Architekturbiennale in Venedig

Architektur

Mit 63 teilnehmenden Ländern, 71 Büros, 12 begleitenden Events laut offizieller Presseverlautbarung und weiteren inoffiziellen Beiträgen ist die 16. Architekturbiennale in Venedig ein Ereignis von immenser Größe. Die Besucherinnen und Besucher bringt die Masse der Biennale-Beiträge an die Grenzen ihrer Aufnahmekapazität. Was einen begeistert, hängt oftmals von persönlichen Erlebnissen ab. Da muss man der Jury, die die Goldenen Löwen vergeben hat, schon Respekt zollen für ihre wahrlich nicht leichte Arbeit.

Gekürt wurde der Beitrag "SVIZZERA 240" aus der Schweiz, der das Thema Wohnungsbau behandelt. Die drei jungen Kuratoren Alessandro Bosshard, Li Tavor, und Matthew van der Ploeg zeigen, was Schweizer Architektinnen und Architekten immer und überall tun. "Wir zeichnen Wohnungen." Sinnliche Wahrnehmung und körperliches Empfinden bilden den Kern des Projekts und eröffnen den Besuchern eine neue Sichtweise auf das Wesen von Wohnräumen. Der Titel des Projekts thematisiert die aktuelle Normhöhe im Schweizer Wohnungsbau von 240 Zentimetern mit Maßstabsverschiebungen von Raum zu Raum.

#germanpavillon

Im Gegensatz zu unseren Nachbarn, wo die Stiftung Pro Helvetia einen Wettbewerb für den Biennale-Beitrag auslobt, tut dies in Deutschland die Bundesregierung, vertreten durch das für das Bauen zuständige Ministerium. Dabei lässt es sich beraten, u.a. von der Bundesstiftung Baukultur und der BAK. Unter Vorsitz von Prof. Matthias Sauerbruch entschied sich die Jury für das Projekt "Unbuilding Walls" von GRAFT und der ehemaligen Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen Marianne Birthler. 28 Jahre lang ist Deutschland vereint, exakt so lange, wie die Berliner Mauer (1961-1989) stand. Diese Zeitengleiche ist deutsch, doch der Beitrag verweist auch auf bestehende Mauern in anderen Regionen der Welt. Die Ausstellungsarchitektur ist hochwertig, die rückwärtig präsentierten Projekte, was im ehemaligen Todesstreifen alles entstanden ist, allerdings etwas Berlin-lastig. DieWall of Opinions dokumentiert Stimmen von Menschen, die mit Mauern in Zypern, Nordirland, zwischen Israel und Palästina, USA und Mexiko, Nord- und Südkorea sowie an der EU Außengrenze in Ceuta leben. Für die Videoinstallation braucht man Zeit, die man während der Preview-Tage allerdings kaum hat.

Laura González Fierro

Um Mauern geht es auch im Pavillon des größten südamerikanischen Landes: Muros de Ar/Walls of Air erforscht, wie man die materiellen und immateriellen Grenzen Brasiliens und seiner Architektur lesen, herausfordern und übertreten kann. Die Ausstellung nimmt den Vorschlag "Freespace" als eine Provokation auf, um die disziplinären Grenzen der Architektur und ihre Beziehung zu anderen Wissensgebieten zu überdenken und die verschiedenen Formen von Barrieren zu hinterfragen, die in Brasilien auf mehreren Ebenen bestehen. Die vier Kuratoren haben multidisziplinär mit 240 Leuten in sieben Monaten sehr gute Grundlagen erarbeitet: Großformatige kartografische Zeichnungen machen die Formen räumlicher und konzeptioneller Trennungen sichtbar, die sich aus den Urbanisierungsprozessen Brasiliens ergeben. Zeichnungen und Modelle von Projekten aus brasilianischen Städten veranschaulichen, wie stadtplanerisch und architektonisch Narben von Infrastrukturkorridoren überbrückt oder heruntergekommene Quartiere revitalisiert werden. Zugegeben, ohne die engagierten Erklärungen der jungen Kuratorin Laura González Fierro wäre mir in der schön gestalteten Ausstellung so manches Wissenswerte verborgen geblieben. Danke, Laura!

Der österreichische Beitrag "Thoughts Form Matter", kuratiert von der Leiterin des Vorarlberger Architektur Instituts Verena Konrad, wirft die Frage nach der Verantwortung des Berufsstands auf. "Viel zu oft geschieht die Gestaltung ohne Mehrwert für das öffentliche Leben", so Konrad. Der Nutzbarkeit von öffentlichen Räumen, von Zwischenräumen, die nicht ausschließlich ihrer ökonomischen Verwertbarkeit unterworfen werden, kommt in der zunehmend urbanen Gesellschaft eine immer bedeutendere Rolle zu. Von ihr werden auch die möglichen Strukturen des sozialen Zusammenlebens und der sozialen Interaktion entscheidend vordefiniert.

Architektur ist eine optimistische Disziplin

"Freespace", das von den beiden irischen Architektinnen Yvonne Farrell und Shelley McNamara gesetzte diesjährige Biennale-Motto, ist vielfältig auslegbar. Das zeigen auch die von ihnen kuratierten Schauen, in denen 71 Architekten aus der ganzen Welt Antworten geben auf das sieben Punkte umfassende Manifest von Farrell und McNamara: z. B. im zentralen Pavillon Modelle von Peter Zumthor; oder vier nicht realisierte moderne architektonische Entwürfe für Venedig, 1972 kuratiert und gestaltet von Carlo Scarpa, die der amerikanische Architekt Robert McCarter nach 46 Jahren neu präsentiert. Und im Gegensatz dazu der Vorschlag von BIG – Bjarke Ingels Group mit dem Titel "Big U: Humanhattan 2050", um Lower Manhattan vor Hochwasser, Stürmen und den Folgen des Klimawandels zuschützen. Im Arsenale sind die Kuratorinnen selbst so begeistert von der Länge der Corderie, dass sie den Blick durch die 316 Meter lange ehemalige Seilerei freihalten und mit einem Vorhang aus Seilen am Eingang auf dessen Geschichte verweisen.

Das faszinierende ehemalige Werftgelände wurde übrigens 1980 zur ersten Architekturbiennale erstmals geöffnet und ist immer nur während der Biennale-Zeit zugänglich. In der Ausstellung zeigen gebaute und ungebaute Projekte, wie Bauen im Kontext gut gelingt und Gebäude für die Menschen darin nutzbar, aber auch schön sind. Nach Meinung der Kuratorinnen hat Architektur das Potenzial, eine der optimistischsten Disziplinen zu sein, denn Architektur ist der gebaute Ausdruck unseres Selbst. Und sie sei der Beweis für Intelligenz, für den Aufbau von Fähigkeiten und für Großzügigkeit, so Farrell und McNamara. In Erinnerung bleibt "Freespace" ein guter Architektur-Sampler.

Unbedingt sehenswert

Ein "must-see" aus baden-württembergischer Sicht ist die saai-Ausstellung "Sleeping Beauty", die (nur) noch bis 29. Juli auf der Giudecca in einem kleinen Werftgebäude zu sehen ist. Diese weltweit erste Schau zu diesem faszinierenden Bauwerk des Trios Carlfried Mutschler, Joachim Langner und Frei Otto wurde von den beiden Projektinitiatoren Prof. Dr. Georg Vrachliotis und Sally Below kuratiert und von Prof. Marc Frohn sensationell präsentiert. Der Titel der Ausstellung bezieht sich auf den aktuell offen und kollektiv gestalteten Prozess zum Erhalt der Multihalle.

Dabei geht es um die Einbettung in die soziale Topographie der Stadt, die Reformulierung des bisher überwiegend technisch geprägten Diskurses und die Erarbeitung einer neuen Lesart als Plattform für eine "offene Gesellschaft", wie sie Frei Otto schon während ihrer Entstehung andachte. Die Multihalle hat sich somit vom Bau-Objekt zum Diskurs-Objekt entwickelt. Orientiert am Beispiel der Multihalle und wohl inspiriert von der Experimentierfreude Frei Ottos plädierte Staatssekretär Gunther Adler bei der Eröffnung insgesamt für mehr Mut. Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz hofft, dass die große Öffentlichkeit bei der Biennale dazu beiträgt, die schlafende Schönheit bald zu neuem Leben erwecken zu können.

Eröffnung der Biennale

Staatssekretär Günther Adler sieht den Deutschen Pavillon auf der weltweit bedeutendsten Architekturschau als Visitenkarte der Bundesrepublik. Das Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat legt folglich Wert auf kreative Ideen.

Mit ihrem städtebaulichen und gesellschaftspolitischen Ansatz ist den Kuratoren Graft Architekten mit Marianne Birthler eine ausgezeichnete Ausstellungsarchitektur gelungen. Beim Betreten des Pavillons zeigt sich zunächst (wenn man den richtigen Standpunkt hat) eine geschlossene schwarze Mauer, tritt man zu Seite wird sie durchlässig - eine Frage der Perspektive. Im Pavillon werden u.a. Projekte gezeigt, die für kreative Aneignungsprozesse im ehemaligen Todesstreifen stehen, aber auch Interviews mit Menschen, die heute in Ländern mit Mauern leben ('wall of opinions' genannt). Somit gelingt dem Beitrag der Bogenschlag zur fortschreitenden Globalisierung: Während der amerikanische Präsident eine Mauer zwischen den USA und Mexiko bauen will, sind wir glücklich über die friedliche Revolution, die vor 28 Jahren zum Fall der innerdeutschen Mauer geführt hat.

Christine Edmaier, Berlin, Karin Loosen, Hamburg, Brigitte Holz, Hessen, Markus Müller und Stephan Weber, BW, Barbara Ettinger-Brinckmann, BAK und Christine Degenhart, Bayern
Carmen Mundorff / 28.06.2018