Beispielhaftes Bauen

Architektur

Auszeichnungsverfahren
"Freudenstadt und Calw 2003 - 2010"

Atelier- und Wochenendhaus

Im Gründle 8
72218 Wildberg OT Gültlingen

Architekten
Susanne Teltschik Ebhausen/Rotfelden
Bauherr
Dr. Birgit Spaeth, Stuttgart
Fertigstellung
2009

Begründung der Jury
Der funktional begründete elliptische Baukörper mit seiner lichten und leichten Konstruktion steht eigenständig in der unberührten Natur und bietet im Obergeschoss einen Raum, der sich durch ein besonderes Raum- und Klangerlebnis auszeichnet. Konstruktion, Materialien und Farben sind dem Nutzungszweck angemessen gewählt und beispielhaft für diese Art von individueller Bauaufgabe.

Objektbeschreibung

Wochenend- und Musikhaus "die Datscha"

Das Wochenendhausgebiet "Obere Seelenhalde/Im Gründle" in Wildberg-Gültlingen befindet sich in landschaftlich außergewöhnlicher und zugleich sensibler Lage, in unmittelbarer Nachbarschaft zum "Naturschutzgebiet Gültlinger und Holzbronner Heiden". Der Ehemann der Bauherrin Birgit Spaeth ist Komponist und wollte auf dem Grundstück "Im Gründle 8" ein Haus errichten, in dem sich Komponist/innen, Musiker/innen, Interessierte, Freunde und Bekannte in ihrer Freizeit treffen können, um im gemeinsamen praktischen und gedanklichen Austausch die zeitgenössische Musik und Kunst zu befördern.

In einem gemeinsamen Entwurfsprozess entwickelten die Beteiligten, Komponist, Bauherrin und Architektin, zusammen das Konzept. In ihm sollte sich der künstlerische Freiraum von der Gestalt des Hauses über das Raumprogramm bis hin zu den handwerklichen Details möglichst weit entfalten können. Grundlage des Entwurfskonzeptes sind einfache ganzzahlige Proportionen wie sie in den Schwingungsverhältnissen von Intervallen vorkommen. Dem elliptischen Grundriss liegt ein sogenanntes ägyptisches Dreieck zugrunde. Dieses Dreieck mit den Maßverhältnissen 3:4:5, welches praktischen Zwecken der Landvermessung am Nil gedient hatte, wurde durch Pythagoras' Entdeckung seines mathematischen Zusammenhangs der Quadrate über den Seitenlängen zur Grundlage des rationalen Denkens im Abendland. Sein geschichtlicher Hintergrund soll aber nicht schwärmerisch verstanden werden. Es geht hier um eine Wertschätzung unserer kulturellen Herkunft.

Im oberen Geschoss des Hauses entstand ein rundum offener Musikraum. Durch seine erhöhte Lage ruft er das Gefühl hervor in der Natur zu schweben. Die ungewöhnliche Akustik des ovalen Raums begünstigt eine Musik, die sich mit Resonanzphänomenen befasst. Der Ton gewinnt in diesem Raum eine besondere klangliche Klarheit und Qualität. Im unteren Geschoss befindet sich eine Einzimmerwohnung mit Dusche, WC und Abstellraum. In ihrem Zentrum ist ein Heizkamin, durch den das gesamte Haus mit Stückholz beheizt wird.

Das Haus sollte auf einfache und schlichte Weise harmonisch in die landschaftliche Umgebung einfügt werden. Der im Hang liegende gerundete Teil des Untergeschosses wurde aus Ortbeton hergestellt und mit Rotkalk verputzt. Darauf baut eine Holzskelettkonstuktion auf. Über dem Untergeschoss liegt eine Lignaturdecke mit Sichtqualität an der Unterseite. Der schwimmende Heizestrich wurde eingefärbt, geglättet und geölt. Die Decke über dem Erdgeschoss wurde in einer mit Isofloc vollgedämmten, von unten mit Fermacellplatten bekleideten TJI-Trägerkonstuktion hergestellt.
Die Zusammenarbeit mit regionalen Handwerkern erwies sich als außergewöhnlich fruchtbar. Durch ihren Einsatz konnten trotz der begrenzten finanziellen Mittel Details von hoher handwerklich-industrieller Qualität verwirklicht werden, wie beispielsweise rundumlaufende Holzleimträger oder gerundete Fenstersimse. Dieses Engagement baute auf einer langjährigen fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen Architektin und Handwerkern auf.

Das Haus soll für Andere offen sein, insbesondere auch im lokalen Umfeld. Es will der Allgemeinheit einen künstlerischen, geistigen und gesellschaftlichen Freiraum geben. In dieser Haltung knüpft es an die frühe Moderne an. Ziel des Entwurfes war es, diesen Freiraum architektonisch konkret umzusetzen, sodass er unmittelbar räumlich erlebt werden kann. In diesem Sinne versteht sich "die Datscha" als offenes Haus.

Fotos
Richard Spaeth

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