Der Dialog als Fundament zukunftsorientierter Planung

Architektur

Von Räumen, Menschen, Städten und Regionen

Stadtplanung- und Regionalenwicklung stehen heute ganz im Zeichen der Innenentwicklung. Man spricht von Baulücken- und Flächenressourcenmanagement sowie einer verträglichen Verdichtung. Zur Senkung des Flächenverbrauchs wurden Flächenrecyclingpreise ausgeschrieben und Konzepte entwickelt, wie das des Ministeriums für Umwelt, Naturschutz und Verkehr Baden-Württemberg geförderte Programm „Flächen gewinnen durch Innenentwicklung“.
All dies sind Maßnahmen, die auf die veränderten strukturellen Bedingungen, insbesondere auch den demographischen Wandel reagieren. Ein Zusammenrücken im wahrsten Sinne des Wortes wird hier planerisch vorbereitet und umgesetzt.

Das Raumparadigma

Mit dem sogenannten „spatial turn“ Ende der 1980er Jahre wurde ‚Raum‘ zum grundlegenden Denkmodell. Raumbildende Praktiken, Prozesse der Raumkonstitution, räumliche Organisationsformen und die räumlichen Qualitäten sozialen Geschehens werden seither in den Kultur- und Sozialwissenschaften anhand dieses neuen Paradigmas erforscht. Das Leibniz-Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung geht beispielsweise von der Annahme der kommunikativen Konstruktion von Raum aus und untersucht die kommunikativen Mechanismen innerhalb von Raumentwicklungsprozessen.
Nach Achim Hahn ist die Wirklichkeit eines Wohngebietes „die Wirklichkeit der‚inneren Bilder‘ der dort Lebenden. (...) Jeglicher städtebaulicher Ansatz muss jene Bilder und Geschichten, in denen die Bewohner sich und ihr Quartier erleben, verstehen und ausdrücken, zum Ausgang nehmen.“ Für Gernot Böhme ist die leibliche Anwesenheit raumbildend. Er bestimmt „die Atmosphäre einer Stadt“als „die subjektive Erfahrung der Stadtwirklichkeit, die die Menschen in der Stadt miteinander teilen.“ Um zukunftswirksame und nachhaltige Entwicklungen in sinnvolle und innovative Architektur umsetzen zu können, müssen städtebauliche Maßnahmen im konkreten Einzelfall klären, wer den Raum konstituiert, strukturiert oder produziert und wie sich der Charakter eines Stadtteils bildet.

Alltags- und Expertenwissen verknüpfen

Lernen wir also von Las Vegas, indem wir aktuelle Forschungen und daraus resultierende Forderungen in der Praxis erproben. Kann die von Dieter Hoffmann-Axthelm 1978 aufgestellte Utopie, „dass die Bewohner unserer Städte beginnen, selber ihre Wünsche auszudrücken“ in der Wirklichkeit bestehen? Besonders vor dem Hintergrund der notwendigen Innenentwicklung gewinnen Bewohner mit ihren Alltagserfahrungen und ihrem Umgebungswissen einen neuen Stellenwert bei der Bewältigung planerischer Aufgaben.
Um innerörtliche Potentiale aber auch Schwächen realistisch und mit Bezug auf die Spezifik des Ortes ausloten zu können, müssen diese erkannt und benannt werden. Wer weiß mehr über das Quartier als die Menschen, die täglich ihr unmittelbares Lebensumfeld organisieren? Diese Kenntnisse zu nutzen, bedeutet, Bürger bereits von Beginn an in Planungsprozesse zu integrieren. Werkstätten sind hier das geeignete Instrument. Sie gehören zu den Kooperativen Verfahren und gründen auf dem dialogischen Prinzip. Dadurch unterscheiden sie sich maßgeblich von anonymen Wettbewerbsverfahren. (Werkstatt wird hier als Sammelbegriff für Planungswerkstatt, Workshop, Moderations- oder Testplanungsverfahren etc. verwendet).

Werkstätten sind Kompetenz-Schnittstellen

Alle am Planungsprozess Beteiligten werden in der Werkstatt im Idealfall als gleichwertige Partner für einen offenen und konstruktiven Dialog zusammengeführt. Im direkten Austausch von Ideen und Werten können grundlegende Zielsetzungen, Bedürfnisse und Zukunftsperspektiven artikuliert, gesammelt, geprüft und abgeglichen werden. Spezifisches Fachwissen, planungsrechtliche Grundlagen und die Kenntnisse des Wohnumfeldes ergänzen sich. Unterschiedliche Interessen und divergierende Sichtweisen werden in den Gruppenarbeiten durch die wiederholte Rückkopplung an die Ausgangsfragestellungen schrittweise korrigiert und angepasst. Auch die Aufgabenstellung selbst kann dabei neu gefasst werden. Die Teamarbeit fördert eine Variationsbreite an innovativen Lösungsideen, deren Stärken und Schwächen sich im direkten Vergleich der Ergebnisse klar zeigen. In Werkstätten wird ein gemeinsamer Wissenshorizont hergestellt. Erklärung und Vermittlung fördern das Verständnis komplexer Zusammenhänge, wodurch auch mögliche Konfliktfelder frühzeitig erkannt und behoben werden können. Werkstätten sind perfekte Kompetenz-Schnittstellen mit einem hohen Potential an kreativen Synergien. Zu Recht tragen sie den Charakter des Experimentellen, da die Form des Dialogisch-Partizipativen noch nicht ausreichend erprobt und ihr Ausgang offen ist. Mut zu ehrlichem Dialog ist daher gefordert. Laien als gleichwertige Diskussionspartner in Planungen anzusehen, schein riskant zu sein.
Es bedeutet jedoch keine Beschneidung von Fach- oder Ressortkompetenzen,sondern die Ausweitung auf raumgreifende Blick- und Handlungsfelder und ein tiefergehendes und ortsspezifisches Verständnis räumlich-sozialer Zusammenhänge. Je dichter die Menschen zusammenrücken, desto relevanter werden kommunikative und koordinatorische Aufgaben. Solche konzeptionellen Vorarbeiten können Werkstätten leisten, wenn man sie als grundlegende Bausteine innerhalb des gesamten Planungsprozesses ernst nimmt und als festen Bestandteil an den Anfang von Planungsvorhaben stellt.

Helga Sandl / 08.09.2011

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Martina Kirsch

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Architektur und Medien
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