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Informationen für private und gewerbliche Bauherrinnen und Bauherren, Städte und Kommunen.
Foto: Patrick Möhrle
Julius-Hirsch-Platz 277855 Achern
Besonderheiten des ProjektsUrsprünglich auf dem ehemaligen Kasernenareal in Achern erbaut, ist die Reithalle heutzutage Mittelpunkt eines neuen Quartiers inmitten der 27.000-Einwohner-Stadt. Eine große Herausforderung des Bauvorhabens war für die Bauherren die Öffnung und die Einbindung der Halle als Zentrum des Areals nach außen hin. Nach langem Leerstand versteckte sich die Reithalle hinter einem Maschendrahtzaun und war für die Öffentlichkeit lange Zeit nicht zugänglich. Zur Anbindung und Öffnung des Areals trug besonders eine sehr souverän gestaltete Außenanlage bei, welche die Reithalle mit dem Areal verbindet und die Grenzen zwischen den einzelnen Bereichen verschwimmen lässt.
Die Sanierung und Umnutzung der denkmalgeschützten Reithalle orientiert sich überwiegend an der Kraft und den Stärken des Bestandes, welcher zu einem Gebäudeensemble mit viel Historie gehört. Das bestehende Gebäude ist und bleibt Hauptakteur des Areals, von dem auch die Nachbargebäude respektvoll Abstand halten. Der Gedanke einer großen Halle, in der alles stattfindet, ist nach wie vor ablesbar. Die Reithalle wird zur großen Markthalle, welche Platz für ein Café, einen Unverpacktladen, einen Floristen, eine Buchhandlung und eine Ausstellungsfläche bietet. Aber auch Wohn- und Büroräume finden hier Platz. Die Markthalle fungiert sozusagen als Marktplatz und dient als Verteiler. Von hier aus erreicht man die verschiedenen Nutzungen und treffen sich sowohl die Bewohner als auch die externen Besucher der Anlage. Der Zugang zur ehemaligen Reithalle erfolgt absichtlich nur über einen gemeinsamen Eingang, um die soziale Interaktion zu stärken und die Identität unter den Nutzern zu fördern. Dies war den Bauherren während der gesamten Bauzeit ein besonderes Anliegen.
Während die Fassade weitestgehend erhalten bleibt, wird der Innenraum durch eingeschobene Kuben aus regionalem Holz gegliedert. Dadurch entsteht ein Wechselspiel zwischen großen Freibereichen und schlichten Einbauten, welche Platz für die neuen Nutzungen bietet. Die loftartigen Wohnungen im rückwärtigen Bereich entwickeln sich über zwei Etagen und sind trotz der geringen Änderungen in der Fassade lichtdurchflutet. Hinter den vorhandenen Toren befindet sich eine 2-geschossige Glasfassade, die den Innenraum mit dem Außenbereich verbindet. Trotz der vielfältigen Nutzungen bleibt Raum für Privatsphäre. Die vorgegebenen Strukturen der denkmalgeschützten Halle erforderten unkonventionelle Ansätze bei der Planung, was nicht zuletzt die Besonderheit und die Einzigartigkeit dieses Ortes ausmacht.
Energieeffiziens und KlimaschutzMit wenigen Mitteln wurde hier durch die Bauherren eine vorbildliche Umnutzung der denkmalgeschützten Reithalle erreicht. Die „graue Energie“ in Form des bestehenden Baukörpers konnte - bis auf den schadstoffbelasteten Boden - 1:1 erhalten werden. Die kompakte Gebäudehülle mit Satteldach bleibt auch nach der Sanierung in ihrer Ursprungsform erhalten. Die beiden neuen Fensterbänder im Dach bilden zusammen mit den Photovoltaikpaneelen eine Einheit. Auf unnötige Anbauten wurde sowohl aus ökologischer Sicht als auch aus Gründen des Denkmalschutzes bewusst verzichtet. Die Halle fungiert als konzeptioneller Überbau und bleibt auch nach der Sanierung komplett „kalt“. Die Fassade ist ungedämmt und dadurch weiterhin von außen als Sichtmauerwerk erkennbar. Lediglich die eingeschobenen Kuben und Einbauten im Innenraum funktionieren nach dem „Haus-im-Haus“-Prinzip und entsprechen energetisch betrachtet dem heutigen Stand der Technik.
Im Gegensatz zum historischen Gebäude ist das Bauwerk nach dem Umbau technisch betrachtet auf dem neuesten Stand. Innovativ ist, dass die gesamte Technik sichtbar im Innenraum der Markthalle zur Schau gestellt wird. Die Versorgung der Halle mit Strom und Wärme erfolgt über die Photovoltaikanlage auf dem Dach und ein im Gebäude integriertes Blockheizkraftwerk sowie einem Pelletkessel. Alle Objekte innerhalb der Reithalle werden so technisch angebunden und versorgt. Das Wasser aus der Zisterne dient zur WC-Spülung in den Wohnungen. Die verwendeten Baumaterialien für den Umbau beschränken sich auf eine geringe Anzahl wie Stein, Holz und Beton. Die Materialien sind meist naturbelassen bzw. „roh“. Der sichtbare Betonboden ist beispielsweise Trag- und Nutzschicht in einem Bauteil. Auf aufwendige Verkleidungen wird im Sinne der Nachhaltigkeit bewusst verzichtet. Baustoffe und Handwerker aus der Region tragen zusätzlich zum Klimaschutz bei und vermeiden lange Anfahrtswege.
Architektur und BaukulturDas Projekt zeichnet sich durch eine große Wertschätzung gegenüber der baukulturellen Leistung vergangener Epochen aus. Den Bauherren und den Projektbeteiligten war es besonders wichtig so wenig wie irgendwie möglich am denkmalgeschützten Bestand zu ändern. Die Energie, die für die Herstellung der vorhandenen Materialien benötigt wurde, bleibt weitestgehend erhalten. Das bestehende Gebäude ist und bleibt Hauptakteur. Der Umbau der Halle sollte lediglich die Strahlkraft des denkmalgeschützten Gebäudes nach außen hin verstärken und somit das ehemalige Kasernenareal nach außen hin öffnen.
Die Umnutzung der Reithalle zur großen Markthalle trägt hier wesentlich zur Außenwirkung des neuen Quartiers bei. Die Halle als konzeptioneller Überbau lässt eine Vielzahl an Nutzungen innerhalb des Gebäudes zu. Das Projekt geht auf den Bestand ein und verzichtet auf große Eingriffe. Durch eine hohe Sensibilität, Rücksichtnahme und Zurückhaltung der Bauherren und Planer konnte durch kleine, vielleicht auch unscheinbare Mittel ein Gebäude umfunktioniert werden. Ziel war es die Kraft des Bestandes unverfälscht zu erhalten. Der Rohbau der gesamten Halle bleibt von außen und von innen als gestalterisches Element ablesbar. Das Gebäude versteht sich als Gemeinschaftswerk, das sich mit der Zeit immer wieder verändern soll und sich an den Bedürfnissen der Nutzer orientiert.
Städtebauliches KontextDie denkmalgeschützte Reithalle gehörte ursprünglich zum ehemaligen Kasernenareal in Achern. 1946 wurde sie hier als Teil der örtlichen Offiziersschule vom französischen Militär gebaut und genutzt. Nach dem Abzug der französischen Streitkräfte in den 1990er Jahren stand die Halle lange leer. Die Pläne der Stadt sahen vor, dass durch das frei gewordene Kasernenareal in Achern ein neues Quartier mit einem möglichst vielfältigen Nutzungskonzept entstehen sollte. Während sich derzeit noch viele Gebäude auf dem Areal im Bau befinden, ist der Umbau der Reithalle momentan abgeschlossen. Die Baumaßnahmen der Halle übernahmen die privaten Eigentümer Astrid und Gerold Weber, die 2019 die Reithalle erwarben. Die denkmalgeschützte Reithalle bleibt dem neuen Areal als letztes Relikt aus der Kasernenzeit erhalten. Sie ist und bleibt Mittelpunkt und Auftakt des neuen Quartiers. Der städtebauliche Kontext wird außerdem durch die Landschaftsarchitektur und die Freiraumgestaltung unterstützt.
FreiraumgestaltungDie Gestaltung der Außenanlage trägt wesentlich zur Aufwertung des gesamten Areals bei. Besonders hier wird die gute Zusammenarbeit zwischen den Bauherren und der Stadt sichtbar. Beide entwickelten mit dem gleichen Landschaftsarchitekturbüro ein gemeinsames Konzept für die Außenanlage. Dadurch besitzt die Gestaltung des Freiraumes lediglich eine Handschrift.
Soziale AspekteDer Umbau der Reithalle als letztes Relikt aus einer vergangenen Zeit trägt weitestgehend zur Öffnung des gesamten Areals nach außen hin bei. Den ehemaligen Zaun, den das Gebäude vom öffentlichen Raum ursprünglich trennte, sucht man zukünftig vergebens. Die Bauherren verfolgten ein großzügiges Konzept mit sozialen Komponenten und hatten keinesfalls das Ausschlachten des Denkmals als Investor im Sinn. Bereits die ausgewählte Freiraumgestaltung trägt dazu bei, dass sich jeder Besucher auf dem Gelände willkommen fühlt. Besonders an dem denkmalgeschützten Gebäude ist, dass es lediglich einen gemeinsamen Eingang für alle Nutzer, Besucher und Bewohner gibt, der immer durch die Markthalle führt. Dieser Aspekt war den Bauherren von Anfang an besonders wichtig. Die Markthalle in der Funktion als großer Marktplatz, auf dem man sich trifft und welcher das soziale Gefüge stärkt, verbindet geschickt die Nutzungen untereinander und schafft Zugangsmöglichkeiten zu den unterschiedlichen Einheiten. Die verschiedenen Nutzungen - Wohnen, Arbeiten und Freizeit - fördern zusätzlich die Durchmischung des Gebäudes und tragen zu einem belebten und beliebten Gebäudekomplex bei.
Bauprozess und LogistikDie Bauherren und Planer verfolgten von Anfang an ein gemeinsames, übergeordnetes Planungskonzept, das kleinteilige Bauabschnitte zuließ. Zu Beginn des Bauprozesses stand eine intensive Auseinandersetzung mit dem Bestand im Vordergrund. Die Grundlagen zur Planung erfolgte durch den Einsatz eines 3D Scanners und durch die Recherche nach bestehenden Planungsunterlagen bei der Stadt. Der mit Schadstoffen belastete Boden im Innenraum musste zugunsten einer neuen gedämmten Bodenplatte weichen. Die Dachkonstruktion des Bestandes wurde überprüft und ein paar Holzbinder nach Vorbild der historischen Originale ersetzt. Komplett neu sind die Fensterbänder im Dach, die gleichzeitig mit den Photovoltaikpaneelen eine Einheit bilden. Die Bauherren entschieden sich die Halle komplett unbeheizt zu lassen. Dadurch konnte das Sichtmauerwerk, die Betonstürze als auch die Tragkonstruktion sowie die schmalen Fensterrahmen erhalten werden.
Nachdem die Halle als konzeptioneller Überbau fertig gestellt wurde, konnte der Innenausbau wetterunabhängig erfolgen. Die eingestellten Baukörper für Büros und Wohnungen in Holzkonstruktion wirken im Gegensatz zu den schweren Bestandsmauern wie eingestelltes Mobiliar und trugen zu einer schnellen und kurzen Bauzeit bei. Die Einbauten sorgen für den nötigen Wärmeschutz. Die alten Fenster wurden im Bereich der Wohnungen und der Büros mit einem zweiten Flügel zum Kastenfenster ergänzt. In den Kuben ist das „Haus-im-Haus“-Prinzip erfahrbar. Nach dem Einzug der Gewerbetreibenden und der Bewohner ist der Umbau momentan abgeschlossen. Sowohl die Bauherren als auch die Planer verstanden das Bauen als sich stets verändernden Prozess. Weitere Baumaßnahmen im Innenraum sind jederzeit möglich.
Kooperation und innovative Konzepte der ZusammenarbeitDas Projekt zeichnet sich durch eine vorbildliche Zusammenarbeit aller Projektbeteiligten aus. Besonders hervorzuheben sind die Bauherren Astrid und Gerold Weber, die sich mutig an den Umbau wagten und in der Stadt Achern, dem Denkmalamt und dem Architekten Michael Welle kooperative und zuverlässige Planungspartner fanden. Besonders innovativ und gelungen ist die Außenanlage im Zusammenspiel der Bauherren mit der Stadt und den Landschaftsarchitekten. Aber auch der gemeinsame Eingang der Reithalle für alle Nutzer, Besucher und Bewohner, sowie die sichtbare Technik im Innenraum macht das Gebäude zu etwas besonderem. Abgerundet wird das Bauvorhaben durch ein ausgewähltes Nutzungskonzept, das zur historischen Reithalle passt. Das Durchmischen der verschiedenen Nutzungen von Wohnen, Arbeiten, und Freizeit unter einem Dach macht das Projekt einzigartig.
Aktuelle Ergebnisse, die Prämierungen aus den letzten beiden Jahren sowie die ausgelobten Verfahren in diesem Jahr inklusive Tipps zur Teilnahme finden Sie hier.