Beispielhaftes Bauen

Architektur

Auszeichnungsverfahren
"Stuttgart 2011 - 2015"

Renovierung, Umbau und Umnutzung eines historischen Industriegebäudes zu Wohnungen und Büro- und Veranstaltungsflächen sowie Freiräume für Kinder

Glockenstraße 36
70376 Stuttgart-Bad Cannstatt

Architekten
METARAUM, Wallie Heinisch, Marcus Lembach, Marcus Huber Architekten BDA, Stuttgart; Bestandsbau: Hans Volkart †, Stuttgart
Bauherr
Bauherrengemeinschaft Glockenstraße, Stuttgart
Fertigstellung
2015

Begründung der Jury
Mit sehr viel Mut und großem Engagement haben sich vier Familien in einer Industrieruine einen Ort für Wohnen und Arbeiten unter einem Dach geschaffen. Eine ehemalige Cannstatter Gießerei von 1940, in einem destrukturierten Gewerbegebiet gelegen, wurde sensibel und mit begrenztem Budget im work in progress überzeugend saniert und umgebaut. Sie beherbergt nun Wohnlofts und großzügige Büroensembles, jederzeit an die Lebensveränderungen anpassbar. Edel gestaltete Bereiche begegnen der rauhen ursprünglichen Industriearchitektur. Statt Abriss wurde nicht nur der kraftvolle Ausdruck des historischen Gebäudes beispielhaft gestärkt, sondern auch das umliegende Areal erheblich aufgewertet.

Objektbeschreibung

Tragwerksplaner: Engelsmann Peters Beratende Ingenieure

Idee, Konzept und Funktionen
Vier Stuttgarter Familien und die mit ihnen verbundenen Dienstleistungsbetriebe wollten zusammen führen, was in unseren von Funktions- und Nutzungstrennung bestimmten urbanen Räumen meist weit auseinander liegt: Arbeiten, Wohnen und gesellschaftliches Leben. Für das Projekt "Permanent Leben" wurde eine Cannstatter Gießerei aus dem Jahr 1940 saniert, ausgebaut und in Familien-Loftwohnungen, Büroflächen, Ateliers, Ausstellungs- und Veranstaltungsräume sowie eine Kinderlounge umgewidmet.

Die Grundfunktionen bilden zwei große Büroflächen im Erdgeschoss, und mehrere Wohnateliers in zwei Obergeschossen. Den Kern des Hauses bildet ein "Rückgrat" aus Gemeinschaftsbereichen, die auf jeder Ebene ein Angebot an alle Nutzer darstellen: Kinderbetreuung und Fitnessbereich sowie im Erdgeschoss eine an den Ladehof angebundene Lounge. Sie bildet den Treffpunkt im Haus für Besprechungen, Seminare, Feste und Workshops.
Im Untergeschoss mit 5 m lichter Höhe liegt der ca. 400 m² große Veranstaltungsbereich. Dieser dient der Ausrichtung kultureller Veranstaltungen (öffentlich und privat). Er dient den Aktivitäten der Büros ebenso, wie er den Kontakt in das städtische Umfeld stärkt, da die Bauherren das Projekt auch als sozialen Auftrag verstehen: Es soll positive Initialzündung für das städtebaulich und sozial stark vernachlässigte innerstädtische Quartier bilden und als inspirierendes Wohnmodell verstanden werden.

Die das Haus umgebenden Freiflächen werden als Spielhof und Gartenbereich für die Kinder, die Geländetreppen und Laderampe als Pausenflächen und Grillplatz genutzt. Das den Raum zwischen der mächtigen Stützwand des Hanggeländes (ehemaliger Luftschutzbunker der MAHLE GmbH) und dem Fabrikationsbau überspannende Dach des alten Ladehofs wurde entfernt und durch eine 520 m² große "Landschaftsplatte" ersetzt. Die Konstruktion aus Unterzügen und Spannbetonflächen, welche in 7 m Höhe über dem Hof positioniert wurde, erlaubt auf 60 cm Substratschicht eine intensive Begrünung der Fläche, welche als "private Gartenebene" mit Gemüse- und Kräutergarten den Wohnateliers zugeordnet wird.
Das langgezogene restliche Hanggrundstück (ca. 4.200 m²), zieht sich als schmaler Waldsaum über den steil zur Straße abfallenden Löshang hin - ein gänzlich Natur belassenes, verwunschenes Biotop auf dem Rücken des auslaufenden Stuttgarter Kesselgrates, welches der Stadtflora und Fauna seine Nischen lässt und den Kindern ein - oft vermisstes - Abenteuerland bietet.

Räumliches Konzept
Der kraftvolle Bestandsbau bildet die Hülle für Einbauten aller Art zur Schaffung von Wohn- und Büroraum. Die Einbauten sind in die Mitte der 5 m hohen Grundrisse Raum gliedernd eingestellt. Sie machen das vormals offene Volumen erst nutzbar und maßstäblich, modulieren das Tageslicht in den tiefen Flächen und erzeugen im Zusammenspiel mit der räumlichen Figur des Bestandes spannende Zuschnitte. Durch zweigeschossig ausgebildete Bereiche wird pro Loft weitere Wohnfläche geschaffen und hohe und niedrige Raumzonen realisiert. Der ursprüngliche Bestand bleibt so immer ablesbar und in seinen gewaltigen Dimensionen spürbar. Der Kontrast zwischen alter Bausubstanz und neuen Einbauten schafft Räume mit unverwechselbarem Erscheinungsbild.

Gebäudehülle
Die geplante energetische Optimierung der Gebäudehülle wird zunächst durch neue Fensterflächen als Verbundrahmen-Elemente aus Glasfaser-Kunststoff und Holz (Fiberwood) ergänzt. Bei hoher Fertigungseffizienz und Dämmwerten die - je nach Rahmenanteil der 3-fach verglasten Fensterkonstruktion - Uw = 0,9 W/(m²K) - unterschreiten, bleibt der filigrane Charme der historischen Fenster erhalten, Fensterpfosten und -flügel bilden dieselbe sauber durchlaufende Geometrie und das Relief, wie sie die ursprünglichen Fassaden aufwiesen.

Einbauten
Gliedernde Einbauten bestehen grundsätzlich aus stahlverstärkten und beplankten Holzkonstruktionen oder Stahlrohrbrüstungen, wahlweise bestückt mit VSG-Glaselementen.

Böden
Die ruinösen Bestandsböden wurden durch ein niedrig aufbauendes Hohlraumboden-System ersetzt. Dieses beinhaltet die Elektroinstallation, Technikanschlüsse über Bodentanks sowie eine vollflächig ausgelegte Fußbodenheizung. Die historischen Radiatoren wurden instand gesetzt und dienen als Heizungsergänzung zur Spitzenkappung. Die speziellen Bodentanks für niedrige Bauhöhen, schwimmend gesetzt, bieten Zugriff auf alle erforderlichen Medien und Strom. Für die Nutzung der Wohnateliers, die Leben und Arbeiten gleichermaßen möglich machen sollen, sind sie durchgehend nach dem technischen Standard der Büros im Erdgeschoß ausgerüstet. Bodenbeläge sind einheitlich im Haus als Magnesit oder als Polyurethanbeschichtung in abgestimmten Farbtönen ausgeführt.

Oberflächen
Die "Patina" des Hauses blieb in vielen Bereichen weitgehend erhalten. Gereinigt und mit leicht pigmentierter Lasur "egalisiert", bilden sich spannende Kontraste zu den glatten weißen Oberflächen der neu eingebrachten Bauteile. Um die ursprüngliche Bestimmung des Gebäudes zu zeigen, wurden Relikte aus vergangenen Zeiten wie Formkacheln, Hinweismarkierungen und weitere industrielle Versatzstücke bewusst in situ erhalten - selbst sekundäre Industrieeinbauten wie Behelfsstützen für Maschinen und Rohrsysteme wurden nicht entfernt.

... in progress
Dass noch nicht alles fertig ist und manches improvisiert wirkt, erhöht den Charme der Räumlichkeiten und macht dieses große Objekt für die Bauherrn und Nutzer finanziell erst tragbar. Temporäre Installationen - so ersetzen z. B. im Außenbereich Fangnetze die noch zu installierenden Brüstungen - lösen kleine Probleme ad hoc, "augenzwinkernd" und tragen zum experimentellen und robusten Ambiente der gesamten Anlage bei.

Fazit
An einem städtebaulich und sozial stark vernachlässigten innerstädtischen Quartier wird ein eigentlich schon aufgegebenes Stück Stadtraum wieder besetzt. Haus und Gelände bieten genügend Freiräume, um das Modell der "kurzen Wege" - also gemeinschaftliches Leben und Arbeiten unter EINEM Dach - zu realisieren. Die gesamte Anlage eröffnet jetzt eine Vielzahl an Bewegungsräumen, innen und außen. Genau darin liegt die Qualität. Der behutsame Umbau der aufgegebenen Industrieruine stärkt den charakteristischen, kraftvollen Ausdruck der historischen Architektur als eigentliches Merkmal. Ein urbaner Baustein bleibt vor Ort erhalten.

Fotos
zooey braun FOTOGRAFIE
Ulrich Beuttenmüller

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