Nachhaltigkeit ... Was nun?

Fortbildung

Fragen und Antworten zu einem (scheinbar) verbrauchten Thema

Im Zeichen des Klimawandels und der geplanten Energiewende taucht die Forderung nach nachhaltigen Gebäuden und Quartieren in zahlreichen Wettbewerbsausschreibungen, Fachzeitschriften und Veranstaltungen auf. Bei Investoren und Projektentwicklern scheint "Green Building" schon fast zum geflügelten Wort geworden zu sein. Nicht verwunderlich, dass sich bei manchem Planer eine gewisse Müdigkeit zu diesem Thema feststellen lässt. Wurde dazu nicht schon alles gesagt? Bauen wir nicht schon lange nachhaltig?

Nachhaltigkeit gilt heute im Entwurfsprozess und Bauablauf einvernehmlich als notwendig, ist aber trotzdem kein Standard, sondern oft nur Sahnehäubchen. Von dem Ziel, Nachhaltigkeit als selbstverständlichen, festen Bestandteil in der Architektur zu verankern, den Begriff mit neuem, radikalem Denken zu füllen und ihm mit konsequentem Handeln Leben einzuhauchen – davon sind wir leider noch weit entfernt.

Amandus Samsøe Sattler wird am 1. März als Referent beim Landeskongress für Architektur und Stadtentwicklung ARCHIKON 2018 seine Gedanken zum Themenkomplex "Potenzial Nachhaltigkeit" vorstellen. Im Vorfeld hat er uns drei Fragen beantwortet.

Amandus Samsøe Sattler ist Gründungspartner des Architekturbüros Allmann Sattler Wappner Architekten in München. Aktuell engagiert er sich im Gestaltungsbeirat der Stadt Wiesbaden und der Stadt Oldenburg. Sattler ist Mitglied des Präsidiums der DGNB. | Foto: Myrzik&Jarisch

Herr Sattler, welche Hürden haben wir in Deutschland im Bereich des Bauens bereits genommen, um zu einem gesellschaftlichen Wandel zur Nachhaltigkeit zu kommen? Welche Potenziale haben wir noch nicht ausgeschöpft?

Sattler: Es gibt ein Bewusstsein für die Nachhaltigkeitsthemen, jedoch wird nicht viel davon in die Praxis umgesetzt. Wir haben unsere gesteckten Ziele noch nicht erreicht und können sie auf diese Weise auch nicht erreichen. Der gesellschaftliche Wandel zur Nachhaltigkeit bleibt für mich eine Vision, da ihn wirtschaftliche Interessen immer noch verhindern. Viele Strukturentwicklungen laufen den Bestrebungen entgegen, z. B. die überhandnehmende Urbanisierung, die zu unbeherrschbaren Verkehrsbelastungen führt, und der Abriss-Furor, der die Vernichtung von Substanz und grauer Energie nach sich zieht. Die Betrachtung der Lebenszykluskosten ist ein Potenzial, das noch stärker ausgeschöpft werden muss.

Müssen wir unsere Prozesse und Strukturen verändern, um nachaltiges Bauen wirksam umzusetzen? Und welche Rolle spielt das Thema Baukultur dabei?

Sattler: Nachhaltigkeit kann nur zu einer erfolgreichen Bewegung werden, wenn wir sie auch für den Betrachter erkennbar und erlebbar machen. Nachhaltig gebaute Gebäude, die keine gestalterische und baukulturelle Qualität haben, sind meist mit Hilfe von Technik auf einen nachhaltigen Standard gebracht. Das ist nicht die richtige Vorgehensweise für eine zukunftsfähige Architektur. Technik ist kostenintensiv und hat keine lange Lebenserwartung. Gebäude müssen stattdessen mit langlebigen und festen Baustoffen und guten Details entwickelt werden, um sie über einen langen Zeitraum mit Freude zu nutzen. Hierbei spielen die Baukosten eine wichtige Rolle. Die Baupraxis entscheidet sich meist für das günstigste Projekt. Das führt nicht zu einer nachhaltigen Entwicklung.

Wo sehen Sie notwendige Handlungsfelder für Architekten?

Sattler: Architekten müssen sich stärker im Diskurs um Nachhaltigkeit im Planungsprozess einbringen und dieses Thema nicht den Ingenieuren überlassen. Gestalterische Qualität in Verbindung mit Low-Tech und langlebigen Bauweisen sind vom Architekten als Ziel zu erkennen und zu verfolgen.

Birgit Seidel / 15.12.2017

Ihr Ansprechpartner für ARCHIKON

Peter Reinhardt

Peter Reinhardt
Geschäftsführer Institut Fortbildung Bau
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