Beispielhaftes Bauen

Architektur

Auszeichnungsverfahren
"Tübingen 2011 - 2017"

Sanierung, Restaurierung und Umbau historisches Rathaus Tübingen

Am Markt 1
72070 Tübingen

Architekten
weinbrenner.single.arabzadeh.architektenwerkgemeinschaft Freie Architekten BDA Partnerschaft mbB, Nürtingen
Bauherr
Universitätsstadt Tübingen, vertreten durch Oberbürgermeister Boris Palmer
Fertigstellung
2015

Begründung der Jury
Das Tübinger Rathaus stellt inhaltlich und formal den historisch gewachsenen Mittelpunkt der Stadt dar. Zeitliche Anforderungen an Energieeffizienz, Brandschutz sowie notwendige Instandhaltungen machten die Baumaßnahme unumgänglich und gleichzeitig nicht einfach. Früher wenig sensible Einbauten mussten rückgängig gemacht und statische Erfordernisse erfüllt werden. Den Beteiligten ist es gelungen, diese wertvolle Bausubstanz in denkmalpflegerischer Weise sorgsam zu behandeln. So ist der Ratssaal modern und angenehm umorganisiert worden. Instandsetzung und neu hinzugefügte Teile sind hervorragend gelungen. Der Bürgerschaft und den Beschäftigten kann zu diesem Rathausumbau nur gratuliert werden.

Objektbeschreibung

Bauzeit: 9/2012-11/2015
Baukosten: 10,5 Mio. Euro
Bruttogeschossfläche: 4.568 m²
Bruttorauminhalt: 18.483 m³
Nutzfläche: 2.421 m²

Die prächtigen Sgraffito-Malereien von 1876 an der Außenfassade des Tübinger Rathauses ziehen nach den Sicherungs- und Restaurierungsarbeiten wieder die Blicke vielernTouristen aus aller Welt auf sich. Das Rathaus "Am Markt" ist eines der bedeutendsten historischen Gebäude in Tübingen und in der Region. Als Sitz von Oberbürgermeister, Bürgermeister und Gemeinderat stellt das Rathaus die Zentrale der Stadtverwaltung und gesellschaftliches Zentrum für viele städtische Veranstaltungen dar. Die hochwertige Gestalt des Rathauses wird besonders im Ratssaal und Trauzimmer, dem Öhrn, sowie in der imposanten Baukonstruktion und der herausragend gestalteten Ostfassade sowie der astronomischen Uhr deutlich.

1435 wurde das Gebäude erstmals als Markthalle für Bäcker, Metzger und Salzhändlern im Erdgeschoss und als "Lederbühne", ein Verkaufsraum für Lederwaren im 1. Obergeschoss erwähnt. 1495 setzte Graf Eberhard im Barte das dritte Stockwerk mit dem "Hofgerichtssaal" auf – allerdings ohne Rücksicht auf die Gesamtstatik. Der Saal war zur Bauzeit der größte stützenfreie Raum in
Württemberg. Das Hofgericht war das höchste Landesgericht. Die kommunalen Gerichte tagten in den beiden Bohlenstuben im 2. Obergeschoss, der Öhrn war das gemeinsame Foyer. 1965–1969 wurde großflächig in den Bestand eingegriffen und das Erdgeschoss mit Technikeinbauten zugestellt.

Akuter Handlungsbedarf bestand seit der Jahrtausendwende aufgrund funktionaler, statischer und technischer Mängel sowie des Brandschutzes. Zusätzlich sollte das historische Gebäude energetisch verbessert und der Energieverbrauch nachhaltig reduziert werden.
Architektonisches Ziel der Sanierungsmaßnahmen war, vorgefundene räumliche Strukturen sowie die wertvolle historische Bausubstanz zu erhalten und sie gleichzeitig durch behutsame Maßnahmen der Neugestaltung zu stärken. Wesentlicher Eingriff in die Raumstruktur war die "Befreiung" des ursprünglich als Markthalle genutzten Erdgeschosses von seiner damaligen Nebenraumnutzung und großzügige, offene, transparente und repräsentative Räume für ein zukünftiges Bürgerforum zu schaffen. Dafür wurde die Tragstruktur aus den Umbaumaßnahmen der 1960er-Jahre entfernt und die historische Tragstruktur reaktiviert. Die Atmosphäre der dann hohen, hellen und attraktiven Räumlichkeiten setzt sich in der anschließenden Treppenhalle sowie im Foyer des Ratssaals fort. Beim verbindenden Sandsteinbelag sowie bei sonstigen Naturwerksteinarbeiten wurde auf Material aus der unmittelbaren Umgebung zurückgegriffen bzw. Bestandsmaterial aus den 1960er Jahren wiederverwendet. Kleinteilige Bürostrukturen vor dem Ratssaal wurden zugunsten einer großzügigen Cafeteria aufgelöst. Sie wird bei Veranstaltungen und Empfängen oder bei größeren Hochzeiten genutzt und bietet durch die Arkadenfenster besonders schöne Ausblicke zur historischen Umgebungsbebauung.

Im Ratssaal wurden störende Eingriffe in die historische Bausubstanz aus der Umbauphase der 1960er-Jahre zurückgebaut. Durch die Neugestaltung des Holzbelages und der Deckenverkleidung wird in Zusammenhang mit einem modernen Lichtkonzept eine spürbare atmosphärische Verbesserung erzielt. In der historischen Raumfolge (Enfilade) aus Trauzimmer, Öhrn und Büro Oberbürgermeister wurden im Wesentlichen Sicherungs- und Konservierungsmaßnahmen an den bedeutsamen Farbfassungen durchgeführt. Durch die Neugestaltung des gemeinsamen Foyers in Zusammenhang mit einem attraktiven Lichtkonzept entsteht eine deutliche Aufwertung dieser historisch bedeutsamen Räume.

Der historische Hofgerichtssaal wurde in den 1950er-Jahren kleinteilig in mehrere Büroeinheiten unterteilt. Im Zuge der Sanierung konnte durch die Befundsituation von Farbresten der Farb- und Raumeindruck der Zeit um 1900 zurückgewonnen werden. Der Sanierung der historischen Räume gingen umfangreiche Eingriffe in den Bestand voraus: Die brandschutztechnischen Anforderungen an die Tragkonstruktion sowie die Fußbodenkonstruktionen mussten gesichert werden, u.a. durch die Einbauten von zusätzlichen Brandschutzdecken. Die Tragkonstruktion insgesamt musste im Zuge der Baumaßnahme abgefangen, zurückgebaut und ergänzt werden. Um den Bereich der historischen Eichenholzstütze (Erdgeschoss, heutiges Bürgerforum) wurde der historische Altbau angehoben, die Stütze ausgebaut und saniert und anschließend wieder eingebaut.
Immer wieder wurden bauzeitliche Funde entdeckt: Beim Stemmen von Sondierungsschlitzen für neue Lüftungskanäle wurde z.B. eine eingemauerte bauzeitliche Stütze gefunden. Architektonisch wurde durch die Verlegung des Zugangs zum Ratssaal darauf reagiert, um die wiederentdeckte Stütze wirkungsvoll zur Geltung zu bringen.

Fehlende Abtrennungen der Nutzungseinheiten zum zentralen Treppenhaus wurden mit filigranen Brandschutzelementen (Holz-Glas-Konstruktion) ergänzt. Die gesamte Elektroinstallation sowie das EDV-Netz wurden ausgetauscht, neue Brandabschottungen durch Wände und Decken hergestellt. Das bestehende Einrohrsystem der Heizung wurde ausgetauscht und raumbezogene Regelungstechnik integriert. Die Lüftungsanlage für Ratssaal, Trauzimmer und Öhrn war irreparabel beschädigt und wurde neu sowie sensibel in den historischen baulichen Kontext integriert.

Im gesamten Gebäude wurden der Trittschallschutz, aber auch raumakustische Maßnahmen in Form von absorbierenden Oberflächen stets unter Berücksichtigung des historischen Kontextes verbessert. Die energetische Ertüchtigung umfasste zusätzliche Dämmschichten in der obersten Geschossdecke bzw. am Fußboden gegen Außenluft sowie der Einbau von wärmetechnisch verbesserten Fensterkonstruktionen bzw. der Aufrüstung vorhandener historischer Fensterelemente (Sonderisoliergläser).
Der CO2-Ausstoß des Altbaus reduziert sich durch diese energetischen Maßnahmen und die Modernisierung der Technik bis zu 60 %. Das neue Blockheizkraftwerk versorgt neben dem Rathaus auch die Nachbarbebauung mit Wärme.

Moderne Dienstleistungen für die Bürgerschaft bietet das sanierte Tübinger Rathaus in einem spannenden Kontext historischer Räume und moderner Architekturergänzung an. Unsichtbar bleiben die weitreichenden Eingriffe in die historische Bausubstanz als Folge der vorgefundenen technischen und statischen Unzulänglichkeiten durch die aufwändig entwickelten, sensiblen neuen Lösungen. Am sichtbarsten sind die Eingriffe im Erdgeschoss: Statt kleinteiliger Technikräume lädt das großzügige transparente Bürgerforum heute zur Kommunikation zwischen Bürgerschaft und Verwaltung ein. Das übergeordnete Ziel, die wertvolle, historische Bausubstanz mit luftigen und transparenten Räumlichkeiten zu ergänzen, spiegelt sich somit im Bürgerforum auf besondere Weise wider.

Fotos
Gerd Jütten

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