Architekt und Stadtplaner Dr. Robert Kaltenbrunner legte – als fachlicher Freigeist, wie er sich selbst nannte, und nicht in seiner Funktion als Leiter der Abteilung „Bauen, Wohnen, Architektur” des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung – zu Beginn eine kritische Spur: Nachhaltigkeit scheine heute Notwendigkeit, Bedürfnis und Mythos in einem zu sein. Auch das Wechselverhältnis von Architektur und Sustainability sei merkwürdig offen.
Seinen Vortrag gliederte er mit zehn teilweise spekulativen, teilweise appellativen und manchmal streitbaren Thesen, die auf einer doppelten Einsicht beruhten: Zum einen sei das Bauen die ressourcen- und material- intensivste menschliche Tätigkeit überhaupt, zum anderen verliere sich jedoch die architekturbezogene Nachhaltigkeitsdebatte in technischen Spezifikationen. Nach Kaltenbrunners Wahrnehmung werden zu sehr Einzelaspekte fokussiert, die größeren Zusammenhänge hingegen mehr und mehr vernachlässigt. Er riet den Architekten, Fragen der Nachhaltigkeit nicht an Fachleute zu delegieren.
Und er hielt ihnen den Spiegel vor: Seiner Meinung nach läge ein nicht zu unterschätzendes Problem auch in der Novitätensucht der Architektur - also wenn an die Stelle von Pragmatismus, Effektivität, Logik und Funk- tionsgerechtigkeit der Zwang zu formaler Neuheit träte. Wirklich nachhaltiges Bauen gäbe es nur als Synthese von technologisch-ingenieurmäßigem Handeln und gesellschaftspolitischen, wertebasierten und werteorientierten „Ansprüchen“, so Kaltenbrunner. Besonders wichtig war ihm der Hinweis darauf, dass Neubauten an sich in Bezug auf den Klimawandel eine unerhebliche Rolle spielen, vielmehr müssen die städtebauliche Dimension und insbesondere die Bestandsbauten fokussiert werden. Planer und Architekten seien gut beraten, sich hierbei konstruktiv einzubringen.
Bei alldem müsse das Rad nicht neu erfunden werden, denn die ursprünglichen Werte guter Baukunst seien am nachhaltigsten: sorgfältige Planung, durchdachte Details, gute Ausführung - sowohl im Städtebau als auch in der Architektur. Für eine größere Akzeptanz in der Bevölkerung brauche das nachhaltige Bauen jedoch eine überzeugende sinnliche Präsenz, eine einheitliche Ästhetik hingegen nicht.
Damit war die Überleitung zu Prof. Amandus Sattler, Allmann Sattler Wappner Architekten, perfekt hergestellt, denn nach dessen Auffassung gilt das Prinzip der Nachhaltigkeit als Summe aller Qualitäten für alle Lebensbereiche. Ästhetik sei jedoch abhängig von der Wahrnehmung und der Erfahrung der Menschen. Sie sei nicht die Lehre des Schönen, sondern die Art und Weise, wie Urteile darüber begründet werden.
Vermittlung von Gestaltungskompetenz müsse daher viel mehr und überall stattfinden, denn derzeit strebe die Gesellschaft nur nach Stabilität, entsprechend sähen viele Gebäude auch aus. Auf die Planungsprozesse bezogen müssten Projekte heute vielmehr entlang zahlreicher Parameter ausbalanciert werden. „Dies erfordert von Architekten ein vernünftiges und verantwortliches Handeln – dann kann man sich den arg strapazierten Begriff der Nachhaltigkeit auch sparen.“
Ansgar Schulz, Schulz & Schulz Architekten, berichtete, dass in ihrem Büro Nachhaltigkeits- kriterien – bewusst oder unbewusst – in den Entwurfsprozess einflössen und die Gestalt des Gebauten mitbestimmten, anschaulich erläutert am Beispiel der katholischen Propsteikirche St. Trinitatis in Leipzig. Im Wettbewerb, den sie 2009 für sich entschieden haben, entwickelten sie die Entwurfsidee des autarken und ewigen Raums, der auch als Schutzraum fungieren könne, und machten damit deutlich, dass über Nachhaltig-
keitskriterien hinaus noch immer das grundsätzliche architektonische Konzept die eigentliche Basis für gut gestaltete Räume böte. Die technischen Lösungen hingen meist von ganz unterschiedlichen Faktoren ab und erforderten Flexibilität.
Eine seiner These sei, dass Nachhaltigkeit als additive Entwurfsmethode zu schlechter Architektur führe, denn sie berge die Gefahr, eines technokratisch-additiven Vorgehens, aus dem seiner Meinung und auch Beobachtung nach keine ganzheitlich guten Räume entstehen könnten. Nachhaltigkeit helfe jedoch, Architektur verständlich zu kommunizieren.
Um Kommunikation ging es auch Fleur Keller, Hascher + Jehle Planungsgesellschaft. Baukultur überzeuge nur da, wo sich die einzelnen Bestand- teile in einem sinnfälligen Miteinander bewegen. Wie bei einem Mobile müsse der kontinuierliche Dialog zwischen allen am Planungs- und Baupro- zess Beteiligten bis hin zu den Nutzern austariert werden. Für ihre Präsentation hatte sie durchweg ältere Projekte des Büros ausgewählt und demon- strierte damit, wie zuvor auch Schulz, dass nach- haltiges Bauen per se nichts Neues für Architekten ist.
Kritisch sah sie die hohen Anforderungen, auch in Bezug auf Nachhaltigkeitskriterien, in Wettbewerben. Und wem nütze es, wenn Architekten mit Fachplanern dafür bereits in einen kreativen Dialog träten, wenn ihnen für die Realisierung dann neue Planungspartner zur Seite gestellt würden?
Thomas Auer von Transsolar Energietechnik GmbH – einziger Ingenieur im Referententeam – gab zu, dass man heute noch gar nicht wisse, wie das von der EU verkündete Ziel, bis 2050 alle Gebäude CO2-neutral zu errichten bzw. auf diesen Standard zu sanieren, überhaupt technisch erreicht werden könne. Man sei sich mit den Architekten einig, dass Gebäude zu „verhüllen“, nicht die Lösung sei, und er widersprach Kaltenbrunner: An der Stelle müsse das Rad eben doch neu erfunden werden.
Und auch ein Wettbewerb ist seiner Meinung nach nicht immer ein Garant für gute Architektur. Beim nachhal- tigen Bauen finde er die Schnittstelle zwischen Gestaltung und Engineering sehr spannend. Allerdings treibe unser Anspruch an Komfort die Kosten in die Höhe. In Wettbewerben würde auch er die Nachhaltigkeits- aspekte lieber reduzieren. Das Zertifizierungssystem an sich sei zwar sehr komplex, ziehe aber nicht auto- matisch schlechte Architektur nach sich; Architekten müssten sich dem Thema jedoch stärker annehmen.
Für Konstantin Jaspert, JSWD Architekten, darf Baukultur und Nachhaltigkeit nicht zum Wider- spruch werden. Im DGNB-Zertifizierungssystem werden allerdings nur drei Kriterien der Gestal- tungsqualität zugerechnet. Eine Vernachlässi- gung der Gestaltung führe aber unweigerlich zu einem Verlust an Baukultur. Die Entwurfsleistung von Architekten sei daher auch künftig wesentlich und gestaltprägend. Dabei beginne für ihn die Nachhaltigkeit bereits mit dem städtebaulichen Konzept und setze sich fort in funktionierenden Gebäuden mit Räumen, in denen sich die Men- schen wohlfühlen. Denn dies führe zu langlebigen und damit auch werthaltigen Immobilien. Nachhaltiges Bauen machte er zudem an Materialien und Konstruktion fest.
In der ersten Diskussion wurden die Argumentation der Referenten ergänzt von Dorothea Scheidl-Nenne- mann, bei der Sedus Stoll AG für die PR verantwortlich, und Frank Berlepp, Geschäftsführer der LBBW Immobilien Developement GmbH. Für Unternehmen wie die Sedus Stoll AG sei Nachhaltigkeit selbst- verständlich, gute Architektur inklusive. Ein Zertifikat sei für ihr Unternehmen nicht so wichtig, niedrige Lebenszykluskosten hingegen schon. Projektentwickler interessiere natürlich die Rendite, jedoch müssten auch sie sich den Marktanforderungen stellen. Somit genügten auch LBBWImmobilien nachhaltigen Standards. Beklagt wurde von allen, dass durch die Komplexität der Bauvorhaben heute zwar viele Fachleute mit am Tisch säßen, aber keiner Verantwortung übernehmen wolle.
Die zweite Gesprächsrunde wurde ergänzt durch Simone Walser, Projektmanagerin bei der STRABAG Real Estate GmbH, und dem Tübinger Baubürgermeister Cord Soehlke. Walser bestätigte, dass Zertifizierungen bei der Immobilienvermarktung helfen würden, sie aber eine reine Fleißarbeit darstellten und keinerlei Auswirkungen auf den Planungsprozess hätten. Das Geld, was Zertifizierungen kosten, investierten Kommunen lieber in die Sanierung von Bestandsbauten, so Soehlke. Er forderte vor allem die Auseinandersetzung mit der städtebaulichen Dimension. Und ein Bonmot der Fachtagung prägte Jaspert: „Gute Weine misst man auch nicht an ihrem Oechslegehalt sondern doch wohl eher an ihrer Qualität.“
Es ließen sich noch viele andere Aspekte nennen, die bei der Fachtagung zur Sprache kamen. Im Fazit fasste Andrea Georgi-Tomas, die die Veranstaltung fachkundig moderierte, zusammen: Die Zertifizierung sei zwar technisch orientiert und bürokratisch, schränke aber die Kreativität der Architekten nicht ein. Die gestalterische Qualität käme jedoch entschieden zu kurz. Auch der städtebaulichen Dimension müsse man noch mehr Aufmerksamkeit schenken. Architekten sollten sich stärker einbringen und der Nachhaltigkeit damit zu mehr sinnlicher Präsenz verhelfen.
Carmen Mundorff

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