Der Reiz der Ruine

Architektur

ArchiFlop. Gescheiterte Visionen. Die spektakulärsten Ruinen der modernen Architektur Alessandro Biamonti, DVA 2017, gebundene Ausgabe, 192 Seiten, farbige Illustrationen, 254 x 214 mm, übersetzt aus dem Italienischen (Original: Archiflop - Storie di progetti finiti male), ISBN 978-3-421-04053-4, 29,95 Euro

Übers Scheitern gibt es viele Geschichten. Bücher zu dem Thema verstehen sich meist als Lebensratgeber. In der Kunst hat das Scheitern sein festes Zuhause - so wie Samuel Beckett formulierte: "Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better."* In ihrem Selbstverständnis siedeln sich viele Künstler jenseits der Konventionen und Leistungsprinzipien an; dass sie den gesellschaftlichen Normen nicht genügen, ist somit quasi vorprogrammiert. Doch wie sieht es mit Architektur aus, die floppt?

Alessandro Biamonti hat "spektakuläre Ruinen" aus der ganzen Welt in seinem Buch versammelt. Der Inhalt richtet sich nicht nach Bauaufgaben, sondern nach den Erwartungen, die ursprünglich hinter den Projekten standen. Das erste Kapitel mit der Überschrift "Die Überlegung lautete: Es werden viele Tausende kommen" reiht Projekte aneinander, die von überzogenen Zahlen beim Bevölkerungswachstum ausgingen. In Worten werden die Umstände für den Misserfolg erklärt, währenddessen die hochästhetischen Fotos ihren ganz eigentümlichen Reiz ausüben.

Doch sind es nicht nur die Abbildungen, die anziehend wirken: So sei die japanische Insel Hashima "mittlerweile ein Kultort für Ruinenbegeisterte und Freunde der "Industriearchäologie" geworden." Der Autor erklärt dazu: "Zu den Kennzeichen moderner Ruinen zählt zweifellos der starke ästhetische Eindruck: Sie wirken zugleich surreal, poetisch und erschreckend." Den Begriff der Ruine legt er allerdings sehr breit aus: von den Ufo-Häusern in Sanzi in Taiwan, in denen tatsächlich nie jemand gewohnt hat und die dem Verfall preisgegeben wurden, bis hin zur Nova Cidade de Kilamba in Angola, die völlig intakt wirkt. Denn ihr weitgehender Leerstand ist den abgebildeten Gebäuden nicht anzusehen. Kein Wunder: der Ort diene der Regierung für öffentliche Werbevideos, auf denen glückliche Familien (in Wirklichkeit Schauspieler) zu sehen seien, steht dazu im Begleittext.

Spannend zu lesen sind die anthropologischen Bezüge, in die der Mailänder Autor die gescheiterten Bauwerke bettet. Er nennt es "verfehlte Gegenwart", die solche Architektur ausmacht. Sie fasziniere uns, weil die Artefakte "entworfen wurden, um heute etwas zu sein, was sie nicht sind oder nicht geworden sind - die sich also nur noch als die Überreste eines Gedankens präsentieren." Seine Heimat sei geprägt von Ruinen, doch habe sich der Umgang mit ihnen verändert. Während "Völker oder Gesellschaften, die das Bauen in dem Sinne verstehen, dass sie der Geschichte ein Zeichen einschreiben," sie immer als einen Teil der Landschaft angesehen hätten, habe man heute die Tendenz die "verfehlte Gegenwart" zu eliminieren. Entsprechend finden sich in dem Buch auch Projekte, die nach jahrzehntelangem Planen, Bauen und Leer-Stehen innerhalb von zwölf (Spreng-)Sekunden dem Erdboden gleichgemacht wurden.

Die insgesamt 25 Beispiele verteilen sich über den gesamten Globus. Mit jeweils rund zehn Projekten liegen die beiden Schwerpunkte auf dem asiatischen Raum sowie in Europa und hier insbesondere in Italien. Deutschland ist mit dem Spreepark in Berlin vertreten, dem einzigen Vergnügungspark der DDR. Er findet sich unter der Rubriküberschrift "Die Überlegung lautete: Sie werden sich bestens amüsieren." Zu sehen sind in dem Kapitel leergefegte Geisterstädte, rostende Fahrgeschäfte und einmal auch eine 45 Meter lange Gulliver-Figur. "Unheimliches Knarren und Quietschen, skelettartige Überreste von Gebäuden und ein dichter Nebel, der alles einhüllt - es gibt wohl nichts, was dem heiter-festlichen Bild eines Vergnügungsparks noch ferner steht." So beschreibt Biamonti die breite Kluft zwischen Erhofftem und Erreichtem. Und in diesem Spannungsfeld bewegt sich das ganze Buch. Es zeigt, wie die ursprünglich beabsichtigte Nutzung gescheitert und stattdessen eine neue kunstvolle Realität entstanden ist. Ein schaurig-schönes Vergnügen für den Leser.

 

* Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.

Claudia Knodel / 26.04.2017