Wie geWOHNT?

Berufspolitik
Das Mehrgenerationen-Quartier „Allengerechtes Wohnen“ im oberschwäbischen Burgrieden wird bei „Wie geWOHNT?“ von Bürgermeister Josef Pfaff vorgestellt;
Foto: Felix Kästle

Pilotveranstaltung in Künzelsau erfolgreich

Die neue Vielfalt der Gesellschaft sei auch im Hohenlohekreis angekommen, der Markt reagiere jedoch sehr verzögert, erläuterte Landrat Dr. Matthias Neth bei der Pilotveranstaltung "Wie geWOHNT? Wohnungsbau abseits der großen Städte" am 29. Juni 2017 in Künzelsau. Es gebe definitiv zu wenig Geschosswohnungsbau in seinem Landkreis, der durch Unternehmen mit Weltruf einer der wirtschaftsstärksten sei.

Der Landrat begrüßte gut 60 Architektinnen und Architekten sowie einige wenige Bürgermeister, Vertreter der Wohnungswirtschaft und Interessierte zu der durch die Kammergruppe Hohenlohekreis angeregten und von der Strategiegruppe Zukunft Wohnen Arbeiten durchgeführten Veranstaltung, bei der zunächst zwei Kurzvorträge Impulse für ein anschließendes Speed-Networking und zwei Arbeitsrunden gaben.

Andreas Veit, Geschäftsführer der Wohnungsbau Ludwigsburg GmbH (WBL), stellte im ersten Vortrag das Prinzip der "gelebten Mietpreisbremse" anhand des "Fair Wohnen"-Modells vor. Josef Pfaff, Bürgermeister von Burgrieden, schilderte die Erfolgsgeschichte des Projekts "Allengerechtes Wohnen". Den Ausschlag dazu gaben die Seniorinnen und Senioren in Burgrieden, die nicht unter ihresgleichen leben wollen. Beide Beispiele sind in der ersten Ausgabe von "KONZEPT – Arbeitshefte für zeitgemäßes Wohnen" nachzulesen. Mit den Impulsen starteten die Teilnehmenden ins Speed-Networking, bei dem sie sich gegenseitig unterschiedliche Fragen stellten.

  • Welche Wohnungen haben wir abseits der großen Städte? Die gleichen wie in den Städten, nur anders gewichtet: mehr Einfamilienhäuser, Gehöfte und Bauernhäuser sowie sanierungsbedürftigen Wohnraum und Leerstand.
  • Welche Lebensformen haben wir abseits der großen Städte? Eher klassische, also mehr Familien, wenn auch zu wenig Großfamilien. Es gebe arbeitsplatzgebundenen Zuzug junger Familien sowie mehr Single-Haushalte und Alleinerziehende. Als gute Wohnmodell-Beispiele kamen u.a. "Mittendrin Öhringen", die Baugruppe "Heller Wohnen" (Schwäbisch Hall), Mehrgenerationen-Wohnen (Bad Mergentheim/Bühlertann) sowie "Studentenwohnen mit älteren Bürgern" (Heilbronn) zutage.
  • Welche Rolle spielt das Arbeiten auf dem Land? Eine große, so die Antworten: Im besten Fall liegt zwischen Wohnung und Arbeitsplatz nur eine geringe Distanz, was die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtert. Öffentliche Nahverkehrsangebote werden geschätzt und sind erwünscht, ebenso die Home Office-Möglichkeit.
  • Und wie wollen junge Menschen abseits der großen Städte leben? Auf großen Grundstücken, in großen Wohnungen mit Komfort; vielfältige Freizeit- und Einkaufsangebote sowie Arbeitsplätze in der Nähe sind ein Muss, genauso eine gute Versorgung bei IT, Bildungseinrichtungen und Medizin.
  • Welchen Wohnraum brauchen wir künftig? Flexibel und günstig müsse er sein, offen mit Rückzugsmöglichkeiten, barrierefrei, seniorengerecht, modular. Kleine Einheiten, Singlewohnungen für alle Generationen, gemeinschaftliche Bereiche, gute Infrastrukturanbindungen und soziale Durchmischung wurden gefordert.
  • Bei den Forderungen an die Politik herrschte Uneinigkeit: Sie möge sozialen Wohnraum reaktivieren und finanzielle Anreize schaffen, sagten die einen. Sie möge still sein und den Markt regieren lassen, meinten die anderen. Weiter wurden eine bedarfsgerechte Förderung, Sanktionen gegen falsche städtebauliche Bauleitplanung, die Schaffung von kommunalen Wohnungsbaugesellschaften, Bedarfsuntersuchungen sowie eine größere Unterstützungvon nachhaltigem Bauen gefordert.
  • Von der Wohnungswirtschaft wird Aufgeschlossenheit und Weitsichtigkeit erwartet, die privaten Bauherren sollten sich nicht abschotten, soziale Durchmischung zulassen und nicht nur an das Einfamilienhaus denken. Architektinnen und Architekten müssten mehr Mut beim kostengünstigen Bauen haben.

Die Arbeitsgruppe zum allengerechten Bauen, moderiert von der Karlsruher Architektin Berta Heyl und unterstützt von Bürgermeister Pfaff, kam im Anschluss an das Speed-Networking zu dem Ergebnis: Innovation braucht Mut, auch zum Experiment. Kontrovers wurde erörtert, ob man Projekte wie in Burgrieden erzwingen kann. In jedem Fall müsse die gesamtgesellschaftliche Bedeutung solcher Bauvorhaben besser vermittelt und unterstützt werden.

Die Gruppe zum Thema "bezahlbaren Wohnraum schaffen", wurde moderiert von den Architektinnen Prof. Ursula Steinhilber und Suse Kletzin, Vertreterin der Strategiegruppe Zukunft Wohnen und Arbeiten. Die Flut von Vorschriften und Überreglementierungen seien schlecht und verhinderten Innovation. Zudem sei die Haustechnik oft viel zu komplex. Gefordert wurden u.a. städtebauliche Wettbewerbe, um gute Bebauungspläne zu erhalten, sowie mehr nicht profitorientierte Wohnungsgesellschaften.

Der experimentelle Charakter der Veranstaltung wurde von den Teilnehmenden mehrheitlich als hilfreicher Einstieg ins Thema bewertet. Die Strategiegruppe möchte das Format fortführen und sucht dafür interessierte Kammergruppen.

Carmen Mundorff / 24.07.2017