Zukunft Architektur: nachhaltig entscheiden

Fortbildung

Jörg H. Gleiter (Dr.-Ing. habil., M. S.) ist Architekt und Professor für Ästhetik an der Fakultät für Design und Künste der Freien Universität Bozen. Er studierte Architektur in Berlin, Venedig und New York. Herausgeber der Reihe ArchitekturDenken (Transcript Verlag Bielefeld).

Dann sprechen wir von Zukunft. Sie rollt gerade auf uns zu. Unaufhaltbar. Mit einem unvorstellbaren Zuwachs von jährlich 80 Mio., der Größe der Bundesrepublik Deutschland, hat vor kurzem die Menschheit die Marke von 7 Milliarden überschritten. 1970 waren es gerade einmal halb so viel. Dass der Schock ausblieb, ist das eigentlich Verstörende.

Ernüchtert müssen wir uns fragen: Haben wir überhaupt noch Gestaltungsmöglichkeiten? Baukunst oder Revolution, dieses Motto hatte Le Corbusier in Ausblick auf eine Architektur ausgegeben. Das war sehr schmeichelhaft für die Architekten. Andererseits darf man sich angesichts der Milliarden von Menschen, die zum Teil unter unmenschlichen Bedingungen hausen, schon fragen, warum die Revolution ausbleibt.

So ernüchternd die Zahlen sind, ist es doch fraglich, ob diese Betrachtungsweise richtig ist. Es darf bezweifelt werden. Denn die allein quantitative Bewertung verkennt, dass sich etwas Grundlegendes geändert hat: Dass mit der Sichtbarkeit der Grenzen auch die individuelle Verantwortung des Einzelnen für das Ganze wächst. Das macht die neue Qualität aus. Nur auf dieser Grundlage kann das Sprechen über Zukunft überhaupt Sinn machen.

Zukunft Architektur. Die Notwendigkeit zum nachhaltigen Entscheiden stellt jeden wieder in die Verantwortung zurück. Ja, zurück – denn Nachhaltigkeit ist nur aus jener Verantwortung für das Ganze heraus praktizierbar, die in den Jahrhunderten vor unseren modernen Zeiten jedes Wirtschaften – wenn auch lokal beschränkt – auszeichnete. Die besondere Herausforderung liegt darin, dass das Ganze heute mehr ist als das unmittelbare persönliche Umfeld, ja, es schließt wörtlich die ganze Welt ein.

So dass man feststellen kann, dass nachhaltig Entscheiden Zeichen eines veränderten Bewusstseins ist. Man kann von einer neuen Mündigkeit des Menschen sprechen, die hier sichtbar wird. Dass wir an einer historischen Wende stehen, wird daraus ersichtlich, dass es das erste Mal in der Geschichte der Menschheit ist, dass nicht die Eroberung neuer Räume, die Kolonialisierung neuer Kontinente oder des Weltraums, sondern die Erkenntnis der Grenzen zur Erweiterung des menschlichen Bewusstseins führt.

Damit ändert sich auch das Konzept von Zukunft. Sie ist nicht mehr, was sie zu Zeiten der heroischen Moderne mit ihren schillernden, bunten und euphorisierenden Zukunftsphantasien war: Wie Le Corbusiers schöne und ideale Zukunftsvision einer Ville contemporaine für 3 Millionen, wie Archigrams futuristische, sich selbst weiterbauende Plug-In Cities oder die nicht minder radikalen Utopien schwimmender Städte der japanischen Metabolisten. Alles Utopien der Expansion.

Hausverstand – eine andere Utopie. Die Herausforderung, die im Konzept der Nachhaltigkeit liegt, ist, die Umkehrung zu denken, die möglichen Freiheitsgrade zu entdecken, die in der Beschränkung liegen. Dafür mag es hilfreich sein, einen Schritt zurückzugehen. Denn ein anderes Wort für Nachhaltigkeit ist ein altbekanntes, der Hausverstand. Der Begriff Hausverstand zeigt, dass im Zentrum des nachhaltigen Entscheidens das Haus steht, also jener Bereich des täglichen Lebens, der in individueller Verantwortung und Zielsetzung bestimmt wird. Es ist jener Bereich, der in der klaren Definition der Grenzen des umschlossenen Raumes seinen Bewohnern erst die vielfältigsten Entfaltungsmöglichkeiten erlaubt.

Gleichzeitig muss angemerkt werden, dass Hausverstand mehr als vernünftiges Wirtschaften heißt. Es betrifft das Leben schlechthin, das tägliche Leben und Überleben ebenso wie das Leben in seiner zyklischen Wiederkehr. Hausverstand ist eine andere Utopie, die nicht auf Expansion aus ist und schon überhaupt kein Paradiesversprechen formulierte. Vielleicht ist sie die einzige Utopie überhaupt, insofern ihr Ziel allein das menschenwürdige Zusammenleben unter den jeweiligen Bedingungen ist.

Und dieses ist bedroht von den 7 Milliarden. Mit dem Begriff der Nachhaltigkeit kehrt der Hausverstand in Form reflexiver Vergegenwärtigung der Grundlagen des Lebens in einer komplexen Welt zurück.

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