Stadt und Mobilität - Stadtplanertag 2012

Architektur
Die Diskussionsrunde (v.l.): Dr. Hanno Rauterberg, Prof. Dr. Andreas Knie, Moderator Wolfgang Riehle,Prof. Hartmut H. Topp und Kurt Werner

Planer planen das Ungeplante

Matthias Schuster, Vertreter der Fachrichtung Stadtplanung im Landesvorstand der AKBW, eröffnete die Veranstaltung ‚Stadt und Mobilität – von der autogerechten Stadt zu neuer Urbanität‘ mit der Frage: „Ist eine Versöhnung zwischen Verkehr, Stadt, Raum und urbanem Leben möglich?“
Er verwies damit auf die Schlüsselrolle des Berufsstands neue Leitbilder zu entwickeln, die Folgen aktueller Trends und Entwicklungen in der Planung zu berücksichtigen sowie Lösungen für die Zukunft zu finden.Matthias Schuster, Vertreter der Fachrichtung Stadtplanung im Landesvorstand der AKBW, eröffnete die Veranstaltung ‚Stadt und Mobilität – von der autogerechten Stadt zu neuer Urbanität‘ mit der Frage: „Ist eine Versöhnung zwischen Verkehr, Stadt, Raum und urbanem Leben möglich?“

Was "bewegt" uns heute und morgen?

Professor Dr. Andreas Knie vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel in Berlin verkündete, dass offene demokratische Gesellschaften Verkehr brauchen und verkehrsintensive Gesellschaften bleiben werden. Nach wie vor sei im Kopf der meisten Menschen das Auto das Verkehrsmittel erster Wahl, ohne dass sie sich die kritische Frage stellten, ob sie Teil der Lösung oder Teil des Problems seien, so Knie.

Die Zukunft der Mobilität läge in der intelligenten Vernetzung der Mobilitätsangebote, da besonders in den Städten bis ins Jahr 2050 weitere Bevölkerungszuwächse zu erwarten sind.Statistiken belegen: Während das Auto zwar immer noch das beliebteste Verkehrsmittel ist, gibt es dennoch bereits eine Trendwende zu erkennen: Der Anteil an Neuwagenkauf ist bei den 18- bis 29-Jährigen deutlich gesunken – auch ist der Autobesitz bei der jüngeren Generation messbar rückläufig. Durch diese Abkehr vom Eigentumsdenken in Bezug auf das Auto wird sich die „One-touch-Mobility“ durchsetzen, wenn die Prognosen von Knie zutreffen.
One-touch-Mobility bedeute den Zusammenschluss aller Verkehrsmittel zu einem Dienstleistungsverbund. Mit Smartphones könne jederzeit an allen Orten die Verfügbarkeit der einzelnen Fahrzeuge vom Fahrrad über das Elektroauto bis hin zur Bahn geprüft und das geeignete Verkehrsmittel gebucht werden. Die meisten Autos sind sozusagen „Stehzeuge“ - sie  werden nur 17,5 Prozent der Zeit bewegt und die meisten Fahrten finden im Kurzstreckenbereich statt. Knie sieht deshalb besonderes Entwicklungspotential für die E-Mobility, da die Reichweite von Elektrofahrzeugen bei 150 km liegt. In diesem Zusammenhang ergäben sich insbesondere für Stadtplaner interessante Aufgabenfelder im Bereich der Planung von Micro Smart Grid-Anlagen wie beispielsweise der EUREF-Campus in Berlin. Dabei handelt es sich um eine intelligente Verknüpfung zwischen Wind- und Sonnenkraftwerken, Bürogebäuden sowie Elektrofahrzeugen. Die Speicher des lokalen Stromnetzes bestehen aus stationären und mobilen Elementen, eben den Elektroautos.

Weniger Verkehr in postfossiler Zeit

„Wir müssen Mobilität neu denken,“ so der Ansatz von Professor Hartmut H. Topp von topp.plan Kaiserslautern. Die postfossile, also erdölunabhängige Mobilität dulde keinen Aufschub, da der Übergang einen langen Weg darstelle, der 15 bis 20 Jahre dauern wird. Dennoch ist Topp davon überzeugt, dass es zukünftig mehr Mobilität geben wird, aber mit einem geringeren Verkehrsaufwand, weniger Unfällen, geringerer Belastung für die Umwelt, weniger Lärmbelästigung und emissionsfrei.

Die europäische Stadt sei dafür die ideale Ausgangsvoraussetzung. 60 Prozent der Alltagswege seien kürzer als 10 Kilometer, so Topp. Heute schon gäbe es die Möglichkeit über Navigationssysteme und Smartphones spontan Fahrgemeinschaften zu bilden. Das kann in Zukunft ebenso interessant sein wie die Wahl des Fahrrades. Statistisch gesehen hat dieses Verkehrsmittel in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt. Immer mehr Menschen nutzen es im Nahbereich. Darin sieht Topp eine Entwicklungschance, besonders auch weil der Trend zu E-Bikes oder Pedelecs ansteige, die die Reichweite deutlich erhöhen. In diesem Zusammenhang wies Topp auf eine differenzierte Planung des Straßenraumes mit speziellen Schutzstreifen für Radler auf Straßen mit Tempo 50 hin – von der Kombination für Fußgänger- und Radfahrerstreifen sei dringend abzuraten.
Auch Topp vertritt die Meinung, dass der Trend „Auto nutzen statt besitzen“ stark im Kommen sei. Das erfordere die Bereitstellung von Car- oder Bike-Sharingangeboten an Verkehrsknotenpunkten. Die Ablösung vom Eigentumsgedanken würde unsere Straßen vom ruhenden Verkehr befreien – und neue Stadtentwicklung ermöglichen.

Urbane Räume - Mehrwert durch Teilen

Demographische Veränderungen, Klimawandel und Ressourcenknappheit sind Themen, die zukünftig die Stadtplanung beeinflussen. Am Beispiel Konstanz erklärte Bürgermeister Kurt Werner den Stadtentwicklungsplan 2020. Nachhaltige und langfristige Strategien werden dort verfolgt: Dazu zählen die kompakte Innenstadt mit Nachverdichtung, die Vernetzung der Freiräume und die Aufwertung der öffentlichen Räume.

Reurbanisierung der neuen Mitte findet beispielsweise durch Aufstockung einer Wohnebene auf einem Parkgeschoss, autofreie Bereiche und gute Anbindung von Fuß- und Radwegen statt. Neben „Cappuccino-Aufenthaltsqualitäten“ benötige der öffentliche Stadtraum auch Aufenthaltsmöglichkeiten ohne Konsumzwang, insbesondere auch für Jugendliche. Das Spezielle an der Stadtplanung in Konstanz sei, dass sie nicht an der Stadt- und Landesgrenze aufhöre, sondern darüber hinaus in Abstimmung mit den schweizerischen Nachbarn stattfinde, so Kurt Werner.

Am Beispiel des Bahnhofsvorplatzes in Konstanz zeigte er das Bestreben der Neuprofilierung in einen Shared Space. Damit wird ein gemeinsam genutzter Straßenraum bezeichnet, bei dem die Verkehrsteilnehmer vollständig gleichberechtigt sind. Charakteristisch ist dabei eine Gestaltung, die auf Verkehrszeichen, Signalanlagen und Fahrbahnmarkierungen verzichtet.
Angeregt durch die schweizerischen Begegnungszonen in Kreuzlingen und St. Gallen wird derzeit der Konstanzer Bahnhofsbereich zu einer Misch- und Mehrfachnutzung durch alle Verkehrsteilnehmer umgestaltet und der städtische Raum aufgewertet.

Die neue Lust am öffentlichen Raum

Befinden wir uns schon in einer Zeit des Epochenwandels ohne die Veränderungen bewusst und im Detail wahrzunehmen? Dieser Frage ging Dr. Hanno Rauterberg, Architekturund Kunstkritiker der ZEIT wortgewaltig nach und zeigte teils widersprüchliche Strömungen in unserer Gesellschaft auf. Dabei knüpfte er zunächst an Shared Space-Planungen an: Während der öffentliche Raum bislang durch Ampeln und Verkehrsschilder klar geregelt ist, „planen Planer nun das Ungeplante“.

Für den Nutzer bedeuten entregelte Räume eine Unvorsehbarkeit, bei der die Sicherheit und das Vorfahrtsdenken wegfällt - Anteilnahme, Aufmerksamkeit und Verantwortung aller Verkehrsteilnehmer seien nun gefragt. Für Rauterberg gibt es den Shared Space-Gedanken schon länger im Wohnbereich. Früher zeigten die Grundrisse klare Raumbegrenzungen. Heute haben sie oft ihre harten Abtrennungen verloren,
der offene Übergang der Küche in den Wohnraum ist keine Seltenheit mehr. Häufig wird als „Kammerspiel“ gewohnt – mit gardinenfreien Fenstern auf offener Bühne – das Einhausen wird zum Aushausen, Gegensätze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit lösen sich auf. Ein ähnliches Phänomen sei im Internet zu beobachten. Die Bereitschaft Privates preiszugeben sei groß, der Bürger werde zum Datenträger und verzichte auf Privatsphäre. Auch bei der Arbeit und dem Wohnen gäbe es heute mehr Verschmelzungsprozesse. Selbst wenn Arbeitsplatz und Privates noch räumlich getrennt sind, fährt die Arbeit mit dem Smartphone mit nach Hause. Das Smartphone als Instrument der Überörtlichkeit überwindet Grenzen und verwandelt das Dasein in ein Überallsein mit dem Gefühl alles zur Hand zu haben, so Rauterberg. Obwohl der virtuelle Raum viele Möglichkeiten bietet, spiele der öffentliche Raum nach wie vor eine wichtige Rolle mit besonderen Qualitäten, die es im Netz nicht gibt - beispielsweise die real spürbare Asphaltwirklichkeit beim Public-Viewing oder bei Bürgerprotesten.

Gibt es eine Versöhnung zwischen Stadt und Mobilität?

Nach der abschließenden lebhaften Podiumsdiskussion über die zukünftigen Entwicklungen und Trends fasste Moderator Wolfgang Riehle die Antworten auf die zentrale Frage zusammen, die schon Matthias Schuster zu Beginn stellte: „Alles scheint im Wandel. Versöhnung zwischen Verkehr, Stadt, Raum und urbanem Leben ist nur durch die Menschen möglich. Dafür müssen sich aber die Menschen selbst ändern.“ 

Martina Kirsch

03.08.2012

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