Offene Räume für eine offene Gesellschaft

Berufspolitik
v.l. Stadtrat Andreas Winter, Sozialminister Manne Lucha, Landtags-Präsidentin Muhterem Aras, Bau-Bürgermeister Peter Pätzold und AKBW-Präsident Markus Müller; Foto: Thilo Ross

Traditionelles Stelldichein von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft beim Sommerlichen Empfang

Von drei positiven Entwicklungen hatte Markus Müller beim Sommerlichen Empfang zu berichten sowie von zwei Baustellen - die eine zäh, die andere riesig. Zuerst die guten Nachrichten: "Noch vor einem Jahr waren wir beim Thema IBA StadtRegion Stuttgart auf dem Stand euphorischer Ratlosigkeit." Angesichts der beeindruckenden Fußstapfen, welche die Macher der Weißenhofsiedlung hinterlassen haben, sei man sich der großen Herausforderungen bewusst. Mit Andreas Hofer aus Zürich habe sich aber zwischenzeitlich ein brillianter Kopf für die Intendanz gefunden und die Gesellschafter, zu denen auch die Architektenkammer gehört, arbeiteten in einer Art Konsortium "in enorm partnerschaftlicher Atmosphäre."

Ebenfalls noch vor einem Jahr "stand zu befürchten, dass die Multihalle, die größte freitragende Holzgitterschale der Welt, wegen Baufälligkeit abgerissen werden müsste", rief der Präsident in Erinnerung. Nun aber scheint die Kuh vom Eis. In Mannheim arbeite die Stadt sehr konstruktiv gemeinsam mit Kulturschaffenden, Architekten, Ingenieuren, Bürgern und Universitäten an einem neuen und nachhaltigen Konzept, um den langfristigen Erhalt sicherzustellen. Auch habe die Ausstellung "Sleeping Beauty", die auf der Biennale in Venedig die experimentelle Entstehungsgeschichte des zunächst temporär geplanten Bauwerks zeigte, eine enorme internationale Resonanz hervorgerufen.

Die dritte Erfolgsmeldung bezog sich auf ARCHIKON: 1.300 Interessierte aus Architektur und Stadtplanung, Landschafts- und Innenarchitektur, aus Politik, Kommunen und Wirtschaft haben sich beim Landeskongress 2018 intensiv mit Strategien für Nachhaltigkeit und Klimaschutz auseinandergesetzt. Einmal mehr habe sich dort die Bereitschaft der Bauschaffenden gezeigt, in diesem Bereich verantwortungsvolle Beiträge zu leisten. "Unsere Gesellschaft ist viel motivierter als häufig wahrgenommen wird", gab der Oberschwabe seinen Eindruck wieder und zeigte sich zuversichtlich, "dass wir die Aufgaben lösen können, die sich uns stellen." Denn immerhin sei die Region eine der reichsten, wirtschaftlich stärksten und innovativsten auf der Welt.

Als mühsam schilderte der Präsident das jahrelange Ringen um eine bessere Ausstattung und angemessene öffentliche Zugänglichkeit des saai, dem Südwestdeutschen Archiv für Architektur und Ingenieurbau. "Ich bitte die Landesregierung inständig, den enormen Schatz baden-württembergischer Architektur- und Ingenieursgeschichte in einer Art bewahren zu helfen, wie es in Literatur, Musik und Kunst bereits in vielfältiger Weise praktiziert wird. Auch hier gilt: Baukultur ist nicht umsonst zu haben." Die in großer Zahl anwesenden Vertreterinnen und Vertreter aus der Landespolitik lassen seinen Appell hoffentlich nicht abermals ungehört verklingen.

Und dann die riesen Baustelle: der Kampf um bezahlbaren Wohnraum. "In manchen Städten des reichen Baden-Württembergs haben bis zu ein Drittel der Bevölkerung Anspruch auf einen Wohnberechtigungsschein", führte Müller vor Augen und hielt fest: "Wohnarmut ist längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen." Dies berge enormen sozialen Sprengstoff. Während ein jährlicher Bedarf von 65.000 Wohnungen bestehe, werden tatsächlich nur etwa 35.000 realisiert. Ziel muss laut Müller eine schrittweise Erhöhung der Wohnungsfertigstellungs-Zahlen sein.

Dafür brauche es eine gute Wohnungsbau-Politik. Was darunter zu verstehen ist, müsse die Wohnraum-Allianz in Diskussionen klären, die sich aber nicht in Debatten über die LBO und die Verteilung von Fördermitteln erschöpfen dürften. Müller selbst fasste es so zusammen: "Eine erfolgreiche Wohnungsbau-Strategie muss sich aus den schlichten Zahlen, dem Wandel der Gesellschaft und den Anforderungen einer zukunftsfähigen wirtschaftlichen Standortsicherung herleiten. Wohnungsbau muss demographiefest, quartiersbezogen und für alle Bewohnergruppen finanziell leistbar sein." Konkret schlug er ein neues Veranstaltungsformat analog zu den kleinen Landesgartenschauen vor: eine Expo "Plan.Stadt.Wohnen in BW". Mit ihm solle das Land Baden-Württemberg gezielt Projekte fördern, die exemplarische Lösungsansätze im Wohnungsbau bieten.

Leuchtturmprojekte hält auch Manne Lucha für hilfreich. Allerdings hat der Minister für Soziales und Integration weniger die sogenannte Mitte der Gesellschaft im Blick, als vor allem die von Armut oder Ausgrenzung Bedrohten: Studierende und Auszubildende, kinderreiche Familien, Menschen mit geringem Einkommen, mit ausländischen Wurzeln, mit Behinderungen, persönlichen Einschränkungen oder in Notlagen. Auch sie haben ein Recht auf Teilhabe. Lucha forderte "eine Art soziale Architektur." Es gehe nicht nur darum bezahlbaren barrierefreien Wohnraum bereitzustellen, sondern auch für eine lebendige Nachbarschaft zu sorgen, für eine bunte Durchmischung der Altersgruppen und für Pflegeangebote im Bedarfsfall. Eine "gute und profunde Darstellung" habe die Architektenkammer dazu mit der zweiten Ausgabe ihrer Arbeitshefte für zeitgemäßes Wohnen geliefert: KONZEPT 2 widmet sich der Frage "Wie geht Nachbarschaft?"

Der Wahl-Oberschwabe nahm gerne die Formulierungen seines Vorredners von "offenen Räumen" - wie sie die Multihalle bietet - für eine "offene Gesellschaft" auf. Gesellschaftspolitik berge für ihn auch immer einen Architektur-Ansatz. Bei den geforderten Räumen für Teilhabe geht es ihm aber auch um diejenigen im übertragenen Sinn. Mit Verweis auf Rattenfänger, die unterwegs seien um Hass zu säen, rief er zum Kampf um die offene Gesellschaft auf. Denn "die liberale Verfassungsgesellschaft ist vielleicht nicht mehr so selbstverständlich wie vor zehn Jahren."

Solidarität müsse es mit allen geben, nicht nur mit denjenigen, die bereits etwas sind und etwas haben. Jeder Bürger und jede Bürgerin ist selbstverantwortlich und darf selbstbestimmt leben, hat etwas beizutragen, niemand ist auszugrenzen. Zu diesen umfassenden Prämissen gehört für den Minister auch, dass die Menschen im Alter in ihrem gewohnten Umfeld bleiben dürfen. Das neue Landespflegegesetz sowie die Fördermittel, die das Land für Baumaßnahmen zur Barrierefreiheit bereitstellt, unterstützten dieses Anliegen.

Hauptgeschäftsführer Hans Dieterle (l.) mit Elmar Himmel, Bürgermeister von Malsch

Mit besonderem Stolz verwies Lucha auf den im letzten Jahr gestarteten Ideenwettbewerb "Quartier 2020 - Gemeinsam.Gestalten.", an dem sich 147 Kommunen beteiligt haben. Insgesamt 53 Projekte wurden prämiert: Die Kommunen erhalten Preisgelder von bis zu 100.000 Euro für die Umsetzung ihrer Idee. So unterschiedlich die Projekte seien, brächten doch alle gute Antworten auf die Frage, wie lebendige Quartiere aussehen können und wie der demographische Wandel als Chance zu begreifen ist. Ganz vorne bei der Lösungsfindung stehen dabei Bürgerbeteiligung, bessere Vernetzung und Beratung. Der Minister selbst sieht insbesondere im engen Miteinander mit Architektinnen und Architekten ein probates Mittel, "um zu gewährleisten, dass der Städtebau mit den Bedürfnissen der Gesellschaft mithält."

Fotos vom Sommerlichen Empfang am 9. Juli 2018 im Haus der Architekten: Thilo Ross

Claudia Knodel / 12.07.2018