Beispielhaftes Bauen

Architektur

Auszeichnungsverfahren
"Mannheim 2007 - 2013"

Schließung einer Baulücke mit quartiertypischem Stadthaus

Lange Rötterstraße 66
68167 Mannheim

Architekten
Peter Bender Architekt BDA, MOTORLAB ARCHITEKTEN BDA, Mannheim
Bauherr
Bernhard und Sebastian Wipfler, Mannheim
Fertigstellung
2013

Begründung der Jury
Zwischen traditionellen Bauten der Gründerzeit wurde geschickt eine Baulücke mit einem Hauptgebäude und niedrigerem Hinterhaus maximal bebaut. Durch die enorme Ausprägung des Gebäudes in den Rückbereich entstanden lichtdurchflutete Büros und Wohnungen mit individuellen Freiflächen. Die mehrfach gefaltete Dachfläche zur Straße vermittelt harmonisch zwischen der Mansard- und Satteldachgeometrie der angrenzenden Bauten. Einen klaren Kontrapunkt zur strengen Ordnung der Gründerzeitfassaden der Nachbargebäude setzt die unregelmäßige Lochfassade: feine horizontale Linien, an denen sich nach unten und oben flächenbündige Fenster entwickeln, geben der Straßenfassade eine Ruhe und Leben. Ihre ausgewogene Farbgebung in warmen Gold- und Messingtönen unterstreicht die Ruhe perfekt.

Objektbeschreibung

Eine Baulücke im Blockrand der denkmalgeschützten Gründerzeitbebauung in der Neckarstadt Ost war Ausgangspunkt der bereits 2009 begonnenen Projektinitiative.
Ziel war die ressourcenschonende Nachverdichtung des unterschwellig genutzten innerstädtischen Grundstücks mittels eines zeitgenössisch interpretierten, quartiertypischen Stadthauses, das vielfältige Nutzungen – Wohnen, Arbeiten, Betreuen, Versorgen – zusammenführen sollte.

Das zur Verfügung stehende Grundstück wurde in Anlehnung an die bestehenden Brandwände durch ein L-förmiges Hauptgebäude und ein dazu quergestelltes niedriges Hinterhaus, die zusammen einen intimen Patio bilden, inkl. Tiefgarage maximal überbaut. Das Dach des energieoptimierten Neubaus wurde zwischen der Mansard- und der Satteldachgeometrie der beiden Nachbargebäude als mehrfach gefaltete Fläche ausformuliert, wodurch das Volumen wie eine Füllung im Blockrand rückverankert wurde. Die sieben Geschossebenen mit insgesamt 1.400m² Nutzfläche können durch den zentral angeordneten Erschließungskern optional jeweils in mehrere Einheiten unterteilt werden.

Ein Café im Sockelgeschoss des Vorderhauses, eine Hebammenpraxis und ein Gästeapartment im Erdgeschoss des Hinterhauses, eine Kinderkrippe im kompletten ersten Obergeschoss, drei Stockwerke Büronutzung sowie die beiden obersten Etagen als Wohnmaisonetten bringen die angestrebte quartiertypische Mischnutzung bestens zum Ausdruck. Eine weitere Besonderheit war die Schaffung eines carsharing-Platzes, der - zum ersten Mal in Mannheim - dem Bauvorhaben direkt zugeordnet werden konnte.

Das ganzheitliche Nutzungskonzept findet seine Entsprechung sowohl in der Architektur des Gebäudes als auch in dessen konstruktiver Logik sowie im nachhaltigen Energiekonzept: Wenige, in ihren Dimensionen optimierte Bauteile aus Stahlbeton bilden zusammen mit dem zentralen Erschließungskern, der mit einer Energie rückgewinnenden Aufzugsanlage ausgestattet wurde, die tragende, robuste Raum-Struktur. Das bildet die Voraussetzung für eine flexible innere Raumaufteilung nach Nutzerwunsch und gerade auch hinsichtlich einer zukünftigen Zweitverwertung der Flächen. Alle Räume verfügen über eine individuell steuerbare Fußbodenheizung und eine kontrollierte Be- und Entlüftung mit Wärmerückgewinnung, wobei die nicht abgehängten massiven Geschossdecken als passive Speichermasse genutzt werden. Die dreifach verglasten Holz-Alufenster sorgen aufgrund ihrer Dimensionen für lichtdurchflutete Räume und führen zu einem sparsamen Einsatz von Kunstlicht. Die Außenwand des Gebäudes auf der Nordseite wurde mit hochgedämmten Holzrahmenbauwänden ausgefacht, während die Südseite zum Blockinneren fast vollständig verglast wurde, was zu hohen solaren Gewinnen in der Übergangszeit und besonders im Winter führt.

Die Straßenfassade aus eloxierten Aluminiumprofilen stellt in ihrer flimmernden gold-monochromen Farbigkeit einen bewussten Dialog zum charakteristischen Rindenmuster der Platanen im Straßenraum her. Mit ihren flächenbündig, frei komponierten und in ihrer Größe auf die dahinterliegenden Nutzungen reagierenden Fenstern formuliert sie einen klaren Kontrapunkt zur strengen Ordnung der gründerzeitlichen Fassadentektonik in der Nachbarschaft. Der expressiven Straßenfassade steht eine durch horizontale Brüstungsbänder klar gegliederte Südseite mit großzügigen, begrünten Balkonen und Terrassenflächen mit hoher Aufenthaltsqualität gegenüber. Hier konnte mittlerweile ein Bienenvolk angesiedelt werden, das in absehbarer Zeit hauseigenen Honig produzieren wird.

Fotos
opm-Fotografie

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