Trüffelschweine für IBA-Ideen

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(v.l.) Martin Roth, Maria Lisogorskaya, Angelus Eisinger, Martin Gutekunst, Thomas Friberg, Kristien Ring, Prof. Dr. Detlef Kurth (Moderation), Jürgen Zieger, Carolin zur Brügge, Thomas Kiwitt, Rudolf Scheuvens, Alle Referentenfotos: © Leonhard Herrmann

Zur Vorbereitung der Internationalen Bauausstellung trafen sich am 2. Februar Fachgrößen aus europäischen Metropolen in Stuttgart.

Wer vor eineinhalb Jahren behauptet hätte, die IBA StadtRegion Stuttgart komme, wäre als "hoffnungsloser Idealist" abgetan worden, so die Überzeugung von Markus Müller. Der Präsident der Architektenkammer Baden-Württemberg freute sich über den erfolgreich abgeschlossenen Plattformprozess, im Zuge dessen sich maßgebliche Institutionen darauf verständigen konnten, die Planung der Internationalen Bauausstellung gemeinsam anzugehen. Auch die 179 Kommunen seien bereit, sich dafür zu öffnen. "Nicht elitär, sondern partizipativ" gelte es die weiteren Diskussionen zu gestalten, betonte Müller und leitete daraus die Notwendigkeit ab, sich auf langwierige Entwicklungen gefasst zu machen.

Über 500 Partner aus der Region Stuttgart hätten sich in verschiedenen Konstellationen und Formaten an dem Plattformprozess beteiligt, berichtete der Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Stuttgart Dr. Walter Rogg: Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Kommunen, Bauwesen, Kirche, Verbänden, Journalismus und mehr. Am Ende stand der übereinstimmende Beschluss sich auf das "Abenteuer" einzulassen. Jetzt gehe es darum, eine "IBA des vorausschauenden Wandels" zu entwickeln mit Zukunftsfragen, "wie wir in zehn Jahren und darüber hinaus leben, arbeiten und wohnen werden." Stuttgart und die Region böten viel innovatives Potential, um etwas zu gestalten, das auch noch in 100 Jahren Erinnerungswert haben wird. In den kommenden zwei Jahren wolle man sich der Priorisierung von Themen widmen. Neben einer IBA-Projektgesellschaft, die das Konzept professionell und strukturiert begleitet, brauche es nun Mut und Courage, zum gefassten Beschluss zu stehen, sowie eine gewisse Streitbereitschaft, um etwas Besonderes zu schaffen. Zudem rief Rogg zu Demut vor der Aufgabe zugunsten von Gemeinsamkeit und Solidarität auf anstatt individueller Profilierung.

Spürbare Aufbruchstimmung

Auch Thomas Herrmann, der die Teilnehmer nachmittags aufs Thema einstimmte, betonte das Prozesshafte der IBA-Vorbereitung. Die Weißenhofsiedlung, Ergebnis der "IBA" 1927, versuchte, das Bauen "für den modernen Großstadtmenschen" neu zu definieren. "Es ist doch das große Versprechen von Freiheit, Offenheit und Emanzipation, das die frühe Moderne bis heute so faszinierend macht". Doch lenkte er den Blick auch auf das, was sich seit den 20er Jahren in unserem Bild vom Bauen, von der Stadt und vom Menschen verändert hat: "Die wichtigste Entdeckung war vielleicht der öffentliche Raum." Neu sei auch die Erkenntnis, dass sich Gebäude und Quartiere permanent verändern und anpassen müssen. Denn die nach heutigen Maßstäben technisch, wirtschaftlich und ökologisch optimal geplante Stadt sei bei ihrer Fertigstellung schon hoffnungslos veraltet. Das Wissen über den Menschen ist für Herrmann entscheidend.

Stadt bestehe vor allem aus dem, was sich zwischen all ihren Bewohnern, Nutzern und Akteuren entwickle."Aber um dieses Wissen müssen wir uns immer neu bemühen, offen, im Dialog und viel tiefer gehend als in den bisher so üblichen Beteiligungsverfahren." Der Sprecher der fünf Stuttgarter Kammergruppen meint die notwendige Aufbruchsstimmung in der Landeshauptstadt zu spüren und verwies auf deren neu installierten Gestaltungsbeirat sowie die zahlreichen Diskussionsabende von den verschiedensten Veranstaltern. Als einen Riesenerfolg verbuchte er, "dass heute zum ersten Mal überhaupt fast alle einschlägigen Berufsverbände und sämtliche Hochschulen, die in unserer Region Architekten, Stadtplaner und Landschaftsarchitekten ausbilden, gemeinsam eine Veranstaltung organisieren." Diese begann mit sechs (restlos ausgebuchten) Workshops im Haus der Architekten, angeleitet von internationalen Fachgrößen; ihre Fortsetzung fand sie in der Universität Stuttgart, wo rund 600 Teilnehmerinnen und Teilnehmer den Vorträgen, Statements und der Podiumsdiskussion folgten.

Was eine Großveranstaltung lebendig macht? Als Zielvorstellungen nannte Martin Roth "wohlfühlen", "gern hingehen", "höllisch gespannt sein". Der Experte für Kulturmanagement und ehemaliger Direktor des Victoria and Albert Museums in London berichtete von seinen Erfahrungen mit Weltausstellungen, über die er geforscht und bei denen er mitgearbeitet hat. Er zählte Fettnäpfchen auf. So sei eine breite Beteiligung zwar unabdingbar, gleichzeitig müsse aber klar sein: Wer viele einlädt, muss später vielen absagen und hat danach viele Gegner. Ein gravierendes Versäumnis sieht Roth darin, wenn kein ordentliches Konzept für die Nachnutzung vorliegt.

Ein weiteres darin, wenn das IBA-Format der Öffentlichkeit nicht hinreichend erläutert wird, denn im Gegensatz zu einer Olympiade erkläre es sich nicht von selbst. Ein drittes schließlich darin, wenn nicht klar genug ein Hauptthema kommuniziert wird – und es stattdessen einen ganzen Strauß an Themen gibt, der sich aber vielen nicht erschließt. Der gebürtige Stuttgarter riet zu einem „radikalen Thesendurchsetzen“. Es gelte, eine „ehrliche Diskussion mit der Öffentlichkeit“ zu suchen und den „Dialog mit der Welt aufzubauen“. Auch in Neuseeland sollte es Stimmen zur IBA StadtRegion Stuttgart geben.

Ähnlich direkt wie die Ziele wusste der Weltenbürger die erfolgsversprechenden Wege zu benennen: „Nichts ist so wichtig wie eine klare Governance-Struktur.“ Je komplexer die Aufgabe, desto kleiner müsse das Gremium sein. „Schnell, präzise und unabhängig“ habe dessen Arbeit zu erfolgen. Auch benötige die IBA „ein Gesicht – jemand, der dafür brennt.“ Bereits früh gelte es, einen klaren Zeitplan aufzustellen, an den man sich sklavisch zu halten habe. Mit „point of no return“ benannte Roth seine Erfahrung, dass es ab einem gewissen Punkt nur noch darum gehe, die einmal getroffenen Entscheidungen für Terminablauf und Qualität zu halten. Ansonsten drohe alles „wie eine Lawine“ abzurutschen. Damit nicht zu verwechseln ist schließlich sein weiterer Ratschlag, sich für die Projekte genügend Zeit einzuräumen. Denn alles gleichzeitig in Gang zu setzen, wie beispielsweise am Potsdamer Platz, führe zu keinem befriedigenden Ergebnis.

Von unten und von oben her die Dinge gleichzeitig in Angriff zu nehmen, war die Empfehlung von Prof. Dr. Angelus Eisinger. Es gelte Beteiligung neu zu denken. Der Züricher Direktor der Regionalplanung gab freimütig zu, dass dies "Knochenarbeit" werde. Gleichwohl könne nur solch eine Agenda relevant sein, die aus den Gesprächen erwachse. "Diese schaffen Vertrauen und das Gefühl von Augenhöhe." Einem Masterplan erteilte er eine klare Absage. "Stuttgart muss die IBA neu erfinden", forderte Eisinger.

Es gehe darum, Themen wie Mobilität und Raumentwicklung zusammenzubringen. Dabei sei für ihn nicht die Frage, wer die Partner der Planung sind, sondern wie die Planung überhaupt zu einem Partner wird. Dass die Architektenkammer schon zu einem frühen Zeitpunkt ihre Zuständigkeit signalisiert hat, begrüßte der Schweizer explizit. Denn Architekten und Stadtplaner müssten hier eine Schlüsselrolle einnehmen.

Ergänzt wurde der Züricher Blick durch Thomas Friberg und Martin Gutekunst von Pool Architekten. Als Gruppe Krokodil stellten sie ihre zehn Gebote vor, gemäß denen sie das Projekt "Glattstadt" geplant haben: Stadt und Land zusammendenken, im großen Maßstab planen, an den Bestand anbauen, dicht bauen, Grünräume sichern, umweltfreundlich fortbewegen, Nutzungen mischen, Identität schaffen, für lebendigen Stadtraum sorgen und Energienetzwerke gesamtheitlich denken.

Die beiden Büropartner stellten Grundrisse und Cluster-Typologien genossenschaftlichen Wohnungsbaus vor, die gekoppelt mit dem Prinzip der "Kostenmiete" und staatlichen Subventionen Anregungen für die IBA geben können.

Von Zürich nach Wien, vom genossenschaftlichen zum sozialen Wohnungsbau. Diesem gehöre in der österreichischen Hauptstadt die Zukunft, doch sei der dortige IBA-Diskurs grundsätzlich von demjenigen anderer Orte zu unterscheiden, stellte Rudolf Scheuvens fest. Der Professor für Stadtplanung der Technischen Universität sieht die besondere Herausforderung für die StadtRegion Stuttgart in der "Kultivierung von hochdynamischen Wachstumsprozessen". Für diese nannte er Beispiele wie die neuen Formen der Arbeit, des Erwerbseinkommens und der Infrastruktur, der Mobilität, Technologien und Bildung. Für all diese Herausforderungen müsse die Stadt anpassungsfähige Strukturen finden. Die IBA ist für ihn ein "programmatisches Instrument, um über den Alltag hinaus Akzente zu setzen." Den vielen aufgeworfenen Fragen stellte er diejenige der Governance-Prozesse voran. Vordringlich sei es, nun eine IBA-Projektgesellschaft zu gründen - bestehend aus einem kompetenten Team, das unabhängig wie "Trüffelschweine" gute Ideen findet und weiterentwickelt und auch mit politischer Rückendeckung IBA-Projekte verwirft oder befördert.

Gemeinsames Bauen mit kleinem Budget: dafür steht das Künstler- und Architektenkollektiv Assemble aus London. Maria Lisogorskaya, eine der 15 Freunde, die sich 2010 zu der Gruppe zusammenschlossen, stellte mehrere Projekte vor: etwa die Tankstelle, die in ein Kino verwandelt wurde, oder das ehemals benachteiligte Quartier Granby 4 Streets in Liverpool, das sie gemeinsam mit den Bewohnern erneuerte; auch die Arbeit in einer Werkstatt gehörte dazu. Dort lernten sie Möbel für ihre Reihenhaus-Wohnungen zu bauen. Die Gruppe habe es sich zur Aufgabe gemacht, über verschiedene Nutzungsmöglichkeiten eines zu gestaltenden Raumes nachzudenken und deren Tauglichkeit zu testen. Der Reiz liege für sie in "challenging what seems invaluable", also den Wert im vermeintlich Wertlosen zu finden. Bei seinen Projekten arbeite das Kollektiv mit den Menschen vor Ort zusammen - sie sollen darüber bestimmen können, wie sich ihre Umgebung verändert. Als Grundsätze nannte Lisogorskaya sich selbst zu reflektieren, Statements zu setzen und die Initiative zu ergreifen.

Der künftige Erfolg unserer Städte hängt laut Kristien Ring ganz entscheidend davon ab, wie günstiger und langfristiger Wohnraum geschaffen werden kann. Die gebürtige Amerikanerin, die seit 1991 in Berlin lebt, prognostizierte darüber hinaus eine steigende Nachfrage nach wohnortnahem neuen Arbeiten und eine Nutzungsmischung von öffentlichen und privaten Bereichen in den Gebäuden. Die Architektin, Publizistin und Gründerin von AA-Projects ging der interessanten Frage nach: "Wieviel Stadt kann man teilen?"

Beispiele aus der Bundeshauptstadt, wo sich öffentlich zugängige Grünbereiche durch ganze Wohn- und Geschäftshäuser bis zur Dachterrasse durchziehen, zeigten, wie die spezifischen Eigenschaften des jeweiligen Ortes gestärkt und Wohnviertel belebt werden können. Auch in der Entwicklung von Freiräumen und Zwischenräumen könne der Sharing-Aspekt mit neuen Ideen und hochwertiger Gestaltung ein echtes Potential mit positiver Auswirkung für Städte werden.

Chancen für die wachsende Region

Mit elf Personen war die abschließende Podiumsdiskussion reich besetzt. Zusätzlich zu den sieben Referenten begrüßte Moderator Prof. Detlef Kurth drei weitere Vertreter aus Stadt und Region. Darunter den Esslinger Oberbürgermeister Jürgen Zieger, der in der IBA große Chancen für die wachsende Region sieht. Für ihn liegt eine wichtige gesellschaftspolitische Herausforderung darin, die Menschen zu tragbaren Belastungen mit Wohnraum zu versorgen und neue Modelle des Zusammenlebens zu ermöglichen.

Auch Carolin zur Brügge vom Stadtplanungsamt Stuttgart, die Baubürgermeister Peter Pätzold vertrat, betonte die Vorteile durch die regionale Ausrichtung: Die Zusammenarbeit verspräche Synergien zu erzeugen, so dass sich zwischen Stadt und Umland die Dinge neu verbänden. Damit sei man künftig flexibler aufgestellt.

Passend dazu verwies der Bereichsleiter Planung des Verbands Region Stuttgart, Thomas Kiwitt, auf den eigenen Charakter jeder Stadt und Region. Er sprach von einem Maßstabssprung, den die IBA durch die Mitsprache von 179 Kommunen erfährt. Hier könne man nicht auf ein Allgemeinrezept zurückgreifen, sondern müsse regionale Antworten für die Bereiche bezahlbarer Wohnraum, Gewerbeflächen, Mobilitätserfordernisse, Arbeitswelt, Sicherung des Landschafts- und des Erholungsraums finden.

Wie ein roter Faden zog sich der Themenkomplex bezahlbarer Wohnraum, neue Wohnformen und die Kombination aus Wohnen und Arbeiten durch den Veranstaltungstag. Die Entwicklung der Stadt dürfe nicht einem spekulativen Investorenmarkt überlassen werden, sondern habe auch sozialpolitischen Aspekten zu gehorchen. Denn Menschen aller gesellschaftlicher Schichten müssten es sich leisten können, in der Stadt zu leben. Doch auch für die IBA brauche es einen Businessplan. Der Gedanke, ob sich mit ihr Geld verdienen lässt, verbiete sich nicht von vornherein. Und dann stelle sich die spannende Frage: Wie schafft man es, die Gesellschaft für die IBA zu begeistern?

Workshops

Am Nachmittag fanden im Haus der Architekten in Stuttgart sechs Workshops statt, von denen Sie hier kurze Zusammenfassungen finden:

Videomitschnitte

Die Mitschnitte der Referenten-Statements und der Podiumsdiskussion finden Sie unter: vimeo.com/album/4447429. Zugunsten geringerer Dateigrößen ist die Videoqualität eingeschränkt.

Ihre Ansprechpartnerin in der Bezirksgeschäftstelle

Margot Maier

Margot Maier
Kammerbezirk Stuttgart
Tel: 0711 / 2196-113
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