Beispielhaftes Bauen

Architektur

Auszeichnungsverfahren
"Ravensburg 2010 - 2016"

Veitsburg Serpentinenweg - vom Mehlsack zur Veitsburg

Mehlsackweg 10
88212 Ravensburg

Architekten
Naumann + Naumann Freie Landschaftsarchitekten bdla, Ravensburg
Bauherr
Stadt Ravensburg, vertreten durch Oberbürgermeister Dr. Daniel Rapp; Projekleiterin: Blanka Rundel, Landschaftsarchitektin
Fertigstellung
2016

Begründung der Jury
Die Entscheidung, die Veitsburg barrierefrei zu erschließen, ist zeitgemäß und grundsätzlich zu begrüßen. Der gestalterische Ansatz überzeugt. Durch das Schaffen eines offenen Landschaftskeils im ansonsten bewaldeten Veitshügel wird die Topografie, die Hangneigung lesbar. Es entsteht hier zudem eine neue markante Stadtsilhouette mit der Veitsburg als inszeniertes Wahrzeichen der Stadt. Die Serpentine ist mit unterschiedlichen Schichtungs-Amplituden spannungsvoll angelegt. Die Wendepunkte mit den Steinpollern sind gut durchdacht. Die Trockenmauern könnten durch Mauerfugenstauden noch deutlich aufgewertet werden.

Objektbeschreibung

Die über der Ravensburger Altstadt auf einer Bergkuppe thronende Veitsburg ist der wohl geschichtsträchtigste Ort in Ravensburg. Bis in die 1970er Jahre gesellschaftlicher Treffpunkt, verlor sie in jüngerer Zeit an Attraktivität. Dazu kam die beschwerliche Erreichbarkeit aufgrund der steilen Topographie. Die Sanierung der dortigen Jugendherberge im Jahr 2008 löste einen intensiven, gesamtstädtischen Diskussionprozess aus. Verwaltung und Bürgergruppen sammelten Ideen für die neue Gestaltung des gesamten Kulturraumes. Aus der intensiven Auseinandersetzung mit dem Ort wurde ein Gesamtkonzept mit folgenden, übergeordneten Leitzielen entwickelt:

  • Die unterschiedlichen historischen Schichten von den Anfängen der Burg, der Stadtbefestigung und des ehemaligen Franziskanerklosters am Mehlsack bis in die Gründerzeit sichtbar und erlebbar machen.
  • Die Identifikation der Bürger mit dem Ort durch kontinuierliche Einbeziehung der örtlichen Akteure fördern.
  • Die Bedeutung als Naherholungsgebiet für die Bürger sowie die touristische Attraktivität stärken.
  • Die Erreichbarkeit der Veitsburg für breite Bevölkerungsschichten verbessern (z.B. Familien, Senioren).
  • Die Vielfalt und den Reichtum von Tier- und Pflanzenarten und deren Lebensräume fördern (Biodiversität).
  • Eine nachhaltige, wirtschaftliche und umweltschonende Realisierung der Maßnahmen durch Wiederverwendung von Baumaterialien sowie die Reduzierung von Eingriffen in den Boden und in die Topographie.

Serpentinenweg – Spazieren und Lustwandeln zur Veitsburg
Wichtigstes Element ist der neue Serpentinenweg, der die beiden bedeutsamsten Wahrzeichen der Stadt – den Mehlsack und die Veitsburg – verbindet. Im Gegensatz zu dem sonst bewaldeten Veitsburghügel führt der Serpentinenweg durch eine offene Wiesenlandschaft mit Einzelbäumen vorbei an verschiedenen Sitzplätzen. Die bewusst offene Gestaltung macht die Topograhie und Hangneigung des Geländes ablesbar. Die Veitsburg als Wahrzeichen der Stadt wird damit markant in Szene gesetzt. Die bisherigen Wege zur Burg über lange Treppenanlagen oder schmale Waldpfade waren allesamt beschwerlich und für manche Bevölkerungsgruppen unmöglich. Der neue Weg auf bisher unzugänglichen, städtischen Grundstücken bietet nun eine attraktive Alternative. Asphaltiert und mit etwa 8 %iger Steigung hat er sich für verschiedene Nutzergruppen als optimal erwiesen:

  • für den bequemen Spaziergänger,
  • für Familien mit Kleinkindern und Kinderwägen
  • für Nordic-Walking- und Laufgruppen
  • für Menschen mit Einschränkungen beim Treppensteigen und Gehen.

Zwischen dem neuen Serpentinenweg und vorhandenen Wegen und Treppen wurden durch Geländemodellierungen immer wieder Verbindungen geschaffen. Diese Bermen dienen zugleich als Bewirtschaftungs- und Instandhaltungswege für die Grünpflege und helfen Bodenerosionen bei Starkregen zu minimieren.

Kehre
Gebrauchte Steinpoller finden Wiederverwendung in den Spitzkehren des Serpentinenweges. Hier betonen sie die Wegschleife und stellen gleichzeitig Orientierungs- und Landmarken im Gelände dar. Mit Trittsteinen, Trittplatten und stufenartig gelegten Leistensteinen können gestalterisch unbefriedigende Trampelpfade weitgehend vermieden werden. Jeder Sitzplatz entlang des Weges wurde entsprechend seiner Besonnung, Lage und Topographie individuell gestaltet. Verwendung fanden dazu unter anderem gebrauchte Natursteinpflaster und -platten. Überall bieten sich neue Aussichtspunkte und Blickachsen auf die mittelalterliche Altstadt von Ravensburg, auf die barocken Klosteranlagen in Weingarten und Weissenau sowie auf das weitere Umland bis zum Bodensee.

Trockenmauern begleiten als gestalterische Elemente abschnittsweise den Weg und entwickeln sich zu einem Lebensraum für spezialisierte Pflanzen- und Tierarten (wie beispielsweise Hauswurz, Mauerpfeffer, Eidechsen). Hierzu wurden erste Initialpflanzungen mit Mauerfugenstauden vorgenommen. Weitere sich versamende Pflanzen wie Lein-, Habichts- und Eisenkräuter an sonnigen Stellen sowie Farn- und Steinbrecharten an schattigen Stellen werden nach und nach die Fugen besiedeln. An den Treppenläufen und entlang der Trockenmauern hat ein örtlicher Kunstschmied zusammen mit dem Landschaftsarchitekten einen schlichten Handlauf aus rohem Vollstahlrundrohr entwickelt. Die Handläufe wurden vor Ort gebogen und so an den Geländeverlauf angepaßt.

Durch die Verwendung von autochtonem Saatgut sind die neu geschaffenen, extensiven Wiesen für die heimische Artenvielfalt besonders wertvoll. Dabei kamen auf den jeweiligen Standort abgestimmte Blumenwiesen- und Blütensaummischungen zum Einsatz. Insektenbeobachtungen der örtlichen Naturschutzverbände und Agendagruppen wurden besonders berücksichtigt und zusätzlich einzelne Pflanzenarten gezielt als Pollen- und Nektarpflanzen ausgesät. Einige davon wie Wiesensalbei, Natternkopf und Wegwarte dienen gleichzeitig dazu gestalterische Farbaspekte zu verschiedenen Blütezeitpunkten zu bilden. Bäume, Stauden und Nutzpflanzen bleiben in den Bereichen mit früherer Gartennutzung als "Gartenrelikte" erhalten (Buchsbaum, Pfingstrosen, Gartenprimeln usw.). Weitere Gartenpflanzen wie z.B. Sonnenblumen haben inzwischen Bürger angesiedelt. Möglicherweise wird der neue Naherholungsraum durch das "Urban Gardening" in Zukunft noch stärker bereichert.

Mehlsack – Wahrzeichen der Stadt
Die Neugestaltung des Mehlsackumfeldes stellt seine historischen Bezüge erlebbar dar. Angebaut an die Kapelle St. Michael – die bereits im 12. Jahrhundert bestand und 1825 abgebrochen wurde – war der Mehlsack lange Zeit Teil des inneren Stadtmauerrings (abgebrochen ca. 1859). Seit der letzten Umgestaltung in den 1980er Jahren diente sein Umfeld hauptsächlich als Parkplatz. Dies entsprach nicht seiner historischen Bedeutung und seinem Ansehen als Identifikationsfigur für die Bürger der Stadt. Zudem war die Wegeführung für Fußgänger zur Veitsburg durch die parkenden Fahrzeuge kaum erkennbar. Hinter einer Betonschale verbarg sich ein Teil der äußeren Stadtmauer. Der reparaturbedürftige Mauerkopf wurde nun als Natursteinmauerwerk ausgeführt und ist heute wieder als Teil der äußeren Stadtmauer erkennbar. Ihren weiteren Verlauf zeigt ein Band aus Wackenpflaster im Boden. In gleicher Weise ist die innere Stadtmauer ablesbar, wodurch deutlich wird, dass der Mehlsack einst Teil von ihr war. Der Grundriss der Kirche St. Michael ist in linearem Granitkleinpflaster dargestellt. Kirchengrundriss und Stadtmauern sind mit Cortenstahlbändern beschriftet, die in den Boden eingelassen wurden.

Die Darstellung der historischen Bezüge gibt die gestalterische Grundstruktur vor:

  • den "Stadtgraben" zwischen den beiden Stadtmauern
  • den "Altstadtbereich" innerhalb der inneren Stadtmauer.

Während im "Stadtgraben" das Grün dominiert und noch einige wenige unverzichtbare Stellplätze untergebracht sind, wird der Bereich innerhalb der inneren Stadtmauer mit hochwertigen Natursteinbelägen und mit Sitzbänken als Vorplatz des Mehlsacks mit hoher Aufenthaltsqualität gestaltet. Dieser Bereich bleibt Fußgängern vorbehalten. Die schlichten geschmiedeten Handläufe finden auch hier wieder Verwendung und fassen den Platz. Defekte Gußpfosten des Geländers auf der äußeren Stadtmauer wurden nachgegossen, so dass das für die Zeit um 1900 charakteristische Geländer erhalten werden konnte.

Veitsburg – Von den Ursprüngen der Welfen bis heute
Die mächtige Burganlage in unmittelbarer Nähe zur Ravensburger Altstadt wurde bereits im 11. Jahrhundert durch die Welfen errichtet und fiel im 12. Jahrhundert in die Herrschaft der Staufer. Im 17. Jahrhundert brannten große Teile der Burg nieder. Auf der Ruine des Bergfrieds errichtete Deutschordenbaumeister Johann Caspar Bagnato 1751 das dort heute noch erhaltene "Schlössle". Fortan spielte die Burg eine immer wichtigere Rolle als Gesellschafts- und Aussichtspunkt im Leben der Ravensburger, so dass eine Aussichtsbastion mit großem Pavillon erbaut wurde (1968 abgebrochen). Diese historischen Bezüge wurden durch die Gestaltung der 1960er Jahre mit ihren Pflanzkübeln und kleinteiligen Pflanzbeeten vollständig negiert. Auf der Grundlage von historischen Karten und Stadtansichten sowie ergänzt durch Erkenntnisse archäologischer Grabungen sind die Burgmauern aus verschiedenen Epochen sowie die Grundrisse der früher vorhandenen Gebäude heute wieder sichtbar und erlebbar. Gleichzeitig wurde ein stufenfreier Zugang vom Serpentinenweg zum Burghof geschaffen.

Der Verlauf einer früheren Burgmauer (heute innerhalb der bestehenden Burgmauern) ist wie am Mehlsack durch Bänder aus Wackenpflaster im wassergebundenen Belag ablesbar. Die Grundrisse wichtiger Gebäude innerhalb der ehemaligen Burganlage – wie der Pallas, die Veitskapelle und ähnliches – sind durch unterschiedliche Materialien im Boden gekennzeichnet. So markieren beispielsweise auf der Aussichtsbastion Cortenstahlbänder den ehemaligen Pavillon, der von ca. 1890 bis 1960 bestand. Der ehemalige Pallas ist mit linearem Granitkleinpflaster dargestellt. Granitleistensteine zeigen den Grundriss der ehemaligen Veitskapelle. Eine Gaststätte auf der Veitsburg, die Möglichkeit sich dort durch einen Standesbeamten trauen zu lassen sowie ein Spielplatz stärken die Attraktivität der Veitsburg als Ausflugsziel, für Familienfeiern und weitere Veranstaltungen. Eine baumumstandene Wiese bietet Raum für Aktivitäten.

Fazit
Durch die sensible Gestaltung und Herausarbeitung der historischen Schichten in Grundrissen und Mauerverläufen ist die geschichtliche Bedeutung des Veitsburghügels wieder erlebbar und spürbar geworden. Außerdem nimmt die Veitsburg – ihrer historischen Bedeutung entsprechend – einen markanten Platz in der Stadtsilhouette ein. Die Erschließung mit Wegen geringer Steigung ermöglicht vielen Bevölkerungsgruppen die Nutzung dieses naturnahen Wald- und Wiesengebietes für Naherholung und Freizeit.

Baukosten: ca. 750.000 €, gefördert mit Bund-/Landeszuschüssen)
Bauzeit: 2011-2016

Fotos
Arno Roth_Quadrocopterfluege (Luftbild); Konrad Naumann (Sepentinenweg); Blanka Rundel (Steinpoller; Sepentinenweg mit Blick über Stadt)

Ihre Ansprechpartnerinnen

Carmen Mundorff

Carmen Mundorff
Architektur und Medien
Tel: 0711 / 2196-140
Fax: 0711 / 2196-201
carmen.mundorff spamgeschützt @ spamgeschützt akbw.de

Jutta Ellwanger

Jutta Ellwanger
Architektur und Medien
Tel: 0711 / 2196-142
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Maren Kletzin

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