Erster Landschaftsarchitekten- und Stadtplanertag 2017

Architektur

Nachlese

Innenentwicklung und Nachverdichtung, Mobilität, Stadt als Eventmeile, öffentliche Räume ohne Konsumzwang, Identifikation und Heimat: Diese Aspekte kamen beim gemeinsamen Landschaftsarchitekten- und Stadtplanertag am 18. Juli 2017 im Haus der Architekten in Stuttgart zur Sprache.

„Brauchen wir ein neues Bild der Stadt?“

Zur dieser Fragestellung gaben kurze Statements von sechs Impulsgebern – bewusst ohne Powerpointpräsentationen – viele Anknüpfungspunkte für einen lebendigen Austausch.
Präsident Markus Müller regte in seinem Grußwort an, die Entwicklung der Städte im Kontext zu diskutieren und die Nachbarschaftlichkeit zu beachten. In der Diskussion um die Zukunft der Städte
stünden häufig digitale Errungenschaften wie Smart City im Vordergrund. Dies mache zwar im Hinblick auf Energiesparen und autonomes Fahren Sinn, sei aber letztlich keine Stadtplanung. Christof Luz und Matthias Schuster – Vertreter für die Fachrichtungen Landschaftsarchitektur und Stadtplanung im AKBW-Landesvorstand – stimmten mit einem kurzen Ausblick das 170-köpfige Plenum auf den Nachmittag ein.

Von Südeuropa lernen

Den Beginn machte Dr. Andreas Kipar, Landschaftsarchitekt aus Mailand, mit seiner visionären Darstellung von Stadtentwicklung und Stadtplanung. Letztere müsse sich grundsätzlich schneller bewegen, denn Stadt und Landschaft rückten enger zusammen. Die Beiden müssten zusammengefügt werden und das oftmals in einer Geschwindigkeit, die nicht immer gesund oder realistisch sei. Er appellierte an die Planer, sich dem Druck zu entziehen und sich nicht immer sofort auf die Suche nach einer Lösung zu machen. Oftmals müssten gute Aspekte und mangelhafte örtliche Voraussetzungen zusammengefügt werden, um trotz aller Widrigkeiten ein stimmiges Bild in den Köpfen der Menschen zu erzeugen. Es müsse möglich sein, sich mit dem zu beschäftigen, was am Ende authentisch wirke, in einem Prozess, bei dem Politik, Verwaltung und Bürger mitgenommen werden – denn Landschaft verbindet auf horizontaler Ebene.

Prof. Fritz Berner vom Institut für Baubetriebslehre an der Universität Stuttgart beleuchtete die wirtschaftlichen Aspekte der Stadtentwicklung und griff den Ansatz auf, die Städte nicht nur von oben, sondern „von unten“ zu denken – und das nicht nur in einer, sondern zwei oder mehr Ebenen. Auch wenn dies planerisch viel schwieriger sei. Die Möglichkeiten, Städte im Untergrund zu verbinden und weiter zu denken, seien noch gar nicht greifbar. Er verwies auf die Wertigkeit von Immobilien, die – jenseits von Kunstgegenständen – als langlebigstes Wirtschaftsgut zählen und stellte in seiner Ausführung klar, wie relevant ein ganzheitlicher Blick auf die Immobilie und deren Umfeld ist.

Interessante Aspekte aus der gesellschaftskritischen Warte eines Fachfremden bot Monsignore Dr. Christian Hermes. Der Stuttgarter Stadtdekan zeigte kein Verständnis, dass Gebäude oft nur einen kurzen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren und ausschließlich unter ökonomischen Leitlinien betrachtet werden. Wo blieben in dieser Kurzlebigkeit die Menschen? Das Wohnungsproblem für Familien mit geringerem Budget sei in Stuttgart auch nicht gelöst. Der Katholik stellte die provokante Frage, ob Stuttgart nur noch eine Stadt für Wohlhabende sei. Auch durch die Tendenz zur Ökonomisierung des öffentlichen Raumes mit Konsum und teuren Events, sah er Handlungsbedarf für konsumfreie Aufenthaltsorte sowie für Rücksichtnahme auf Menschen, die die Innenstädte bewohnen.

v.l.: Dr. Andreas Kipar, Prof. Fritz Berner, Monsignore Dr. Christian Hermes

Pluralität zulassen

In der ersten gemeinsamen Diskussionsrunde kam es zu zahlreichen Wortmeldungen. So klangen gesellschaftskritische Aspekte, wie Ökonomisierung der Städte oder die mangelnde Identität, genauso an wie Anregungen, dass politische Gremien die Planungshoheit stärker in eigenen Händen behalten sollen, um der reinen Gewinnorientierung entgegenzutreten. Intensiv gewarnt wurde vor finanzstarken Investoren, die ganze Stadtbereiche aufkaufen, aber kaum einen Bezug zur Stadt und ein Interesse an ihrem Wohl haben. Hier erging ein starker Appell an die Vertreter der Politik und Entscheider im Stadtgeschehen, regulierend und mit gesundem Maß zu wirken. Nur wenn die Städte genügend eigenen Grund haben, könne auf die vielschichtigen Anforderungen eingegangen werden, wie beispielsweise auf den sozialen Wohnungsbau. Es wird generell ein Konflikt zwischen dem Schaffen von Dauerhaftem und dem Anspruch an Flexibilität gesehen. Selbst die Frage, ob sich die Stadtplaner ob der vielen, sich widersprechenden Anforderungen, aufgeben, stand im Raum.

Demgegenüber gab es optimistische Ansätze, die Größenordnungen für Planungen doch so greifbar zu machen, z.B. auf Quartiersebene, so dass Kommunikation mit allen Beteiligten (Bewohner, Politik, Planer) gut möglich ist. Viel Bedeutung wird dabei menschlichem Engagement und der Kunst, Visionen auf kleineren Ebenen aufzuzeigen, beigemessen. Dies mache die Umsetzung dann auch möglich. Pluralität wird dabei nicht abzuschaffen sein – soll auch nicht. Eher wurde angeregt, sich an Positivbeispielen zu orientieren, sich auszutauschen und zu lernen.

Schließlich standen die Fragen im Raum: Muss immer nur weitergebaut werden? Muss alles geordnet sein? Macht die Attraktivität für die unterschiedlichen Nutzer der Städte nicht auch ein gewisses Zulassen von Ungeordnetem aus? Dazu gehören auch Innehalten und gute Prozesse. Eine Idee ist, von Südeuropa zu lernen prozesshaft zu denken und „nicht lineares Denken“ zuzulassen. Das Potential, auch Aufenthaltsqualität durch Brachflächen (die nutzbar sind) zu schaffen, solle nicht ungeachtet bleiben. Die Bedeutung des öffentlichen Raumes ist gewachsen.

Polyzentralität stärken, planen und gestalten

Den zweiten Teil mit drei weiteren Impulsen eröffnete Prof. Thomas Auer von Transsolar Stuttgart. Aus seiner Sicht ist Stadtplanung die Planung des Unfertigen, das sich ständig in Transformation befindet.
Für drei Bereiche müsse man in Zukunft Lösungen entwickeln: beständiger Bevölkerungszuwachs in den Städten, die globale Erwärmung insbesondere in den Ballungsräumen und Reduktion des Verkehrs durch intelligente Mobilitätskonzepte. Und wie schafft man das? Er empfahl Ziele zu definieren. Nur mit der Änderung von Lebensstilen könnten diese Ziele erreicht werden, dafür müssten aber die Menschen in dem Prozess mitgenommen werden.
Städte verändern sich und müssen sich Gegebenheiten und Entwicklungen anpassen. Enorm wichtig erachtete die Stadtbaurätin Münchens, Prof. Dr. Elisabeth Merk, diese Prozesse durch strategische Planung zu lenken und Verantwortung für kurz-, mittel- und besonders für langfristiger „Zeitpfeile“ zu übernehmen. Darüber hinaus plädierte sie für soziale Bodennutzung unter Berücksichtigung von sozialem Wohnungsbau mit guter Durchmischung. Die europäische Stadt böte noch immer gute Charakteristika und Grundlagen. Jetzt wäre es wichtig, sich um den Bestand zu kümmern und verantwortungsvolle Entscheidungen im Gesamtzusammenhang für Orte und Flächen zu fällen, bezüglich Nachverdichtung, Grünflächen und Orte der Begegnung. Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, wagte in seinen Ausführungen einen Ausblick in die Zukunft und gab Anregungen für diean der Planung Beteiligten. Hier wurde Polyzentralität angeregt, die es auch für kleinere Städte zu stärken, planen und gestalten gelte. Planer sollen sich auf die eigenen Fähigkeiten besinnen, Bilder zu verankern und vor allem die eigenen Stärken und Ressourcen gezielt gegenüber der Politik einzusetzen. Auch gelte es, nicht nur zu reagieren, sondern aushandelbare Prozesse anzustoßen – so Nagels Reaktion auf die Frage, ob sich Stadtplaner immer mehr aufgeben. Baukultur sei umfassend und betreffe den Städtebau genauso wie die Regionalplanung. Dabei sei Städtebau das Ergebnis aus dem Zusammenwirken von Stadtplanung und Landschaftsplanung.

v.l.: Prof. Thomas Auer, Prof. Dr. Elisabeth Merk, Reiner Nagel

In der zweiten Werkstadtrunde wurde zunächst auf die zunehmende Komplexität hingewiesen, mit der Stadtplanerinnen und Landschaftsarchitekten heute konfrontiert sind. Um allen Anforderungen gerecht zu werden – wie der Veränderungen der sozialen, räumlichen Strukturen, Maßstäblichkeit, Nachverdichtung, Klimaanpassung, Mobilität, technische Errungenschaften, öffentliche Räume, Partizipation etc. –, sollte Stadtplanung eher von einem Ziel her gedacht und entwickelt werden. Diese Prozesse brauchen Zeit, bieten aber die Möglichkeit, neue Ideen und innovative Ansätze für eine qualifizierte Stadt mit zeitgemäßen Angeboten für ihre Nutzer entstehen zu lassen. Es wurde an die Planer appelliert, in den Prozessen und Auseinandersetzungen mit politischen Gremien mehr Präsenz zu zeigen. Bei aller Komplexität brauche es doch den Blick für’s Ganze und Prägnanz an der richtigen Stelle, um wichtige Entscheidungen zu treffen. Denn was nutzt beispielweise die neue Flächenversiegelung für Einfamilienhausgebiete, wenn gleichzeitig die Ortsmitte schleichend ausstirbt? Als wichtige Stellschraube für kommunale Entscheidungen wurde für eine andere Bodenpolitik plädiert. Wenn die Städte Eigentümer ihres Grund und Bodens blieben, könnten sie Entwicklungen besser steuern und Pächtern gegenüber Qualitätsansprüche geltend machen und somit ihre eigenen Vorstellungen besser umsetzen.
Der Nachmittag endete mit einem positiven Fazit: Wir haben europäische Städte mit viel Potential. Ähnlich wichtig wie das breite Spektrum an Gebäuden ist der Freiraum – das „Nicht-Gebaute“: ein wertvolles Gut, das es ins Bewusstsein zu rücken gilt. Denn die Ausgewogenheit macht die Qualität der Städte aus. Emotionale Bilder müssen erzeugt werden und dazu gehört auch, ökonomisch kreativ zu werden. Einfache Instrumente sind anzuwenden, um dauerhaft gute Konzepte zu entwickeln. Statt einer einzelnen Lösung gilt es Varianten zu erarbeiten.

Martina Kirsch und Anja Chwastek / 24.08.2017

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