9. Landschaftsarchitektur-Quartett

Architektur

Wo und wie wohnen wir heute? Freiräume tragen entscheidend dazu bei, wie sich die Bewohner und Bewohnerinnen im wohnungsnahen Umfeld zurechtfinden, wohlfühlen und wie sie sich integrieren. Die Qualität der Freiräume gehört zu den wesentlichsten Faktoren bei der Einstufung der Beliebtheitswerte der Städte. Hochwertige, nah gelegene Grünanlagen sind Grund, einen vorderen Platz im Städteranking zu belegen. Doch welche Konzepte sind erfolgversprechend, um den Bedürfnissen der Menschen im städtisch geprägten Wohnumfeld gerecht zu werden?

Unser Quartett wird sich in diesem Jahr Freiräumen im direkten Wohnumfeld widmen. Weitere Fragen ergeben sich aus dieser Thematik: Welchen Beitrag kann das neue Quartier für die Weiterentwicklung der umgebenden, vorhandenen Stadtstrukturen leisten? Ziel der Planungen sollte es sein, Freiräume in den Stadtquartieren zu schaffen, die die sozialen Bedürfnisse erfüllen, gestalterische Akzentuierungen setzen und bedarfsgerechte Nutzungsangebote umfassen. Was muss ein Freiraum leisten, und wie muss er aussehen, um die Bewohner in Stadtquartieren bei schönstem Wetter einfach vor die Tür zu locken, anstatt wegzufahren? Was ist zwingend und was sollte tunlichst vermieden werden?

Wie so oft sind auch hier die Antworten nicht eindimensional, sondern sehr vielschichtig. Es bestehen allerlei Abhängigkeiten und Anforderungen, die in der Konzeption und im späteren Entwurf zu verarbeiten sind. Es stellen sich freiraumtypologische Fragen, wie nach den privaten Freiflächen des Wohnungsbaus, den wohnungsnahen, gemeinschaftlichen Freiflächen und den öffentlichen Räumen im Quartier. Zu klären ist außerdem, welche Schwerpunkte durch differenzierte Nutzungsmöglichkeiten gesetzt werden sollen, die somit eine entsprechende Bedeutung erhalten. Nicht zuletzt sind wirtschaftliche Kriterien maßgeblich, welche die Qualität und Tragfähigkeit der Konzepte für eine nachhaltige Stadtentwicklung bestimmen. Hier sollte von Seiten der kommunalen Entscheidungsträger und der Investoren immer die langfristige Wertschöpfung Vorgabe sein.

Für die Entwicklung eines Stadtgebiets und deren Freiräume sind darüber hinaus vielfältige Fragen zu berücksichtigen. Dazu gehören die des Verkehrs ebenso wie mögliche und zwingende andere infrastrukturelle Einrichtungen. Welche Chancen und welche Potentiale ausgeschöpft werden können, um die Tragfähigkeit eines Konzeptes zu gewährleisten, gilt es zu ermitteln. Neben den naturräumlichen und landschaftlichen Grundlagen sind die sozialen und kulturellen Faktoren von entscheidender Bedeutung. Sie sind immer im Kontext ihres städtebaulichen Umfelds zu betrachten. Mit den drei Projekten aus Tübingen, Karlsruhe und Ludwigsburg werden im diesjährigen Landschaftsarchitektur-Quartett drei sich unterscheidende Beispiele vorgestellt und diskutiert.
Sie zeigen exemplarisch, mit welchen landschaftsarchitektonischen Mitteln die städtebauliche Entwicklung neuer Quartiere fortgeführt wird. Es werden die Abhängigkeiten respektive Synergien zwischen städtebaulichen und freiräumlichen Strukturen beleuchtet und aufgezeigt, wie die beengte Wohnraumsituation in unseren Städten verbessert werden kann – quasi was „direkt vor der Haustür“ angeboten wird.

Alte Weberei, Tübingen

Die „Alte Weberei“ in Tübingen umfasst ein Gesamtareal von sechs Hektar. Nach einem städtebaulichen Wettbewerb 2009, den das Büro Hähnig Gemmeke Freie Architekten aus Tübingen in Zusammenarbeit mit Stefan Fromm Landschaftsarchitekten gewann, bearbeitete Stefan Fromm die Freianlagen der „Alten Weberei“ seit 2010 bis zu seiner Fertigstellung Ende 2015. Investiert wurden 2,5 Mio. Euro. Auf dem ehemaligen Fabrikareal der Firma Egeria wurde ein Wohngebiet entwickelt, das den Stadtteil an den Neckar heranführt. Mittelpunkt des Quartiers ist der Egeria-Platz, der als Gelenk zwischen bestehender Bebauung und den neuen Stadtstrukturen fungiert. Ein Spielplatz bietet wohnungsnahe Aufenthaltsqualität und belebt das Stadtteilzentrum. Eine Kita und weitere infrastrukturelle Angebote
sorgen für Lebendigkeit.

Spielplatz auf dem Geländer der Alten Weberei in Tübingen, Foto und Planung: Fromm Landschaftsarchitekten

Citypark, Karlsruhe

Der neue CITYPARK in Karlsruhe umfasst insgesamt 14 Hektar. Ursprünglich war die Fläche für die Ausrichtung der BUGA 2001 vorgesehen, die jedoch damals vom Gemeinderat abgelehnt wurde. Anstelle dessen entstand der neue Stadtpark. Bauer Landschaftsarchitekten aus Karlsruhe planten ihn für immerhin ca. 8.8 Mio. Euro. Auf der Nordseite wird der Park auf seiner ganzen Länge von einer wallartig erhöhten Esplanade begleitet, die einen Überblick über den Park ermöglicht. Arrondiert wird der Park von Wohnquartieren und Bürobauten, die zusammen mit dem Wall den Park vom Verkehr der Ludwig-Erhard-Allee abschirmen. Es entstanden Grünräume mit unterschiedlichen Charakteren. Bei der Gestaltung der Spielplätze wurden alte Mauern aus einem ehemals auf dem Gelände befindlichen Werksgebäude der Bahn wiederverwendet. Neben weitläufigen Wiesen und schattenspendenden grünen Baumhainen wurden zahlreiche Wasserflächen angelegt – davon ein 1700 Quadratmeter großer See. Neben seiner stadtklimatischen Wirkung verbindet der neue Stadtpark jüngst entstandene Wohnquartiere und bestehende Stadtteile miteinander.

Quartier Citypark in Karlsruhe, Planung: Bauer.Landschaftsarchitekten, Foto: Michael Glück

Cäsar-von-Hofacker-Anlage

Auflockernde Strukturen in der Cäsar-von-Hofacker-Anlage, Planung: Planstatt Senner; Foto: Achim Mende

Als drittes Projekt wird die Cäsar-von-Hofacker-Anlage in Ludwigsburg diskutiert. Auf einem ehemaligen Kasernengelände im Stadtteil Ossweil ist mit der Hartenecker Höhe ein neues Wohnquartier entstanden. Dessen zentrales Herzstück ist die Cäsarvon-Hofacker-Anlage, die vom Büro Planstatt Senner aus Stuttgart und Überlingen geplant wurde. Die lange, zentrale Freiraumachse ist 11.500 Quadratmeter groß und wurde in zwei Bauabschnitten mit dem sich parallel entwickelnden Wohnungsbau bis 2014 hergestellt. Für die Anlage stand ein Budget von ca. 2,2 Mio. Euro zur Verfügung. Zusammen mit Bürgerworkshops ist ein Gestaltungskonzept entstanden, das von fließenden Formen und Linien geprägt wird und somit einen Kontrast zu den stringenten Gebäudeverläufen der Umgebung bildet. Bewusst ging man dabei mit den spielerisch gesetzten elliptischen Formen um, die die Vornutzung als Kaserne auflockern.

Wir laden Sie hiermit herzlich zu unserem diesjährigen Landschaftsarchitektur-Quartett ein und freuen uns über Ihre Teilnahme am 20. September um 19.30 Uhr im Treffpunkt Rotebühlplatz in Stuttgart. Ihre Anmeldung kann unter diesem Link erfolgen.

 

 

Michael Glück / 07.07.2017