Wettbewerbstag 2026 warf den Blick auf Vergabeprozesse in anderen Ländern und anderen Strukturen
Das Vergabethema brennt dem Berufsstand unter den Nägeln: Offene Planungswettbewerbe kann man inzwischen an einer Hand abzählen, gleichzeitig gibt es Kommunen, die diesen Weg über Planungswettbewerbe als Instrument der Orts- und Stadtentwicklung bewusst gehen (siehe Artikel zum Auslober des Jahres). „Wir müssen die Kommunen noch mehr begeistern für Architektur und Baukultur“, appellierte Dr. Fred Gresens, der Vorsitzende des AKBW-Ausschusses Vergabe und Wettbewerb, vor rund 120 Kolleginnen und Kollegen im Haus den Architektinnen und Architekten beim Wettbewerbstag 2026.
Dr. Philip Steden von der Bundesarchitektenkammer (BAK) stellte Grundzüge und Ziele des europäischen Projekts ARCH-E vor. Er fokussierte drei Schwerpunkte: Zunächst die systematische Erfassung der heterogenen Wettbewerbslandschaft in Europa und Bündelung des vorhandenen Wissens. Zudem entstand ein Glossar mit rund 1.000 Begriffen, das dazu beitragen soll, unterschiedliche nationale Fachterminologien und Begriffsverständnisse miteinander in Einklang zu bringen. Als dritter Schwerpunkt wurden spezifische Lücken und Hemmnisse analysiert, die einer stärkeren Internationalisierung von Architekturwettbewerben entgegenstehen.
Die Notwendigkeit solcher "Übersetzungsleistungen" machte der Vortrag von Frederik Serroen aus dem Bouwmeester-Büro in Brüssel deutlich. Das Team ist per Auftrag tätig zur Verbesserung der räumlichen Qualität von Stadtentwicklung und setzt dabei auf konkurrierende Verfahren. Am liebsten auf eines, das sehr schlank aufgesetzt wird ohne "große Kartons" voller einschlägiger Referenzen und Ausarbeitungen, eines, das breit definiert und niederschwellige Teilnahme ermöglicht, vorab die Honorare festsetzt und bereits die Entwürfe vergütet. "Die Philosophie der Wettbewerbe ist der Schlüssel, um zu hochwertiger Baukultur zu kommen", so Serroen. Verwaltungen und Büros jedenfalls würden sich der Verfahrensabwicklung durch das unabhängige (Bouwmeester-)Büro ("wir sind die Ajatollahs des guten Geschmacks") unterwerfen.
Zu schön, um wahr zu sein? Die Freie Architektin Bärbel Hoffmann, D'Inka Scheible Hoffmann Lewald Architekten, Stuttgart, und ebenfalls als Ehrenamtliche im Ausschuss Vergabe und Wettbewerb aktiv, schilderte den Ist-Zustand hierzulade. Januar bis September: 55 Bewerbungen und 4-mal Losglück. Die Wettbewerbsteilnahmen seien oft zu aufwändig, teuer und personell herausfordernd. Hoffmann erinnerte Kommunen, die regionale Wertschöpfung bei Vergaben im Blick zu behalten und sich nicht aus schwierigen Bauaufgaben zurückzuziehen. Sie wünschte sich "mehr Eigeninitiative der Wettbewerbsbetreuer", den Gemeinderät:innen aufzuzeigen, was durch die verschiedenen Verfahrensarten schon alles möglich sei. Denn zu oft gehe es am Ende nicht mehr um die baukulturell beste Lösung. "Am Schluss ist es ein Preiskampf!"
Bei großen, komplexen Projekten könne IPA eine Antwort sein, so Roland Bechmann, Partner und Vorstand der Werner Sobek AG. Alle an Planung und Ausführung Beteiligten sind über Mehrparteienverträge in der partnerschaftlichen Abwicklung verbunden. Gemeinsame Planung und gemeinsame Realisierung bedeute auch: "Gemeinsam einsparen, gemeinsam Gewinne realisieren." Bechmanns Fazit aus mehreren laufenden IPA-Projekten: Große Komplexität ist nur durch vernetzte Strukturen zu bewältigen."
Dr. Nikolaus Hellmayr, Wettbewerbsorganisator aus Graz und Berater der österreichischen Ziviltechniker:innen-Kammer, räumte valide mit dem selbst von erfahrenen Bauherren geäußerten Vorurteil auf, Wettbewerbe verteuerten und verzögerten Projekte. Er präsentierte die Ergebnisse einer vergleichenden Untersuchung von 40 Wettbewerben anhand der Baukostenkennwerte bezogen auf die Bruttogrundfläche (BGF). Ergebnis: Bei den meisten untersuchten Projekten ließ sich gegenüber einer Vergabe ohne Wettbewerb deutliche Kosteneinsparungen erzielen. Vielmehr, so Hellmayr, hätten sich Architekturwettbewerbe keineswegs als Luxus, sondern als wirtschaftlich sinnvolles Instrument zur Qualitätssicherung und Kostenoptimierung herausgestellt, da sich in Wettbewerben Konzepte durchsetzten, die flächeneffizient entworfen wurden.
Die Stadt Ditzingen ist „Auslober des Jahres“. Die Architektenkammer Baden-Württemberg zeichnete die Kommune im Rahmen des Wettbewerbstags 2026 am 14. Oktober vor gut 120 Teilnehmenden aus.