Beispielhaftes Bauen

Architektur

Auszeichnungsverfahren
"Stuttgart 2011 - 2015"

Zweigruppige Tageseinrichtung für 30 Kinder

Großglocknerstraße 49
70327 Stuttgart-Untertürkheim

Architekten
Prof. Christine Remensperger Architektin BDA, Stuttgart; Bauleitung: rolandgoeppelarchitekten, Ludwigsburg
Bauherr
Landeshauptstadt Stuttgart, Referat Wirtschaft, Finanzen und Beteiligungen, Amt für Liegenschaften und Wohnen, vertreten durch das Technische Referat, Hochbauamt
Fertigstellung
2015

Begründung der Jury
Überzeugend nimmt das Gebäude Typus und Maßstab aus der Nachbarbebauung auf und fügt sich ohne sich unterzuordnen in den Ortskern ein. Gestaltungselemente wie Lochfenster, Gaube oder Treppe sind in klaren Linien neu interpretiert, ohne den Bestand nebenan abzuwerten. Eine gelungene Symbiose von Neu und Alt, Hinwendung zum öffentlichen Raum und privater Abgeschlossenheit sowie Selbstbewusstsein und Zurückhaltung.

Objektbeschreibung

Nutzfläche 462 m² incl. KG | 598 m² BGF | BRI 2.172 m³
Bearbeitung der LP 1-9 im Hochbau | Ausbau
Bauzeit 10|2013 bis 4|2015 incl. Außenanlagen

Ort | Aufgabe
Im Herzen des Ortskerns von Untertürkheim, neben einer denkmalgeschützten Apotheke und angrenzend an einen "aufgelassenen Friedhof" mit denkmalgeschützter Mauer aus dem 16. Jahrhundert, entstand eine "2-gruppige Tageseinrichtung für 30 Kinder" auf vier Ebenen. Das Grundstück im Ort, mit Blick auf die Weinberge und Anschluss an den öffentlichen Park auf dem vier Meter höher gelegenen Plateau des ehemaligen Friedhofs ist reizvoll, liegt aber sehr dicht an der viel befahrenen Hauptstraße. Das enge Baufeld mit schwierigem Baugrund und die gleichzeitige Sanierung und Sicherstellung der "denkmalgeschützten Friedhofsmauer" waren eine große Herausforderung in der Umsetzung und Abwicklung der Baustelle. Alle Planungen und Ausführungen waren immer in enger Abstimmung mit dem Landesdenkmalamt erfolgt.
Innerhalb dieses engen Korsetts entsteht so ein einfaches "Haus für Kinder" mit Zitaten an die vergangene Bautradition mit sparsamen Details. Ziel war es den alten Ortskern an dieser Stelle aufzuwerten und neu zu interpretieren, ohne die Tradition im Ort zu negieren. Das Gebäude fügt sich mit seinem Volumen maßstäblich in die umgebende Bebauung ein und nimmt typologische Elemente des Ortsbildes im Entwurf selbstverständlich auf.

Städtebau | Freiraum
Die alten Wohngebäude wurden abgerissen und die Stellung des Neubaus wurde im Gegensatz zum Vorgängerbau südlich auf die Kante der Mauer gerückt, um städtebaulich einen angemessenen, hofartigen Vorplatz zu erhalten. So entsteht hier ein städtischer Platz mit blühendem Baum, der den Eingang zur neuen Tageseinrichtung aufnimmt und Raum zur Kommunikation bietet. Straßenseitig wurde das Gebäude deutlich zurückgesetzt, um einen breiteren Gehweg zu erhalten. Nach Norden hin schließt das Grundstück zu einer Bushaltestelle hin ab; hier markiert die "hängende" äußere Fluchttreppe die Besonderheit des Bautyps. Die Außenwand mit Verbau des eingeschossigen Nebentrakts im Westen, dient gleichzeitig als Sicherung der denkmalgeschützten Friedhofsmauer und bildet in der Fuge im Obergeschoss eine angemessene Terrasse aus, die den Außenspielbereich der Kita anbindet. Über eine Öffnung in der Bestandsmauer und einem Steg erfolgt der Zugang zu den kitaeigenen Freiflächen und dem öffentlichen Park "alter Friedhof".

Raumkonzept | Organistaion
Einfache Grundrissdispositionen bieten eine maximale Ausnutzung der Grundfläche und kommen mit variablen Raumgrößen dem Wunsch des pädagogischen Konzeptes "Einstein in der Kita" nach. So sind die Räume windmühlenartig um ein knappes Foyer angeordnet und bieten an gezielten Stellen, mit ihren bewusst gesetzten Öffnungen, eine stadträumliche Verknüpfung. So ergeben sich immer wieder überraschende, inszenierte Ausblicke zum historischen Ort und den Weinbergen.
Vom südlichen Haupteingang dem Platz zugewandt, gelangt man barrierefrei ins Foyer des Erdgeschosses, das als Ort des Ankommens und Verweilens dient. So befinden sich hier das Leitungsbüro mit Personalbereich und die Verteilerküche. Im Foyer dient eine zusätzliche pädagogische Küchenzeile den Kindern, Eltern und Erziehern. Das große Schaufenster zur Stadt hin nimmt die umliegende Ladentypologie auf und bietet Raum für Spiel und Pausen.
Alle Nebenräume sind im Untergeschoß angeordnet. Ein Aufzug ermöglicht die barrierefreie Erschließng im gesamten Haus. Im Obergeschoss befinden sich die Gruppen- und Spielräume incl. Garderoben, mit direkten Zugängen zum Terrassenbereich. Unter dem Dachspitz sind individuelle Kreativ- oder Schlafräume angeordnet, die in Ihrer Geometrie und Höhe bewusst den Kindern eine eigene Raumerfahrung ermöglichen. Das Treppenhaus mit dem Aufzug nach Nordost zur Straße hin orientiert, bietet zusätzliche Spiel- und Aufenthaltsmöglichkeiten und wirkt mit seiner Gaube als stadträumlichen Abschluss.

Material | Detail
Wichtig war uns ein reduziertes Material- und Detailkonzept, das die Komplexität eines solchen Raumprogramms auf so knappem Grund und in einer für solche Bauaufgaben ungewöhnlichen Haustypologie überhaupt ermöglicht. Alle Böden wurden in rotem Linoleum ausgeführt und ergänzen so das neutrale Weiß der Wände und das in den Foyers eingesetzte warme Eichenholz im Innenausbau. Das reduzierte und harmonisch kombinierte Farbkonzept im Inneren, unterstreicht das "kunterbunte" Treiben in der Kita (Kinder 0-6 Jahre). Sinneserfahrungen anzuregen war, war bewusst Teil des architektonischen Entwurfes. Die äußere Hülle ganz in weiss gehalten, verleiht dem neuen Baustein am Ort einen eleganten Glanz und dem "Kínderhaus" so auch eine poetische Note. Das Satteldach mit bündigem Ortgang und knapper Traufe sollen den "Urtyp" Haus dabei noch unterstreichen.

Konstruktion | Nachhaltigkeit
Das mineralisch verputzte Satteldachhaus mit unglasierten, naturroten Flachziegeln wurde bewusst in offenporiger Ziegelbauweise (Wärmedämmziegel 36,5 cm) ohne Wärmedämmverbundsysteme erstellt. Die Schallschutzfenster mit 3-fach Lärmeschutzverglasung und das Holzsparrendach ermöglichen einen sehr guten Dämmstandard. So wurden die Vorgaben der ENEV mit einfachen Mitteln um 30 % unterschritten. Von Beginn an der Planungen wurden alle Konzepte mit dem Bauherr und allen Fachplanern stets im engen Dialog entwickelt.
Eine kombinierte Brennwerttechnik mit Flächenheizungen und eine im Vorfeld geplante, ausgewogene technische und einfach zu bedienende Versorgung mit Nachrüstmöglichkeiten tragen zu einem optimierten und nachhaltigen Technikkonzept bei. Ein klares und sparsames Kunst-Lichtkonzept schafft eine eher wohnliche Atmosphäre. So werden alle Räume natürlich belichtet und belüftet und tragen ebenfalls zur Energieeffizienz bei. So war uns der Rückgriff auf einfache, ökologisch unbedenkliche Konstruktionen sehr wichtig ohne dogmatisch zu werden. Jedes Material sollte in seiner handwerklichen Qualität optimiert und aufs Genaueste in seiner natürlichen Oberflächenqualität aber auch der Verbindungen und Fügungen ausgearbeitet werden. Mit "wenig viel erreichen" ist unser Motto das wir bei all unseren Aufgaben anstreben und ermöglicht so "eine Nachhaltigkeit" im doppelten Sinne für die Zukunft unserer Baukultur.

Aufgestellt 28. Juli 2015 - Christine Remensperger | Architektin BDA

Fotos
Antje Quiram

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