Programmatischer Wohnungsbau

Berufspolitik

Perspektivenwechsel in der Flüchtlingsunterbringung - das derzeitige Dauerthema bietet gesellschaftliche Chancen für ein Umdenken im Wohnungsbau

Architektur ist sehr viel mehr, als die stilsichere Gestaltung vorgegebener funktionaler oder räumlicher Zusammenhänge. Sie kann bei der Lösung konkreter gesellschaftlicher Aufgaben hohe Relevanz entwickeln. Wie leistungsfähig Architektur in der Entwicklung menschengerechter baulicher Konzepte sein kann und wie weit ihre Vernetzung mit Sozialwissenschaften gehen kann macht aktuell die Zusammenarbeit unserer Projektgruppe "Flüchtlingsunterbringung" mit der Landespolitik, den kommunalen Spitzenverbänden, mit der Wohnungswirtschaft und Vertretern der Kirchen zu dieser Thematik deutlich. Der konzeptionelle Ansatz der AKBW zielt dabei über die akut diskutierte Erstunterbringung hinaus auf langfristig sinnvolle, integrierte Wohnungsbaukonzepte.

Das Thema bewegt sich im Spannungsfeld stetig steigender Zuwanderungszahlen. Akuter Handlungsdruck steht dem Ziel guter Rahmenbedingungen für eine langfristige Integration der anerkannten Asylbewerber gegenüber. Die Politik bewegt sich im Spagat zwischen schnell verfügbarem Wohnraum und dauerhaften Unterbringungsmodellen für die neuen Mitbürgerinnen und Mitbürger. In den meisten Kommunen werden Grundstücke händeringend gesucht, doch allein Flächenrecycling und Nachverdichtung reichen nicht aus.

Das Problem der Flüchtlingsunterbringung deckt strukturelle Defizite des Wohnungsbaus auf. Auch wenn Kommunen für die Anschlussunterbringung von Asylbewerbern 25 Prozent der Grundstücks- und Baukosten durch das Landesförderprogramm "Wohnraum für Flüchtlinge" bezuschusst bekommen, laufen die derzeitigen Finanzierungsmodelle für den sozialen Mietwohnungsbau ins Leere. Notwendig ist eine Differenzierung der Lösungsstrategien im Hinblick auf Ballungsräume und deren Peripherie, städtische und eher ländliche Räume. Ein zukunftsgerichtetes Förderkonzept muss ein Anreizsystem für konkret umsetzbare Lösungen beinhalten. Gemeinsam mit dem Städtetag und dem Verband der Wohnungswirtschaft suchen wir nach Alternativen für Finanzierungs- und Förderungsmodelle.

Wohnungsnachfrage wird preissensibler. Der Markt wird es nicht richten. Die Alterung und Individualisierung der Gesellschaft hat bis in die Gegenwart zu kleineren Haushaltsgrößen mit steigender Wohnfläche pro Person geführt. Aber bereits in 15 Jahren werden die geburtenstarken Jahrgänge in die Ruhestandsphase eintreten. Die verfügbaren Renteneinkommen dieser Generation werden geringer sein als heute. In diesem preissensiblen Markt wird sich eine nochmals zunehmende Zahl von Studierenden und Zuwanderern aus dem Ausland bewegen. Die Nachfrage nach bezahlbarem Wohnraum wird also dramatisch steigen. Dem steht ein strukturelles Defizit im Wohnungsangebot gegenüber. Im vergangenen Jahrzehnt wurde nur die Hälfte des statistisch prognostizierten Wohnungsbaubedarfs realisiert. Die aktuellen Daten des statistischen Landesamtes weisen einen Rückgang der genehmigten Neubauwohnungen um fast 12 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres aus. Der Markt richtet es offenbar auch in einer anhaltenden Niedrigzinsphase nicht.

Chance zur landesweiten Diskussion über kostengünstigen und sozial integrierten Wohnungsbau. Der Umgang mit dem Thema Flüchtlingsunterbringung spiegelt das gesellschaftliche Selbstverständnis unseres Landes, öffnet den Blick auf die Entwicklung im allgemeinen Wohnungsmarkt und zwingt zu großformatigem, konzeptionellem Handeln. Und sie steht in der Tradition des qualitätsorientierten Massenwohnungsbaus der Moderne. Die Architektenkammer ruft daher dazu auf, die Flüchtlingsunterbringung als Chance zum (Wieder-) Einstieg in eine landesweite Diskussion über kostengünstigen und sozial integrierten Wohnungsbau zu nutzen.

Zuwanderung hat Tradition. Sie war schon immer Anlass für programmatischen Wohnungsbau: Als Folge der Industrialisierung entstanden Ende des 19. Jahrhunderts gründerzeitliche Mietskasernen und in Zeiten von Inflation und wirtschaftlicher Not entwickelte man am Bauhaus kostengünstige und funktionale Wohnhäuser – die Klassische Moderne bezog ihre Faszination aus ihrem gesellschaftlichen Anspruch! Der Siedlungsbau der 1950er und noch der 1960er Jahre bewältigte den starken Zuzug von Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg. Und auch die Wohnungsbauschwerpunkte in den 1990er Jahren sind u.a. den kriegerischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien und der großen Zahl an Spätaussiedlern geschuldet. Viele Städte beziehen ihre Identität aus diesen Zuwanderungswellen. Friedrichshafen etwa hat seine Einwohnerzahl von 1950 (20.501) bis heute (59.170) verdreifacht. Unser Ziel muss es sein, vergleichsweise schnell zu stärkeren Konzepten zu kommen. Wir schlagen daher einen Perspektivenwechsel vor:

  • Inklusion statt Integration
  • Gemeinwesenarbeit statt Sozialarbeit
  • Wohnen statt Unterbringung

Unser Vorschlag an die Landesregierung: ein konzeptionell hinterlegtes und schnell umsetzbares Wohnungsbauförderprogramm "65-65-65". Die Idee: Bis zum 65. Landesgeburtstag im Jahr 2017 an 65 Standorten in Baden-Württemberg mit jeweils 65 Wohneinheiten insgesamt 4.225 Wohnungen schaffen. Dabei empfehlen wir die gemeinsame Mittelverwendung von Wohnungsbauförderung und dem Programm "Wohnraum für Flüchtlinge", ein Wohnangebot für Asylsuchende und kostensensible Nutzergruppe gleichermaßen und zeitgemäße Wohnformen und Bauweisen zur optimalen und bezahlbaren Nutzung von Wohnbauflächen. Wir setzen auf städtebauliche Prozesse mit Wettbewerben unter Einbeziehung der Freiräume, auf eine Nachbarschaftsorientierung als "Ökonomie der Genügsamkeit und des Teilens" sowie auf Wirtschaftlichkeit und rationelle Bauweisen.

Kommunen, Kirchen und Wohnungsunternehmen sind offen für konzeptionellen Wohnungsbau. In Stuttgart wurde im Juli der Wettbewerb für das Wohnquartier St. Vinzenz Pallotti, bestehend aus einer viergruppigen Kindertagesstätte, einem Integrativen Wohnmodell für Flüchtlinge, Wohnraum für Studierende, einem Gemeinschaftsraum und bis 70 Eigentumswohnungen entschieden. Gemäß dem Stuttgarter Innenentwicklungsmodell sind mindestens 20 Prozent der neugeschaffenen Geschossfläche für Wohnen als geförderter Wohnraum zu realisieren. Am Hochrhein wurde eine Planungskonkurenz für Anschlussunterkünfte durchgeführt, dessen Ergebnis belegt, dass individuell geplante Lösungen bereits nach wenigen Jahren kostengünstiger sind als Container. Selbst das Argument, dass individuell geplant und gebaut, länger dauert, kann entkräftet werden, denn in Jestetten im Landkreis Waldshut wurde im Februar die Mehrfachbeauftragung durchgeführt und bereits zwei Tage nach der Jurysitzung der Auftrag erteilt. Nach der öffentlichen Ausschreibung erfolgte Ende Mai der Baubeginn, der Bezug ist für Ende Februar 2016 geplant. Wenn alle an einem Strang ziehen (und eine genehmigungsfähige Planung vorgelegt wird), lässt sich also vieles zeitnah bewegen und bewirken.

Die Architektenkammer Baden-Württemberg fordert eine breit angelegte Diskussion über programmatischen Wohnungsbau als Baustein einer zukunftsfähigen Gesellschaft - mit

  • einer Bauqualität, damit nachhaltige Bauformen und -qualitäten Förderkriterien werden,
  • einem Baurecht, um zukunftsfähige und experimentelle Lösungen zu ermöglichen
  • einer Bauförderung, denn die Förderpolitik muss dafür konzeptionell ausgereichtet werden, und
  • mit Bauland, damit für integrative Quartierskonzepte Raum mobilisiert wird! 

Markus Müller, Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg

bei Rückfragen / 25.08.2015

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