Laudatio der Jury: „Punkt vor Strich“ überzeugt durch eine kluge, bestechend einfache Weiterentwicklung des Quartiers. Die robuste Grundordnung der Zeilenbauten wird respektiert und mit präzise gesetzten, zum Teil lediglich gespiegelten Punktbauten ergänzt. So entstehen klar gefasste Nachbarschaftsräume. Die Erschließungsklammer als vorgelagerter Laubengang löst die barrierefreie Erschließung effizient und schafft zugleich qualitätsvolle Zwischenräume für Begegnung. Demografisch resiliente Wohnangebote, minimale Eingriffe in den Bestand und der wirtschaftlich tragfähige Ansatz – mit einem einzigen, seriell produzierbaren Baukörper nachzuverdichten – machen den Entwurf aus wohnungswirtschaftlicher Sicht in hohem Maße realisierbar.
Konzept Der Entwurf Punkt vor Strich entwickelt das Mühlburger Feld als realitätsnahe und ressourcenschonende Transformation. Die bestehenden Zeilenbauten bleiben als robuste Grundordnung erhalten und bilden den Strich. Ergänzend setzen Punktbauten den Punkt dort, wo neue Adressen, bessere Orientierung und zusätzlicher Wohnraum sinnvoll entstehen können.
Städtebau und Freiraum Die bisher offenen, wenig gefassten Grünflächen zwischen den Zeilen werden zu klar definierten Höfen, Plätzen und Begegnungsräumen weiterentwickelt. Punktuelle Neubauten fassen den Straßenraum, stärken Ankunft und Orientierung und differenzieren den Außenraum in öffentliche Aufenthaltszonen zur Straße hin und ruhigere Nachbarschaftshöfe im Inneren. Wo Raumkanten fehlen, ergänzen sie die Struktur, und wo Bäume und offene Grünzüge identitätsstiftend sind, bleibt die Bebauung bewusst zurückgenommen. Durch Neubauten, Anbauten und Aufstockungen entstehen bis zu 65% mehr Wohnraum.
Erschließung und Orientierung Zentrales Element ist die Erschließungsklammer als vorgelagerter Laubengang. Sie bündelt mehrere Einheiten, macht alle Geschosse rollstuhlgerecht erreichbar und schafft einen gemeinschaftlichen Zwischenraum für nachbarschaftliche Begegnung. Ein vom Straßenraum klar ablesbarer Aufzug überwindet die Halbgeschosse und erhält die bestehende Gebäudelogik. Ein kontrastreiches Farbkonzept macht die Bereiche klar lesbar, wobei Rot die Erschließung markiert, Blau gemeinschaftliche und öffentliche Orte kennzeichnet, Grün für Rückzug und Privatheit steht und Gelb inklusive Maßnahmen hervorhebt.
Bestand und Wohnungsangebot Der Bestand wird mit minimalem Rückbau ertüchtigt. Tragstruktur und Grunddisposition bleiben erhalten, nichttragende Wände werden gezielt angepasst. Wintergartenzonen erweitern den Wohnraum, wirken im Winter als klimatischer Puffer und lassen sich im Sommer vollständig öffnen. Zusätzliche Fensteröffnungen aktivieren die Giebelseiten und verbessern die Belichtung, ohne das Erscheinungsbild der Zeilen zu überformen. Das Wohnangebot ist als variables System organisiert und umfasst Clusterwohnungen im Erdgeschoss, Basiswohnen von S bis XL in den Regelgeschossen sowie Maisonettes im Dach. Die übereinander liegenden Bad- und Küchenkerne ermöglichen flexible Grundrissanpassungen bei minimalem Eingriff. Das Möbelnischenkonzept stärkt die langfristige Nutzungsflexibilität. In definierten Wandnischen können höhenverstellbare Einsätze als Regal, Sitzplatz, Tisch, Küche oder Sportgerät genutzt werden, sodass Wohnungen auf wechselnde Lebenssituationen reagieren können.
Punktbauten und Nutzungsmischung Die Punktbauten fördern eine durchmischte Quartiersstruktur und stärken die Nahversorgung. Im Erdgeschoss ermöglichen gewerbliche und soziale Nutzungen eine aktive Erdgeschosszone. Das halbseitige Hochparterre sowie erhöhte Raumhöhen in allen Neubaugeschossen setzen einen bewussten Kontrast zum Bestand. In den Obergeschossen entstehen inklusive Wohngemeinschaften mit zentral organisiertem Funktionskern. Als Holz Beton Hybrid konzipiert, verbindet der Neubau Effizienz mit nachhaltiger Bauweise und ergänzt das Wohnangebot um gemeinschaftlich nutzbare, rollstuhlgerechte Dachflächen.
Fazit Punkt vor Strich verbindet barrierefreie Erschließung, flexible Wohnmodelle, aktivierte Erdgeschosse und situative Nachverdichtung zu einem klar strukturierten Gesamtkonzept. Der Bestand wird zur Ressource einer Transformation, in der Inklusion als räumliche Qualität selbstverständlich wird.