Erster Stadtplanertag

Architektur

Die besten Städte entstehen aus der Balance

Unter dem Motto "Die Macher der Städte ... Kommunen, Investoren und Stadtplaner auf Augenhöhe?" veranstaltete die Architektenkammer am 5. Juli 2007 den ersten baden-württembergischen Stadtplanertag. Rund 250 Teilnehmer, darunter auch viele Vertreter aus den Kommunen, kamen ins Haus der Architekten in Stuttgart.

Wer sich mit der Entwicklung von Städten befasst, muss sich mit dem Thema Zukunft insgesamt auseinandersetzen, so die Überzeugung von Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher vom Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm.

50 Prozent der Weltbevölkerung wohnen derzeit in Städten, in 30 bis 35 Jahren liegt dieser Wert voraussichtlich bei 75 Prozent – eine logische Entwicklung, stehen doch in den Ballungszentren die meisten Angebote für die Bedürfnisse der Menschen bereit: Service, Energie, Kultur... Städten kommt somit in der Zukunft eine immer zentralere Funktion zu. Je nachdem, wie sich die Strukturen entwickeln, sieht Radermacher drei mögliche Konstellationen: den globalen Kollaps, die Brasilianisierung, d.h. Re-Feudalisierung der Gesellschaft oder aber auch das Balance-Modell. Bei der Brasilianisierung dominieren wenige sehr reiche Menschen die restlichen 90 Prozent der Bevölkerung. Diese leben zu großen Teilen in Slums. Erste Anzeichen für eine entsprechende Verarmung sieht Radermacher auch schon in Deutschland. "Die besten Städte entstehen aus der Balance", so der Zukunftsforscher und lobte die "wunderschönen europäischen Städte". Einzig im Wechselspiel der Kräfte, wie sie eine soziale Demokratie entfaltet, können solche Ausgleichsmodelle entstehen. Europa habe hier die besten Voraussetzungen.

Sehnsucht nach urbanen Qualitäten

Mit Unterzeichnung der sogenannten "Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt" Ende Mai 2007 haben die zuständigen Minister der EU-Mitgliedstaaten ihr gemeinsames Verständnis von integrierter Stadtentwicklungspolitik in Europa zum Ausdruck gebracht. Die Charta wendet sich auch gegen einseitige Besitzansprüche: Städte gehören weder Politikern, noch der Verwaltung, noch den Investoren. Einzig im gleichberechtigten Austausch aller beteiligter Gruppen kann die Sehnsucht nach urbanen Qualitäten gestillt werden, der Wunsch nach Komfort und Kommunikation, nach kulturellem und kommerziellem Angebot. Entsprechend stand der von der Architektenkammer Baden-Württemberg organisierte erste baden-württembergische Stadtplanertag unter dem Motto "Die Macher der Städte... Kommunen, Investoren und Stadtplaner auf Augenhöhe?"

Angesichts des Runs auf die Städte sieht Kammer-Präsident Wolfgang Riehle eine zentrale Aufgabe im sparsamen Umgang mit Boden und Flächen. "Innenentwicklung muss endlich konsequent den Vorrang vor Außenentwicklung erhalten." Ohnehin würden Flächen im Bestand spannende Planungsaufgaben bieten.

Da Mit- und Selbstbestimmung der Bürger sowie die Nutzungsmischung eine zentrale Rolle bei der zukunftsfähigen Stadtentwicklung spielen, freute sich Riehle darauf verweisen zu können, "dass Stadtplanerinnen und Stadtplaner es gewohnt sind, prozessorientiert zu arbeiten und auch als Moderatoren und Mediatoren und damit bei der Bürgerbeteiligung und der dabei häufig wichtigen Konfliktbewältigung tätig sind."

Der Stadtplaner weiß, wer etwas weiß

Dabei kann es nicht darum gehen, dass Stadtplaner alles selbst erledigen. Während das klassische Berufsbild vor allem den Gestalter forderte, bringt Stadtplanung heutzutage zusätzlich vier weitere komplexe Aufgabenfelder mit sich. Gefragt sind auch der Vorausdenker, Organisator, Kommunikator und Moderator. Es obliegt dem federführenden Stadtplaner sich für einen oder mehrere der fünf Bereiche zusätzliche Fachkräfte von außen ins Boot zu holen.

Als Vertreter der Kommunen forderte Baubürgermeister Alexander Wetzig mehr Balkanisierung und mehr Afrikanisierung bei der Stadtplanung: "Teppichhandel statt Rechtsnormen" und "Palaver statt Entscheidungen". "Es gibt nicht eine Innenentwicklung, die durch die Landes- oder die Musterbauordnung zu lösen ist", so Wetzig.

Der Flächennutzungsplan sei hier nur Ballast. Um Probleme effizient anpacken zu können, gelte es das Baurecht zu entschlacken. Für ihn ist Stadtplanung originär ein Aushandlungsprozess. Es kann nicht darum gehen, fertige Pläne vorzulegen. In einer Zeit, in der sich die Bürgerschaft als selbstbewusster Akteur versteht, komme es vielmehr darauf an, Ziele und Projekte öffentlich zu diskutieren. Solche Aushandlungsprozesse leben von der Kommunikation, deshalb "Palaver statt Entscheidung": Am mediationsbasierten runden Tisch bringen sich alle beteiligten Kräfte ein, diskutieren über Ziele und sind dann auch bereit, dafür einzustehen.

Tendenzen in der Stadtentwicklung

Bei der Stadtentwicklung erkennt Dr. Bernd Fahle, Vorsitzender des Arbeitskreises Stadtplanung der Architektenkammer Baden-Württemberg, in den letzten 15 Jahren drei entscheidende Tendenzen.

Erstens orientiere sich Stadtplanung zwischenzeitlich fast ausschließlich an konkreten Projekten und Realisierungszielen. Zweitens sei mit dem Stadtumbau und der Innentwicklung eine inhaltliche Komplexität entstanden, deren ganzheitliche Anforderungen sich auch in den Programmen, Konzepten und Strategien seines Berufsstands wiederspiegeln. Und drittens habe die Rolle der privaten Investoren und Entwickler spürbar zugenommen.

Ronald Klein-Knott, Geschäftsführer der Frank GEV Grundstücksentwicklung- und Verwertungsgesellschaft mbH, vertrat beim Stadtplanertag die Investorenseite und damit "den unternehmerischen Städtebau".

"Das Feld ist sehr breit", so Klein-Knott. Entscheidend sei die jeweilige ökonomische Interessenslage und wie überall gebe es auch hier gute und schlechte Bauherren. Unternehmen wie VW in Wolfsburg oder Sony-City in Berlin erzeugten eine win-win-Situation, denn in diesen Fällen partizipierten die Kommunen am wirtschaftlichen Erfolg. "Von Investoren kann eine enorme Macht ausgehen." So sei mit den Einkaufswelten ECE in Karlsruhe eine Form von Urbanität geschaffen worden, die eine Million Kunden beeinflusse. Bei institutionellen Anlegern wie Cerberus schließlich, die sich international in große Städte einkaufen, bestünde selbstverständlich die Gefahr, dass kein innerer Bezug vorhanden sei und die Verbindung abbreche.

 

Partner auf Augenhöhe

Die internationale Konkurrenz nimmt auf Investorenseite stark zu. Darüber hinaus sorgen hier häufig wechselnde Partnerschaften für eine gewisse Unübersichtlichkeit. Partnership war auch das Stichwort, das Klein-Knott beim Thema public-private-partnership (PPP) herausgriff: Aufgrund von Egoismen und "unterschiedlichen Kulturen" gäbe es bei diesem Vergabemodell oft zu wenig Verständnis füreinander. Als Partner auf Augenhöhe müssten alle Beteiligten ihre Erwartungen und Interessen sorgfältig austarieren. Klein-Knott forderte Verfahren mit Augenmaß, ohne uferlose Vorleistungen; Handlungssicherheit und Verlässlichkeit; Kompetenz bei den Verhandlungen, zu denen nötigenfalls weitere Fachleute hinzuzuholen seien; direkte Gespräche und Vertraulichkeit - die Presse zu früh einzuschalten, sei kontraproduktiv; eine Aufgabenverteilung entsprechend der Qualifikation; eine Beteiligung der öffentlichen Hand an der Wertsteigerung und eine Beteiligung der Privaten an der Gestaltung.

Ideen anschaulich machen

Der Münchner Stadtplaner Prof. Peter Zlonicky berichtete aus seiner eigenen, reichen Berufserfahrung. Auch wenn sich die Rolle von Stadtplanern verändert habe, hin zum "moderator of change", sei es gleichwohl zwingend notwendig, dass Kernkompetenzen erhalten blieben. Ein Stadtplaner müsse jederzeit fähig sein ohne Computer, nur mit Bleistift und Papier, Ideen anschaulich zu machen.

Am Beispiel eines von ihm betreuten Israel-Palästina-Projekts illustrierte er das Thema Moderation: Der Stadtplaner nimmt sich selbst zurück und entwickelt stattdessen eine gemeinsame Sprache für die beteiligten Gruppen. Die Kunst liegt darin, die Dinge - sind sie auch noch so heterogen - zusammenzudenken und eine - wenn auch noch so bescheidene - erste gemeinsame Basis zu schaffen. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Kommunikation. Gleichwohl bleibt ein vom Stadtplaner moderierter Prozess hier nicht stecken. Mit seiner Kraft zur positiven Vorausschau entwickelt er vielmehr Bilder, die Botschaften vermitteln. Hierfür sind gleichermaßen raumplanerische Fähigkeiten wie organisatorisches und kommunikatives Talent die Voraussetzung. Zu einer erfolgreichen Stadtplanung kann es laut Zlonicky aber ebenso gehören, neue Ideen in die Welt zu setzen, die sich dann verselbständigen und eine fruchtbare Entwicklung initiieren.

 

Stadtplanerinnen und Stadtplaner in Ihrer Nähe finden Sie unter www.stadtplanerprofile.de

Fotos: www.circulus.de

Teaser-Graphik (Ausschnitt): Bruce B.

Claudia Knodel / 10.07.2007

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