Ausnahmesituation auf Zeit

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Diskussion über Internationale Bauausstellungen in Baden-Württemberg auf der Landesvertreterversammlung 2017; Fotos: Felix Kästle

Warum eine IBA in der Region Stuttgart? Regionalpräsident Thomas Bopp hat dazu ganz klare Vorstellungen. Aus einer Position der Stärke heraus, aus einem wirtschaftlich florierenden Zustand gelte es zukunftsfähige Konzepte zu entwickeln - und nicht erst, wenn die Herausforderungen der Zeit übermächtig werden: der Wandel von Klima, Demografie und Wirtschaftsstrukturen, die Zuwanderung, Globalisierung und Digitalisierung. 

Der Architekt benannte, was konkret für die Region ansteht. In den nächsten zehn Jahren werden 150.000 Menschen mehr in den Ruhestand gehen als aus der eigenen Bevölkerung ins Erwerbsleben eintreten. Vor dem Hintergrund einer sehr niedrigen Arbeitslosenquote brauche es Zuwanderung, um frei gewordene Stellen zu besetzen. Dafür veranschlagt Bopp rund 100.000 zusätzlich benötigte Wohnungen. Mögliche Flächen sieht er in den 179 Städten und Gemeinden der Region. Insbesondere in denjenigen, die an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen sind, gelte es nachzuverdichten. Dafür müsse aber zunächst die Akzeptanz in der Bevölkerung hergestellt werden, sei doch der ländliche Raum bislang vor allem von Einfamilienhäusern geprägt.

Der Vorsitzende der Region Stuttgart entwickelte die Vision, wie 100 Jahre nach Weissenhof eine internationale Bauausstellung, eine "Ausnahmesituation auf Zeit", aussehen kann. Während es damals darauf ankam, Konzepte für ein modernes, gesundes Wohnen fernab vom Lärm und Gestank der Industrie zu entwickeln, gehe es heute - auch unter dem Stichwort Industrie 4.0 - darum, Wohnen und Arbeiten wieder zueinander zu bringen. Für die Entwicklung von Architektur und Stadtteilen wünscht sich Bopp "spannende" und "flippige" Konzepte - vollkommen neu gedacht, weshalb auch ein partielles Scheitern notwendigerweise dazugehöre.

Mut der Architekten forderte auch Thomas Herrmann ein. Der Sprecher der FÜNF Stuttgarter Kammergruppen hält es für eine einmalige Chance, dass sein Berufsstand integraler Bestandteil dieser IBA ist und nicht, wie bei anderen, lediglich Auftragnehmer. Denn neben der Stadt Stuttgart, dem Verband Region Stuttgart sowie der Wirtschaftsförderung sind auch die Universität Stuttgart und die Architektenkammer Baden-Württemberg Gesellschafter der IBA.

Den totalitären Stadtvorstellungen, wie sie etwa Google anbietet, gilt es laut Herrmann Überzeugendes entgegenzusetzen: ein offenes, gleichberechtigtes Miteinander von unterschiedlichen Akteuren. Herrmann forderte eine City der kurzen Wege und fragte: "Wo, wenn nicht hier, sollten Mobilitätskonzepte entwickelt werden?" Denn die Region verdankt ihren Wohlstand zu großen Teilen dem Automobil. Stuttgart sieht er auf einem guten Weg, habe sich doch in den letzten Jahrzehnten eine sehr kritische Stadtgesellschaft gebildet. Für die Besetzung der IBA-Intendanz steht demnächst eine erste Sitzung an.

Vizepräsidentin Beatrice Soltys, die das Gespräch moderierte, machte für die IBA RegionStuttgart 2027 den Strukturwandel als Hauptthema fest. Die beiden bereits in Baden-Württemberg laufenden Internationalen Bauaustellungen Basel/Lörrach und Heidelberg wiesen hingegen ganz andere Schwerpunkte auf: die eine ein grenzüberschreitendes Lernlabor, die andere ein Weg hin zur Wissensstadt.

"Die Grenzen nimmt man überhaupt nicht wahr", berichtete Architektin Monika Neuhöfer-Avdić aus dem Dreiländereck. Straßen, Flüsse und Bebauungen gingen oft nahtlos ineinander über. Bei allem gemeinsamen Planen sei gleichwohl die kommunale Planungshoheit wichtig. Die Fachbereichsleiterin Stadtentwicklung und Stadtplanung der Stadt Lörrach verwies auf 19 nominierte Projekte, die das IBA-Team schon seit Jahren begleite und bei denen ein stetiger Qualitätsanstieg zu verzeichnen sei. Seit 2010 verfolgt man mit der IBA Basel/Lörrach drei große Leitthemen: Stadträume, Landschaftsräume und Zusammenleben. Der Zielhorizont liegt bei 2020.

"Was macht denn die Wissensgesellschaft von morgen mit der Stadt des 21. Jahrhunderts?" steht als zentrale Frage für die IBA-Schaffenden in Heidelberg. Das klinge zunächst etwas akademisch und wenig räumlich greifbar, gab Jan van der Velden-Volkmann zu. Die Kammergruppe Heidelberg, deren Vorsitzender er ist, habe sich seit 2008 neugierig an der Planung beteiligt, seit 2013 ist die auf zehn Jahre angelegte IBA offiziell am Start. Fünf Schwerpunktthemen hat man sich gesetzt: Wissenschaften, Lernräume, Koproduktionen, Vernetzung und Stoffkreisläufe. Mittlerweile zählt die IBA Heidelberg rund 20 Projekte. Allerdings könnten nur solche mit einer gewissen Größenordnung "Strahlkraft entwickeln", gab der Architekt zu bedenken. Ein ganz exponiertes ist die Konversionsfläche Patrick-Henry-Village, für die derzeit fünf international tätige Städtebaubüros potenzielle Zukunftsszenarien aufstellen.

Claudia Knodel / 04.12.2017

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