Michelbach 1a – Wohnen und Arbeiten
Michelbach 1a
77787 Nordrach
Michael Welle Architektur GmbH BDA, Offenburg
Isabelle Müller und Michael Welle, Nordrach
2023
Allgemein
Das steile Hanggrundstück welches, auf Grund einer Außenbereichssatzung, nur teilweise bebaubar ist, liegt direkt am Wald mit Blick ins Tal. Das Haus vereint Wohnen und Arbeiten unter einem Dach. Auf einem massiven Sockelgeschoss ruht der Holzbau. Für den Holzbau wurde das Holz aus den örtlichen Wäldern verwendet. Bis auf drei Pfetten wurde ausschließlich Bauschnittholz verwendet. Das Rundholz wurde überwiegend im Winter geschlagen und im benachbarten Sägewerk eingeschnitten und getrocknet. Im Anschluss daran in der Zimmerei gehobelt und zu Elementen gefügt. Der Weg von der Werkstatt zur Baustelle war weniger als ein Kilometer. Kein Bauholz wurde mehr als 15 km transportiert. Der Lehmputz stammt teilweise aus der Baugrube. Viele Elemente der umliegenden Schwarzwaldhöfe finden sich im Neubau wieder. Die Bauweise, der Umgang mit der Topografie, regionale Materialien, sowie der überdachte, offene Eingangsbereich „Drippel“ erinnern an die umliegenden Schwarzwaldhöfe. Durch diese teilweise Neuinterpretation historischer, regionaler Elemente integriert sich der Neubau in die Kulturlandschaft des Schwarzwaldes.
Das Besondere des Projektes
Der hohe Anspruch der Bauherrschaft bezüglich Wohngesundheit und Nachhaltigkeit war Grundlage des Entwurfs. Auf unnatürliche Materialien wurde im Innenraum gänzlich verzichtet. Naturbelassenen, teilweise gelaugt bzw. geöltes Holz in Kombination mit Lehm bestimmen den Innenraum. Das verwendete Bauholz ist bis auf drei Pfetten komplett frei von Klebern oder Leimen. Ein Großteil dessen stammt aus den benachbarten Wäldern und wurde im Umkreis von wenigen Kilometern zu Wand-, Dach- und Deckenelementen gefügt. Geheizt wird mit einer Stückholzheizung. Das örtliche Wärmenetz wurde in das Gebäude eingeführt und kann jederzeit angeschlossen werden. Die Heizung wird durch einen Sonnenkollektor unterstützt. Die Südostfläche des Daches wurde trotz der außergewöhnlichen Geometrie komplett für eine Indach-PV-Anlage ausgenutzt. In der PV-Anlage sind zwei Fenster integriert, um die Innenräume ideal mit Tageslicht zu versorgen.
Die Elektroinstallation und Wandheizung wurde in der Putzschicht verlegt. Bei einer Erneuerung der Technik kann der reversible Lehmputz punktuell geöffnet werden, die Installation erneuert und mit dem gleichen Material wieder verschlossen werden. Die Verbindungen Massivholzelemente der Decken u. Dächer so wie der Wandkonstruktion sind geschraubt damit die Verbindungen bei Um- oder Rückbau gut lösbar sind. Die Dämmung aus Strohhächsel und Holzweichfaser (Nassverfahren) kann nach dem gebrauch entweder wiederverwendet werden oder problemlos dem natürlichen Kreislauf zurückgeführt werden.
Wirtschaftlichkeit und tragbare Kosten
Das Gebäude mit einer Grundfläche von 180 qm und seinen drei Geschossen nutzt den bebaubaren Teil des Grundstück trotz schwieriger Topografie optimal aus. Die Verwendung von örtlichem Holz und Lehm reduzierten die Materialkosten. Durch einfache Details war es möglich, dass sehr viel Eigenleistung eingebracht werden konnte. Die PV-Anlage mit Batterie und heizungsunterstützende Sonnenkollektoren kombiniert mit einer sehr guten Wärmedämmung reduzieren die Unterhaltskosten auf ein Minimum. Die vorvergraute Lärchenfassade wird langfristig ohne Wartung auskommen und dennoch Ihr Markantes Erscheinungsbild beibehalten.
Energieeffizienz und Klimaschutz
Eine sehr gut gedämmte Außenhülle war Grundsatz nicht nur für den Wärmeschutz sondern noch mehr für den sommerlichen Hitzeschutz. Stroh als Dämmstoff hat einen guten Dämmwert. Durch seine relativ hohe Dichte, zudem einen hervorragenden sommerlichen Wärmeschutz. Die graue Energie im Stroh ist um einiges niedriger als bei vergleichbaren nachwachsenden Dämmstoffen. Stroh kann ohne Zusatzstoffe als Dämmstoff verwendet werden. Es wurde darauf geachtet, dass die Baumaterialien ohne Kleber und Lacke verarbeitet wurden. Lediglich die Böden und Möbel sind für eine bessere Nutzung mit Natur-Öl behandelt worden. Das Zurückführen des Baumaterials in den natürlichen Kreislauf ist bedenkenlos möglich. Die ca. 50t Lehm im Gebäude verbessern das Raumklima ungemein. Die regulierenden Eigenschaften des Lehms sind im Inneren spürbar. Lehm als absolut naturreines Material kann nach seiner Nutzung einfach wiederverwendet werden oder der Natur, ohne diese mit unnatürlichen Stoffen zu beeinträchtigen, zugeführt werden.
Architektur und Baukultur
Einige der Typische Merkmale der Regional weit verbreiteten historischen Schwarzwaldhöfe sind im Neubau zu entdecken. So geht das Gebäude auf die Hangsituation ein, nutzt diese zur Erschließung der unterschiedlichen Nutzungsebenen aus. Die typische Bauweise des reinen Holzbaus auf einem massiven Sockel wird eins zu eins übernommen. An der Traufe wird das Dach möglichst weit heruntergezogen, um die Ansichtshöhe und Wetterschutz des Daches ideal auszunutzen. Der Giebel blickt in Richtung Tal, wie es auch beim historischen Vorbild üblich ist. Die verwendeten Materialen werden aus der Historie in die Gegenwart transformiert in dem die Materialen die gleichen sind, jedoch die Verarbeitung mit modernster Fertigungstechnik erfolgte.
Städtebaulicher Kontext
Der fünfeckige Baukörper nimmt an zwei Seiten die Abgrenzung der Außenbereichssatzung auf. An der östlichen Seite nimmt die Traufe die Straßenkante auf. Die Giebelseite Richtung Nord-Ost orientiert sich an der dortigen Hangkante. Die Dachneigung an der Süd- Ostseite nutzt die Sonneneinstrahlung optimal aus und nimmt gleichzeitig den Hangverlauf auf.
Freiraumgestaltung und Klimaanpassung
Das Grundstück liegt am Waldrand. Der nahegelegene Wald musste auf Grund der Bauvorschriften zurückgenommen werden. Tannen und Fichten wurden zu Bauholz weiterverarbeitet. Aus den Kastanien wurde der Dielenboden der Wohnung. Die versiegelten Flächen werden auf ein Minimum für die Erschließung reduziert. Wobei der Erschließungsweg auch für die auf dem rückwertigen Grundstück entstehenden drei weiteren Wohneinheiten dient. Das Regenwasser wird gesammelt und für die Toilettenspülung verwendet.
Sozialer Anspruch
Das Baugrundstück am Waldrand mit einem 180° Blick ins Tal wurde nicht einfach mit einem Einfamilienwohnhaus bebaut, sondern mit einer maximalen Nutzung auf minimaler Grundfläche bebaut. Das Haus dient neben dem Wohnen in zwei Einheiten auch dem Arbeiten in Büro und Werkstatt. Auf Ausschreibungen wurde verzichtet. Es wurde auf Vertrauen und fairen Umgang zwischen Bauherr und Handwerker gesetzt.
Bauprozess und -logistik
Der massive Keller wurde vor dem Fertigungsprozess des Holzbaus errichtet. Dieser beherbergt die Werkstatt, in der viele der Ausbauelemente gefertigt wurde. Die Holzbauteile wurde in der örtlichen Zimmerei vorgefertigt, sodass die Bauzeit auf ein Minimum reduziert werden konnte. Lehm aus der Baugrube wurde als Schüttung und teilweise als Grundputz verwendet, dies sparte Transportwege ein.
Kooperationen und innovative Konzepte der Zusammenarbeit
Regionale Waldbauern waren die Lieferanten des Rohstoff Holz. Dieses wurde bei den örtlichen Sägewerken eingeschnitten und getrocknet. Das Bauholz wurde in der örtlichen Zimmerei gehobelt, abgebunden und zu Wand-, Decken-, und Dachelementen geführt. Die Holzalufenster wurden vom regionalen Fensterbauer hergestellt. Böden aus den Bäumen es Grundstücks regional hergestellt. Lehm aus der Baugrube für das Bauen verwendet.
