständigenwesen der Architektenkammer ist.

Prof. Jürgen Ulrich, Vorsitzender Richter am Landgericht Dortmund a.D. eröffnete den Vortragsreigen und erläuterte anhand typischer Fragestellungen, wie der Sachverständige schwierige Situationen gekonnt meistert. Anschaulich und lebendig lieferte er aus seiner langjährigen Gerichtstätigkeit Beispiele, wohin der Sachverständige "als Auge des allein denkenden Gehirns Richter" beim Ortstermin schauen soll und wohin besser nicht - und warum das Auge nur schauen und nicht handeln soll.

Die Novelle der Energieeinsparverordnung 2014 und die Probleme bei deren Anwendung in der Praxis waren Thema für Rainer Dirk, Architekt, ö.b.u.v. SV für Wärmeschutz im Wohnungsbau, Regensburg. Sein Vortrag bot einen kurzen Überblick und Ausblick auf die kommenden Änderungen und Neuerungen, beleuchtete aber auch die Defizite und Unstimmigkeiten der Verordnung. So ist es beispielsweise wenig hilfreich, dass der Gesetzgeber heute noch keine einheitlichen Ansätze zur Definition eines "nearly zero energy building" hat, das jedoch für öffentliche Gebäuden bereits ab 1. Januar 2019 als Standard realisiert werden muss - fatal angesichts der gerade für solche Gebäude üblichen längeren Planungs- und Realisierungszeiten. Aber auch die vielen unterschiedlichen Fristen oder die pauschal über einen einzigen Reduktionsfaktor umgesetzte Verschärfung bei den Neubauanforderungen ab 1. Januar 2016 sind wenig befriedigend.

Dipl.-Ing. (FH) Roland Kurz, ö.b.u.v. SV für Schallschutz, Winnenden, Mitglied im Normenausschuss DIN 4109, versuchte, etwas Ordnung in das "Chaos" der unterschiedlichen Norm- und Richtlinien-Ausgaben zu bringen und erläuterte den Stand bei der Novellierung der DIN 4109 - Schallschutz im Hochbau. Im Spannungsfeld zwischen bewährten und in der Praxis üblichen Bautechniken und dem Wunsch nach immer besserem Schallschutz ist ein Regelwerk erforderlich, das handhabbare und praxisgerechte Planungsregeln zur Verfügung stellt, aber auch realistische Prognosen für das erzielbare Schallschutzniveau ermöglicht. Der vom Entwurfsverfasser, Planer oder Bauträger vorgesehene Schallschutz muss in den vertraglichen Vereinbarungen übereinstimmend formuliert bzw. kommuniziert sein, ist aber immer auch von der vorgesehenen Bauweise abhängig und muss daher mit dieser vereinbar sein.

Nach der Mittagspause stellte Walter Herre, 1. Vorsitzender des BVS Landesverbands Baden-Württemberg, dieses Netzwerk öffentlich bestellter und vereidigter sowie qualifizierter Sachverständiger und die Arbeit des Vereins kurz vor. Anschließend erläuterte Rechtsanwalt Wolfgang Jacobs, Geschäftsführer der Bundesgeschäftsstelle BVS, Berlin das seit 1. August 2013 geänderte Justizvergütungs- und -entschädigungsgesetz - JVEG. Zum einen gab er grundsätzliche Hinweise zur Anwendung, z.B. hinsichtlich der verbindlichen Fristen zum Einreichen der Vergütungsabrechnung. Zum anderen stellte er systematisch die Neuerungen und die damit verbundenen Auswirkungen in der Praxis auf die Vergütung der für Gericht tätigen Sachverständigen vor. So gibt es für die Sachverständigentätigkeit im Bauwesen keinen einheitlichen Stundensatz mehr. Vielmehr differiert dieser für die unterschiedlichen Sachgebiete Planung, handwerklich-technische Ausführung, Schadensfeststellung und Baustoffe. Ist die Leistung auf mehreren Sachgebieten zu erbringen, bemisst sich das Honorar einheitlich für die gesamte erforderliche Zeit nach der höchsten dieser Honorargruppen, sofern dadurch das Ergebnis unter Berücksichtigung des Schwerpunktes der Leistung nicht unbillig wird - wie immer man das bewerten mag.

Prof. Dr.-Ing. Sylvia Stürmer, HTWG Konstanz, referierte zur Bedeutung der neuen Bauproduktenverordnung BauPVO vom 1. Juli 2013 für die Arbeit des Sachverständigen. Die bisher sechs "Wesentlichen Anforderungen an Bauwerke" gemäß Bauproduktenrichtlinie werden mit der BauPVO in "Grundanforderungen an Bauwerke" umbenannt, inhaltlich teilweise erweitert und um eine siebte Anforderung ergänzt. Wesentliche Merkmale eines Bauprodukts werden in Bezug auf die Grundanforderungen an Bauwerke über harmonisierte technische Spezifikationen festgelegt und in der Leistungserklärung des Herstellers dokumentiert, die die bisherige Konformitätserklärung ersetzt. Wenn das Bauprodukt die wesentlichen Merkmale erfüllt, können auch die Grundanforderungen an Bauwerke erfüllt werden. Gerade bei der Beurteilung von Bauschäden ist eine sorgfältige und vollständige Dokumentation der Leistungserklärungen der eingesetzten Bauprodukte ungemein hilfreich und oft von entscheidender Bedeutung.

Zum Abschluss gaben Helmut Stötzler und Jochen Stoiber, Architekt, Referent Architektur und Technik der AKBW noch einen kurzen Über- und Einblick zu wichtigen Neuerungen bei technischen Regelwerken in den Jahren 2013 und 2014. Bereits Prof. Stürmer hatte darauf hingewiesen, dass die Regelwerke kaum noch zu überblicken sind, und allein für ein Wärmedämmverbundsystem - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - mehr als 20 einschlägige Normen aufgezählt. Eine umfassende Auflistung von Neuerungen in technischen Regelwerken ist wegen der Vielzahl nicht möglich, und so wurden schlaglichtartig einige wichtige Änderungen bei den öffentlich-rechtlichen Regelsetzungen von den Bundesgesetzen über die Regeln für Arbeitsstätten zum Landesrecht mit Nachbarrechtsgesetz, Landesbauordnung und Liste der technischen Baubestimmungen angeführt, aber auch auf die Novellierungen elementarer Normen wie DIN 18202 Toleranzen im Hochbau oder DIN 4108-2 mit den neuen Regelungen zum Nachweis des sommerlichen Wärmeschutzes hingewiesen.

Angesichts der grundsätzlich positiven Resonanz auf die Veranstaltung einerseits und der fachlich hochwertigen Beiträge andererseits kann der Bausachverständigentag als Erfolg gewertet werden. Neben der Vermittlung von Fachwissen bietet ein derartiges Forum auch die Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und zum Knüpfen von Netzwerken.

Im nächsten Jahr findet daher wieder ein Stuttgarter Bausachverständigentag statt, Interessierte merken sich schon heute Donnerstag, den 26. Februar 2015 vor.

Jochen Stoiber / 23.01.2015

Ihr Ansprechpartner in der Landesgeschäftsstelle

Alfred Morlock

Alfred Morlock
Geschäftsführer, Justitiar
Tel: 0711 / 2196-120
Fax: 0711 / 2196-121
alfred.morlock spamgeschützt @ spamgeschützt akbw.de

Ihr Ansprechpartner beim Institut Fortbildung Bau

Peter Reinhardt

Peter Reinhardt
Geschäftsführer
Tel: 0711 / 248386-330
Fax: 0711 / 248386-325
peter.reinhardt spamgeschützt @ spamgeschützt ifbau.de

Erfahrungsaustausch Sachverständigenwesen


Die Architektenkammer ist gesetzlich zur Mitwirkung bei der Bestellung von Sachverständigen für das Bauwesen verpflichtet.

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