Gestaltqualität abseits der Ballungsräume

Wir über uns
Architekt: Andreas Moll, Tragswerkplanung: Ingenierbüro Häussler

Ein Vortrag, gehalten in der Kammergruppe Schwäbisch Hall

"Der Zweck der Architektur ist es, aus einer Stelle einen Ort zu machen, das heißt, den potentiell in einer gegebenen Umwelt vorhandenen Sinn zu entdecken." Christian Norberg-Schulz, Genius Loci

Aufgefordert, mich zur Rolle der architektonischen Gestaltung in der Region, in meiner Region, zu äußern, beschloss ich, mir ein - halbwegs repräsentatives - Bild vom Stand der Baukultur in meinem näheren Umkreis zu machen. Seit nunmehr 17 Jahren lebe ich sehr gerne in Hohenlohe und kann, gerade weil ich zuvor in verschiedenen Großstädten und Ländern gelebt habe und als Fachautor noch immer viel herumkomme, mit einem halb heimatlichen, halb fremden Blick etwas zur Situation der hiesigen Baukultur sagen.

Hohenlohe liegt tatsächlich sehr abseits der Ballungsräume. Mit 186.000 Einwohnern hat der weitläufige Landkreis Schwäbisch Hall nicht einmal ein Drittel der Bevölkerung der Stadt Stuttgart, wo die Bevölkerungsdichte fast dreißig Mal so hoch ist. Auch wenn der Vorsprung der Zentren im Zeitalter von Autobahn und Internet deutlich abnimmt, ist das Leben auf dem Land noch immer sehr unterschiedlich von dem in der Großstadt. Das hat vor allem mit dem Raum und seiner Wahrnehmung zu tun.

Im Sommer könnte man meinen, die einzigen geschlossenen Raumkanten bestünden bei uns aus den meterhohen Maisfeldern. Doch es gibt durchaus urbane Räume in Hohenlohe-Franken, wie die Region auch bezeichnet wird. Im Mittelalter galt die Gegend als Kernland des fränkischen Territoriums, Rothenburg und Hall waren mächtige Reichsstädte, die sich an wichtigen Fernhandelsrouten in stolzen Stadträumen einrichteten. Auch im Barock schmückten die zahlreichen Kleinstaaten der Region ihre Residenzorte mit großer Architektur.

Danach aber kam der Stillstand. Mit dem Anschluss an Württemberg endete die (durchaus auch mit viel Ausbeutung verbundene) Kleinstaaterei, Hohenlohe wurde im Wesentlichen die Kornkammer Württembergs, fernab der Metropole Stuttgart, die seither in fast allen Belangen das Sagen hatte.

So gerieten die Dörfer und kleinen Landstädte, die seit jeher die Region prägten, ins Abseits der Entwicklung, weniger wirtschaftlich (die Böden und die traditionell großen Höfe werfen hier ordentlichen Ertrag ab) als kulturell. Ausnahmen wie der im Zuge des Eisenbahnbaus aufgewertete Ort Crailsheim bestätigten nur die Regel: In Hohenlohe war nichts mehr los. Ein schönes Beispiel für diese Agonie ist das ehemalige Residenzstädtchen Bartenstein. Von einer Nebenlinie des Fürstenhauses Hohenlohe im Barock gegründet und mit Hilfe italienischer Architekten als Gesamtkunstwerk gestaltet, verfiel es um 1800 in eine Art Dornröschenschlaf. Baulich hat sich hier so gut wie nichts verändert. Die Gesamtanlage steht heute unter Denkmalschutz. Die Bevölkerung indes ist von einstmals über tausend auf heute kaum mehr 400 dezimiert.

Abwanderung und Überalterung prägen indes auch die umliegenden Kleinstädte. Schrozberg, zu dem Bartenstein heute gehört, verzeichnet im Zentrum viel Leerstand und muss um seinen Schulstandort bangen.

Nur wo erfolgreich große mittelständische Unternehmen angesiedelt wurden wie in Mulfingen oder Niederstetten, ist Leerstand noch kein Thema, werden auch vorbildliche Bauvorhaben in den Kernzonen realisiert. Dienstleistungszentren wie die Kurstadt Bad Mergentheim sind in der Region die Ausnahme. Trotz der wichtigen Rolle des Tourismus spielt im "lieblichen Taubertal" aber die Gestaltung (etwa neuer Baugebiete und Gewerbezonen) offenbar keine Rolle. Flächenverbrauch und daraus resultierend das Verkehrsaufkommen sind hier erschreckend hoch, und das geht auf Kosten erkennbarer Identität und Lebensqualität. Umgehungsstraßen sollen Abhilfe schaffen, durchschneiden den Landschaftsraum jedoch zusätzlich.

Was im Taubertal aufgrund der Topografie besonders sichtbar ist, lässt sich aber auch im ländlicheren Hohenlohe konstatieren: Außen- geht vor Innenentwicklung, die Gestaltung der Baugebiete ist kein Thema. Weite Pendelfahrten zur Arbeit sind die Regel. Öffentlicher Nahverkehr ist nur rudimentär vorhanden. Wo in den letzten Jahrzehnten Fördergelder in Ortskernsanierungen flossen, ist der Zerfall gewachsener Strukturen zwar gestoppt, die strukturelle Schwäche aber z. B. in Leerständen präsent. Wenn Einkaufszentren wie in Bad Mergentheim in zentrale Lagen implantiert werden, liefert man sich den Investoren, weitgehend aus: Aufgehübschte Fertigbauweisen und Großparkplätze prägen das Bild.

Auch Infrastruktur-Projekte überregionaler Träger wie Brücken oder Sendemasten werden kritiklos ohne gestalterische Einflussnahme genehmigt. So hat sich der SWR auf den Höhen über Bad Mergentheim und auf der markanten Schichtstufe der Waldenburger Berge in den letzten Jahren mit außerordentlich plumpen Turmbauten hervorgetan, Brückenprojekte der Bahn in der Region sind ohne Anspruch - man muss ja froh sein, dass sie bei derart schwachen Fahrgastzahlen überhaupt noch investiert.

Baukultur-Initiativen, wie es sie inzwischen in anderen ländlichen Regionen gibt, sucht man in Hohenlohe bislang vergeblich. Einer Stadt wie Biberach/Riß gelingt es beispielsweise, den großflächigen Einzelhandel in die Kernstadt zu integrieren. Bauherren werden mit einer Baufibel für die örtlichen Besonderheiten sensibilisiert, auf Architektenmessen an alternative Bauformen herangeführt. Jugendliche dürfen auf Facebook ihr neues Jugendhaus mitgestalten. Auf dem Marktplatz sorgen temporäre Installationen der örtlichen Hochschule für Aufsehen und Diskussionen. Die Volkshochschule bietet regelmäßig Veranstaltungen zum "Weiterbauen" an. Biberach ist damit in das Bundesprogramm "Baukultur in der Praxis" des Experimentellen Wohnungs- und Städtebaus aufgenommen worden (s. mein Artikel in Deutsches Architektenblatt 1/2014).

Vorarlberg war als ländliche Region keineswegs prädestiniert für eine Baukultur, die seit Jahren europaweit vorbildlich ist. Auch andere österreichische Regionen tun sich inzwischen sehr in Sachen Baukultur hervor und nutzen Online-Möglichkeiten kreativ. Schulen und sogar Kindergärten werden in die Initiativen einbezogen. Ich selbst habe fünf Kinder durch Hohenloher Schulen begleitet - keines hat jemals etwas über die großen kreativen Möglichkeiten des Bauens erfahren. Auch die industrialisierte Landwirtschaft, die man hier täglich vor Augen hat, ist in der Schule kein Thema. Sie gilt hier scheinbar als alternativlos - und, mal ehrlich, sie braucht auch keine Menschen und lebenswerten Siedlungen mehr.

Möglicherweise wird aber gerade die Landnutzung in Zukunft einen Umschwung bringen. Wenn sich aktuelle Trends zur wetterunabhängigen Nahrungsproduktion verfestigen und unser Essen in Vertikalfarmen oder auf Dächern unter Laborbedingungen wachsen wird, könnten die Agrarsteppen im Kampf gegen den Klimawandel zu Energiewäldern aufgeforstet werden. Siedlungen blieben als Lichtungen im Wald erhalten - die Raumbildung wäre gewonnen, ohne Baukultur.

Christoph Gunßer / 26.08.2014

Weitere interessante Artikel

13. SCHWÄBISCHER STÄDTE-TAG

13. SCHWÄBISCHER STÄDTE-TAG

„STADTREPARATUR: WEGE ZU MEHR BAUKULTUR“ Seit Jahrzehnten hält in vielen Städten, insbesondere in den Ballungsräumen, ein ungebrochener ... mehr

Landesgartenschauen und Gartenschauen

Landesgartenschauen und Gartenschauen

Landesgartenschauen und Gartenschauen sind Impulsgeber für die ganze Region. Das Ministerium für ländlichen Raum und Verbraucherschutz hat ... mehr

Nachlese zum Landschaftsarchitekten- und Stadtplanertag

Nachlese zum Landschaftsarchitekten- und Stadtplanertag

Am 18. Juli 2017 hatten Planerinnen und Planer der Professionen Landschaftsarchitektur und Stadtplanung Gelegenheit, mit einer ... mehr

Handbuch und Planungshilfe für Barrierefreie Verkehrs- und Freiräume

Handbuch und Planungshilfe für Barrierefreie Verkehrs- und Freiräume

Dieser Kommentar zur DIN 18040 Teil 3 ist ein nützliches Nachschlagewerk, das sowohltechnisches Knowhow vermittelt, als auch ... mehr