Welche Planungsansätze derzeit europaweit verfolgt werden, umriss die Urbanistin und Landschaftsarchitektin Dr. Sabine Knierbein in ihrem ambitionierten Vortrag, überschrieben "Öffentliche Räume. Stadtkulturelle Herausforderungen zwischen Gestaltungsqualität und gesellschaftlichem Wandel". Im ersten Abschnitt erörterte sie Räume von Freiräumen über Denkräume bis hin zu den öffentlichen Räumen. Auf letzteren spiele sich öffentliches Leben ab, aber auch Alltagsleben. Knierbein bemängelte, dass an den Hochschulen diese Sozialisationsaufgabe des öffentlichen Raumes zu wenig gelehrt werde. Im Weiteren zeigte sie dazu unterschiedliche Herangehensweisen auf: Während um den neuen Wiener Hauptbahnhof herum eine selektive Freiraumpolitik gemacht wird, haben die Lyoner ihr Freiraumkonzept in den regionalen Kontext gestellt und in Kopenhagen werde das Modell der fahrradgerechten, belebten Stadt verfolgt. Unsere Bundeshauptstadt hingegen verfolge gleich drei Freiraum-Konzepte: Im jedermann/jederfrau zugänglichen Regierungsviertel werde die Republik veröffentlicht, am Potsdamer Platz zeige man den zivilgesellschaftlich realisierten Wettbewerb der Aufmerksamkeit (z.B. mit kommerziellen Toilettenhäusern der Wall AG) und hin und wieder werde der öffentliche Raum auch für den politischen Wettbewerb um die globale Aufmerksamkeit genutzt (wie bei Barrack Obamas Auftritt an der Siegessäule noch vor seiner Wahl zum Präsidenten der USA). Barcelona unterhalte seit einiger Zeit in Markthallen öffentliche Institutionen, bei der die Bevölkerung sich z.B. in Ernährungsfragen beraten lassen könne. Damit werden Gestaltungsprozesse sinnvoll mit gesellschaftspolitischen verknüpft und die lokale Kohäsion gestärkt. Städte stünden oftmals im Konflikt, mit öffentlichen Räumen zum einen den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern, zum anderen wirtschaftliche Standortpolitik betreiben zu müssen. Nach ihrer Meinung lassen sich in diesem Spannungsfeld aber durchaus gestalterische Fragen ansiedeln. Sie empfahl eine behutsame und verlangsamte Stadtentwicklungspolitik und eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und dies in einem kreativen Prozess, im Kollektiv und im gesellschaftlichen Kontext.
Nach Meinung des international tätigen Landschaftsarchitekten Andreas Kipar leben wir Menschen nicht mehr in Räumen und bilden sie auch nicht mehr aus, Architektur werde nicht mehr wahrgenommen (außer von Studenten) und man entferne sich zunehmend vom gesellschaftlichen Empfinden. In dieser immer hektischer werdenden Welt sehnen sich die Menschen nahezu nach leeren Räumen. Diese zu gestalten erfordere aber Mut von den Verantwortlichen. In Mailand hatte man diesen: Trotz hohem Siedlungsdruck wurde in der norditalienischen Metropole auf einer 600 ha großen Industriebrache nicht nachverdichtet sondern auf seinen Rat hin über fünf Jahre zwei Millionen Bäume gepflanzt. Und dies sei nun ein großes Kapital der Stadt: Während Architektur sich 15 bis 20 Jahre rentiere, komme Landschaftsarchitektur nämlich "erst nach 15 bis 20 Jahren groß heraus". Wie Dr. Knierbein empfahl er Stadtentwicklung zu verlangsamen, den Bestand zu reflektieren (zum Beispiel bei Spaziergängen mit den Verantwortlichen durch die Stadt), ein wenig zu träumen und dann erst zu handeln. Diese Vorgehensweise nennt man "smart urbanism". Stadtentwicklung sei ein zentraler Bestandteil unserer Zukunft, und sie brauche Zeit und eine Strategie bzw. Rahmenpläne, insbesondere mit Blick auf die grüne Infrastruktur. Denn mit Freiraum schaffe man wertvollen Stadtraum, was er an einem weiteren Mailänder Beispiel – den raggi verde – und an Essener Projekten erläuterte. Immer schaue er zunächst nach Aufmerksamkeitsbereichen, belichte diese, inszeniere sie und erst danach werde projektiert und realisiert. Er verwies auch auf den internationalen Trend der "Green City", der vom New Yorker Bürgermeister bis hin zum französischen Staatspräsidenten weltweit propagiert werde. Die deutsche Siemens AG hatte sogar zur UN-Klimakonferenz 2008 in Kopenhagen einen European Green City Index vorgelegt: In einer Studie ließ sie 30 Metropolen aus 30 europäischen Ländern hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeit im Umgang mit Ressourcen und der Umwelt sowie ihr Engagement für mehr Umweltschutz bewerten. Unter den Top Ten belegte Berlin den achten Platz. Für noch lebenswertere Städte empfahl Kipar abschließend das Miteinander der Akteure noch zu optimieren, sonst funktioniere das notwendige Verzahnen der Konzepte nämlich nicht.
Wie bei den vorangegangenen drei Veranstaltungen schloss sich eine Diskussion, wieder souverän moderiert von Prof. Urs Kohlbrenner, an, diesmal jedoch brachte sich das Auditorium am stärksten ein. Auf die Frage von Christof Luz, wie man die Vielfalt der Erkenntnisse nun auf Stuttgart anwenden solle, riet Kipar sich zum Beispiel an der IBA Emscher Park zu orientieren. Dort habe die Zivilgesellschaft Geld gesammelt und Masterpläne beauftragt. Man benötige seiner Meinung nach in Stuttgart einen Prozess der Findung. Das international bezeichnete Stuttgarter Syndrom werde man nicht mehr los, also müsse man etwas daraus machen. Kohlbrenner fasste den "anregenden und aufrüttelnden Abend" in vier Kapiteln und in nur vier Minuten zusammen:
Präsident Riehle lobte zum Schluss die besondere Qualität der jeweils gegensätzlichen Vorträge und die der Moderation. Und er freute sich über die besondere Atmosphäre, die während aller vier Veranstaltungen zu spüren gewesen sei. Das Ziel der Kammer, mit fachlichem Input die sehr konträre Diskussion um das Großprojekt Stuttgart 21 wieder zu versachlichen, sei erreicht. Wer einzelne und gar alle Veranstaltungen verpasst habe, kann im neuen Internetauftritt der Kammer die gesamte Vortragsreihe nachverfolgen. Das Kuratorenteam Prof. Tobias Wallisser und Prof. Leonhard Schenk arbeite nun mit Vizepräsident Prof. Sebastian Zoeppritz an der Dokumentation der Reihe "Z 21 – zukunftsfähige Stadtentwicklung für Stuttgart", die bis Anfang Juli vorliegen soll.

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