Architektenportrait Wolfgang Mayer

Wir über uns

Der Arbeitskreis Angestellte und Beamtete Architektinnen und Architekten führt seit 1994 Interviews durch, die die Bandbreite der Führungspositionen angestellter und beamteter Architekten aufzeigen soll. Wolfgang Mayer, bis 0ktober 2011 Leiter des Auslandsbüros der Hanns-Seidel-Stiftung (HSS), war diesmal Gesprächspartner im Haus der Architekten. Die Fragen stellten Christine Heizmann-Kerres, die sich mit diesem Interview aus dem Arbeitskreis verabschiedet, sowie Kai Fischer.

Wir freuen uns, dass Sie sich während Ihres Aufenthaltes in Stuttgart die Zeit für ein Treffen
nehmen. Erzählen Sie uns von der HSS!


Die HSS ist seit 1978 in Ägypten tätig und seit 2004 leite ich das Büro in Kairo. Die HSS ist eine sogenannte politische Stiftung mit Sitz in München. Für mich und meine Tätigkeit im Ausland ist das Architektenblatt eine wichtige Informationsquelle, das ich als langjähriges Kammermitglied auch in Ägypten bezogen habe.


Wie kamen Sie zu Ihrer heutigen Tätigkeit und wie war Ihre Ausbildung?


Ich studierte in Stuttgart und Innsbruck Architektur und habe 1973 diplomiert. Während meines Studiums arbeitete ich an Ausgrabungsstätten in Ägypten. Von 1976-81 war ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Archäologischen Institut verantwortlich für den Wiederaufbau der Tempelanlagen der Göttin Satet in Aswan/Elephantine. 1981 wechselte ich als Gebietsreferent zum Landesdenkmalamt Baden-Württemberg. 1991 übernahm ich bei der Stadt Stuttgart die Abteilung „Denkmalschutz und Stadtgestaltung“ beim Stadtplanungsamt. Ich war seit 1981 immer wieder in Ägypten bei Restaurierungen. Ab 1998 ließ ich mich beurlauben und habe als Gastprofessor an der Uni Kairo im Bereich Archäologie und Denkmalpflege gelehrt. 2005 übernahm ich das Büro der Hanns-Seidel-Stiftung.

Was heißt das in Ihrem Fall?


Als Abteilungsleiter der Stadt Stuttgart wurde ich für die entwicklungspolitische Arbeit freigestellt und habe sowohl für den Deutschen Akademischen Austausch Dienst, als auch für die HSS im Ausland gearbeitet.

Hatte das damit zu tun, dass Kairo Partnerstadt von Stuttgart ist?


Teilweise ja. Bei Sanierungsprojekten in der Altstadt, welche zum Teil von der Stadt Stuttgart finanziert wurden, habe ich meine Studenten mit eingebunden. Wir machten Schadensanalysen und führten Diskussionen über Umnutzungen eines Baudenkmals. Die Studenten kannten eine solche Arbeitsweise nicht.

Manche Länder fordern ihre Kulturgüter zurück — Ägypten die Nofretete oder Griechenland den Metopenfries des Parthenon. Was halten Sie davon? Immerhin wurden sie vermutlich dank ihrer „Verschleppung“ im 19. Jahrhundert bis heute erhalten. Man denke nur an die Zerstörung des archäologischen Museums von Kairo.


Natürlich muss man sehen, dass die archäologischen Grabungen, die im 19. Jahrhundert vom Kaiser in Berlin oder von Paris und London finanziert wurden, klar darauf ausgerichtet waren, die Museen der Hauptstädte mit Artefakten zu füllen. Zu dieser Zeit gab es in Ägypten ein Antikengesetz mit klaren Vorgaben zu der Fundteilung: 50 Prozent der ausländischen Mission und 50 Prozent dem Land, das noch das Recht hatte, auf bedeutende Funde direkten Zugriff zu haben. So kam die Nofretete nach der Rechtslage legal nach Berlin und sie ist heute die beste Botschafterin für Ägypten.

Und wie Sie sagten, gilt in vielen mitteleuropäischen Ländern die Auffassung, dass viele wertvolle Kulturgüter nur deshalb erhalten blieben, weil sie nach Europa mitgenommen wurden. Allerdings sollten wir uns als frühere Kolonialmächte in Afrika Gedanken machen, ethnologische Güter junger afrikanischer Staaten wieder zurückzugeben.

Gibt es in Ägypten Restauratoren, die denkmalpflegerisch arbeiten?


Leider stand über Jahre hinweg Archäologie und Restaurierung in der Rangfolge der Studiengänge an unterster Stelle. Mit Beginn des Tourismus sah man, dass ausgebildete Ägyptologen als Reiseleiter das Zehnfache eines Universitätsprofessors verdienen und dadurch wurde das Studium beliebt – leider nicht in der praktischen Umsetzung.


So war einer meiner Schwerpunkte bei der Arbeit mit Studenten, wenn Restaurierungsaufgaben
anstanden, den Umgang mit dem Original zu vermitteln.


Neben den archäologischen Aufgaben bin ich derzeit in Luxor tätig und kämpfe hier um den Erhalt von Wohnhäusern aus Lehm, die seit Jahrhunderten auf Gräbern gebaut wurden und so zur Kulturlandschaft Theben gehören, ein Weltkulturerbe der UNESCO. Ein Kampf gegen Windmühlen, sie wurden leider abgebrochen.


Nach dem „arabischen Frühling“ wird die Sanierung der Gebäude des 19. Jahrhundert in Downtown Kairo sicherlich ein Thema werden, Spekulanten gibt es bereits. Junge Architekten müssen lernen mit neuer Architektur im historischen Kontext umzugehen.

Welche Perspektiven oder Möglichkeiten sehen Sie für junge deutsche Architekten dort Tätigkeiten nachzugehen? Gibt es Bedarf oder ist die Tür zu?


Nein, die Tür ist offen. Es gibt zahlreiche Architekten, die in Stuttgart studiert und promoviert haben und heute an der Universität Kairo oder an der Ain-Shams-Universität unterrichten. Und seit diesem Jahr kann man an der Deutschen Universität in Kairo Architektur studieren, zum Teil bei Hochschullehrern der Universität Stuttgart. Mit einem gemeinsamen Masterstudiengang der Universität Stuttgart, Städtebaulehrstuhl und der Ain Shams Universität zu ökologischem Städtebau unter Federführung von Professor Misselwitz wird diese Verbindung noch vertieft. Die Wertschätzung deutscher Architekten nach dem arabischen Frühling ist in Ägypten hoch – Bauprojekte gibt es auf allen Gebieten.

Wo sehen Sie die Schwierigkeiten Ihrer Arbeit bei der Stiftung?


Mubarak ist gestürzt, aber das Netzwerk um das alte Regime ist noch da. Die Bundesrepublik unterstützt Ägypten und Tunesien mit sehr viel Geld auf ihrem Weg zu Demokratie und Freiheit. Das Militär hat aber alle Zügel noch in der Hand und bremst. Es gibt einen schönen Vergleich: „Ein altersschwaches Taxi fährt nicht mehr. Hinten schieben die jungen Revolutionäre des 25. Januar. Am Steuer sitzt das Militär und bremst. Vorne legen die Anhänger von Mubarak Hindernisse in den Weg – und auf der Rückbank sitzt das ägyptische Volk und fragt sich, warum es nicht weitergeht!!

Ihre Arbeit in Ägypten ist ja geprägt von Neugier, von Interesse und von Idealismus, wenn es um die Vermittlung von Denkmalpflege geht. Aber Ihre momentane Tätigkeit ist jetzt politische Arbeit, um Demokratieverständnis zu wecken. War das von Anfang Ihr Berufsziel?


Das ist seit meiner Tätigkeit bei der HSS gewachsen. Zunächst war mein Anliegen, Studenten
und dem Bürger das Baudenkmal zu vermitteln. Dies ist in einem Land mit über 5000-jähriger Geschichte sehr wichtig, denn die Denkmale der Archäologie und der Baugeschichte sind auch ein Wirtschaftsfaktor. Mit dem Ministerium für Regional- und Ortsplanung haben wir in den vergangenen Jahren Seminare zu Bürgerbeteiligung bei der Planung durchgeführt – schon damals ein wichtiger
Baustein auf dem Weg zu Dezentralisierung und Demokratie. Wir begleiten derzeit eine Dorfentwicklungsmaßnahme nahe dem Medinat Habu Tempel in Luxor und fördern dabei Frauenarbeit und traditionelles Handwerk.

Durch Eigeninitiativen und Mithilfe von „Fair Trade Egypt“ sollen die Lebensbedingungen der Bevölkerung verbessert werden.


Aber Ihre jetzige Tätigkeit geht doch über bauliche Entwicklungshilfe hinaus?


Ja, seit der Januarrevolution liegt der Schwerpunkt der Arbeit in politischen Themen wie Demokratieförderung und Dezentralisierung. Ich gehe ab Oktober in den Ruhestand, die Stelle
ist neu auf einen Islam-Politikwissenschaftler ausgeschrieben, so dass es die Freiräume, die ich mit Denkmalpflege und Stadtplanung ausgefüllt habe, sicherlich nicht mehr geben wird.


Hat die Kammer Sie unterstützt?


Teilweise über das IFBau, oder wir machten mit der Kammer und der Uni Stuttgart einen Workshop
zum Thema Altstadtsanierung. Im Architektenblatt habe ich über die Altstadtsanierung Kairo schon einmal berichtet. Ich könnte mir vorstellen – auch als Beitrag der Städtepartnerschaft – dass die Architektenkammer von Baden-Württemberg und Ägypten kooperieren. Das wäre eine Ergänzung zu den Projekten der Universitäten.


Wenn ich jetzt zurückgehe, breche ich meine Zelte in Kairo nicht ab. Es wird ein „back to the roots“ geben und ich werde kleinere Projekte der Denkmalpflege weiterhin betreuen. Ich möchte gerne mein Wissen weitergeben, z. B. auch ehrenamtlich in dem Programm „Senior Expert Service“. Was für mich als Architekt, Denkmalpfleger und Archäologe begann, endete am Ende meiner beruflichen Laufbahn bei einer politischen Stiftung, bei der ich aber viele interessante Projekte begleiten konnte.


Das hätte ich nie gedacht, aber man muss sich finden. Mein Rat an junge Architekten: „Bleiben
Sie flexibel und nehmen Sie auch neue Herausforderungen an“.

Wir danken Ihnen für dieses interessante Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute für Ihren neuen Lebensabschnitt.

05.12.2011

Ihr Ansprechpartner in der Landesgeschäftsstelle

Michael Schuler

Michael Schuler
Verwaltung und Finanzen
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