Gestaltung und Stadtentwicklung – Das Erbe der Industriestadt
7. – 9. August 2026
Reisen bildet, besonders Städtereisen. Architekturinteressierte und Architekten auf eine spannende Exkursion mitzunehmen, das war bereits bei der Reise zur „WerkStadt der Moderne“ eine gute Idee. Als neues Ziel drängte sich die Kulturhauptstadt 2025 auf. Chemnitz stellte seine Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 unter das Motto „C the Unseen“. Ein passender Titel für die Stadt, die vielen unter dem Namen Karl-Marx-Stadt noch geläufig war und die, völlig zu unrecht, oft übersehen wird.
Unsere Kollegin Ute Heinle, wandelt gerne auf Spuren abseits des Mainstreams. Ja, gut, eine Kulturhauptstadt ist nicht ganz abseits des Mainstreams, aber Chemnitz oder auf manchen Landkarte noch mit Karl-Marx-Stadt beschriftet, ist nicht unbedingt das Ziel von Städtereisen. Immer wieder hieß es, da sollte man unbedingt hinfahren. Aber meist zuckt man mit den Schultern. Irgendwann kann das in Angriff genommen werden. Nach unserer Tour in die Werkstadt der Moderne – Luckenwalde – sollte es konkreter werden, denn es war bekannt, der Architekt der Hutfabrik, Erich Mendelsohn, entwarf das Kaufhaus der Familie Schocken. In Stuttgart ist das Kaufhaus schon lange abgerissen.
Vorab, für die Vorbereitung der Gruppenreise, war zu erkunden was sehenswert ist. Eine Diskussion zu unserem gebauten Erbe in Verbindung mit der Kulturhauptstadt öffneten den Blick für das gebaute Erbe. Einen kleinen Teil des gebaute Erbe sollte der Gruppe näher gebracht werden. Die Vielfalt ist groß, der örtliche Stadtführer hatte die Wunschliste erhalten. Ein spannendes Programm wartete.
Doch bevor wir uns ins Abenteuer Chemnitz stürzten wurde die Anfahrt bereits spannend. Vorbei an Nürnberg und an Bayreuth führte die Fahrt ins Vogtland. Hinter Plauen wartete die erste Station, die Göltzschtalbrücke. Die Gruppe erfuhr bei einer sehr interessanten und lockeren Führung viel zur Geschichte und zum Baugeschehen vor über 170 Jahren, sowie zu den erst kürzlich abgeschlossenen Arbeiten an der Eisenbahnbrücke, die bis heute die Züge über das Göltzschtal führt.
Die Göltzschtalbrücke ist eine Brücke der wichtigen Eisenbahnstrecke Leipzig – Nürnberg. Im November 1848 eröffnete die Sächsisch-Bayerische Eisenbahn die Bahnstrecke Plauen–Hof. Am 16. April 1851 folgte, nach Fertigstellung von Göltzsch- und Elstertalbrücke, die Strecke bis Reichenbach (Vogtl) und weiter über Werdau bis Dresden. Der ausgeschriebene Wettbewerb für die Brücke brachte nicht das statisch notwendige Ergebnis. Deshalb übernahm der Konstrukteur der ersten deutschen Dampflokomotive, der Pionier des Eisenbahnwesens, Professor Johann Andreas Schubert, die Planung. Die Tragfähigkeit der Brücke war auch politisch wichtiger als ein schöner Entwurf. Die Brücke überspannt die Göltzsch zwischen Mylau und Netzschkau über eine Länge 574m und einer Höhe von 78m. Sie wurde als Massivbrücke mit zahlreichen Pfeilern und 81 Bögen in vier Etagen ausgebildet und ist die größte Ziegelsteinbrücke der Welt. Noch heute ein Meisterwerk der Ingenieurskunst.
Die Weiterfahrt ging vorbei an Zwickau und dem Rand des Erzgebirge nach Chemnitz. Um sich Chemnitz anzunähern und die Stadtentwicklung besser greifbar zu machen, war das Schloßberg-Museum die richtige Anlaufstelle. Etwas über die Stadtentwicklung erfahren und aus verschiedenen Epochen die Stadtmodelle ansehen. Bei der spannenden Führung wurde die wechselvolle Geschichte der Stadt, vom 12. bis ins 20. Jahrhunderts, präsentiert und eine Vielzahl an Modellen zur baulichen Entwicklung von Kloster und Stadt erklärt.
Am nächsten Tag ging es weiter. Chemnitz, die drittgrößte Stadt Ostdeutschlands, ist voller Erfindungsreichtum, fesselnder und bahnbrechender Geschichte. Vor über 200 Jahren entwickelte sich die Gemeinde mit 10.000 Einwohnern innerhalb kürzester Zeit zur führenden Industriestadt Deutschlands, dem „Sächsische Manchester“. Mit viel Wissen aus England entstanden hier die ersten Fabriken für die Textilindustrie für feinste Strümpfe und eine Produktionsstätte für moderne Lokomotiven. Die Industrielle Blütezeit war von 1900 bis 1910 und lässt sich auch im Städtebau ablesen. Die rege Bautätigkeit zeigt noch heute, mit großen Industriegebäuden, dem Gründerzeit- und Jugendstil-Viertel am Kaßberg, privaten und öffentlichen Gebäude der Modernen, die Bedeutung der Stadt. Wen wundert es, dass im Zweiten Weltkrieg die Stadt in Schutt und Asche gelegt wurde. Chemnitz ist auch eine Stadt der Brüche.
Als Karl-Marx-Stadt sollte Chemnitz zur sozialistischen Musterstadt der DDR werden. Die breiten Paradestraße und monumentale Bauten prägten die Stadt. Diese Epoche machte die Stadt zu einem bedeutenden Maschinenbaustandort Osteuropas. Neben der Industrie wurde die Stadt bekannt für seine lebendige Jugendkultur, ein angesehenes Theater und Sport auf höchstem Level. Der Staatlich organisierte Leistungssport förderte den Sportstättenbau mit Radrennbahn, Eissportkomplex, Schwimmhalle. Zahlreiche Weltmeister und Olympiasieger wie Katarina Witt, Lars Riedel, Mandy Wötzel/Ingo Steuer, Jens Fielder, sind Namen, die uns auch nach 1990 im Gedächtnis sind. Heute punktet Chemnitz, so steht es in den Broschuren, als erfolgreicher Wirtschaftsstandort, zunehmend mit Lebensqualität, bezahlbarem Wohnraum und seiner Rolle als Kulturhauptstadt Europas 2025. Neben den klassischen Feldern wie Automobileindustrie, Maschinenbau sowie der Technischer Universität, weist Chemnitz auch zahlreiche Startups in Zukunftstechnologien auf. Zahlreiche Museen, an denen wir nur vorbeifahren konnten, stehen für ein reiches kulturelles Leben.
Städtebaulich zeigt Chemnitz einen spannenden Kontrast aus Tradition und Moderne. In Chemnitz hat man sich auch bei der Bewerbung zur Kulturhauptstadt offensichtlich die Frage gesellt „Wie gehen wir mit unserem gebauten Erbe um?“ Weiternutzung statt Abriss. Nicht nur der Innenstadtcampus rund um den Brühl und der Alten Aktienspinnerei zeigt die Entwicklung von „Bildung und Wissenschaft“ im Zentrum der Stadt. Fabriketagen werden zu Wohnflächen, es entstehen Lofts an reizvollen Orten an der Chemnitz. An anderen Orten entsteht eine Event- und Kongresskultur oder eine Kleinkunst Szene. Auf einer ehemaligen Bahnstrecke entstanden die ersten Abschnitte eines Premiumradwegs im Zuge der Maßnahmen „Kulturhauptstadt 2025“.
Die Stadtführung war für alle kräfteschonend in drei Etappen aufgeteilt. Nach dem Spaziergang durch das Zentrum und einer kurzen Mittagspause, ging die Entdeckung der Stadt mit dem Bus weiter. Ein besonderer Programmpunkt wurde kurz mal eingeschoben. Der Stadtführer machte einen Blick in die Villa Esche von Henry van de Velede, dem vielseitigen Designer und Architekten des Jugendstils, möglich. Nach einer erfrischenden Kaffeepause führte der Stadtführer über den Kaßberg und die Villen der einstigen Industriellen. Der Abschluss des Tages war das gemeinsame Abendessen im „Villa Esche Restaurant“. Die abendliche Tafel im Garten startete mit einem Tischbuffet, für alle war es ein kulinarischen Gaumenschmaus, der den Tag angemessen abrundete.
Den Abschluss der Reise bildete ein Ort, den wir vermutlich gerne ausblenden würden. Wir waren verabredet am Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis. Das Kaßberg-Gefängnis ist ein Ort, der zur deutschen Geschichte und nicht nur zur deutsch-deutschen Geschichte, gehört. Zur Führung durch den Gebäudeteil B und die Ausstellung wurden wir von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Kristina Hahn und dem Architekten Marc Rennfleisch erwartet. Kompetent führten sie durch Ausstellung und den Hafttrakt B. Die Gruppe erfuhr viel zu den Baumaßnahmen wie statische Ertüchtigungen, Brandschutzmaßnahmen und denkmalpflegerische Maßnahmen, sowie zur Ausstellungskonzeption und der wechselvollen Geschichte des Gefängnis.
Der Ort dient heute als zentrale Gedenkstätte für die Opfer politischer Verfolgung auf dem Kaßberg in Chemnitz, der sowohl in der Zeit des Nationalsozialismus, als auch in der DDR zur Haft genutzt wurde. Das Kaßberg-Gefängnis wurde von 1876/77 in Chemnitz auf dem Kaßberg als Königlich-Sächsische Gefangenenanstalt erstellt. In den 1930ziger Jahren wurden zusätzliche Flügel angebaut. Das Gefängnis wurde neben dem Untersuchungs- und Strafgefängnis für Kriminelle auch zur Unterbringung von politischen Gegnern, Zwangsarbeitern sowie der nationalsozialistischen Judenverfolgung genutzt. Die Haftinsassen fanden Verwendung in der Rüstungsproduktion oder wurden in Konzentrationslagern verschleppt. Nach 1945 nutzte die sowjetische Geheimpolizei das Gebäude. In der Zeit der DDR war das Gefängnis im Bezug zur SAG Wismut, also dem Uranbergbau, zu sehen. Von 1966 bis 1989 war der Kaßberg der zentrale Abwicklungsort für den Häftlingsfreikauf aus der DDR. Rund 30.000 politische Gefangene wurden von der Bundesregierung (BRD) aus der Haft in der DDR freigekauft.
Nach 1990, also mit dem wieder gegründeten Freistaat Sachsen, wurde das Gefängnis weiterhin bis 2010 als Justizvollzugsanstalt (JVA) genutzt. Die JVA wurde aufgrund baulicher und Brandschutzmängel geschlossen. In der DDR-Zeit ergänzten weitere Bauteile, wie ein „Vernehmer-Trakt“ sowie Baracken, das Ensemble. Der große Teil dieser Gebäudeteile wurden zurück gebaut. Heute entspricht der Gebäudekomplex annähernd wieder der Entstehungszeit.
Wieder stellen wir uns die Frage: Wie gehen wir mit unserem baulichen Erbe um? Neben dem Lern- und Gedenkort Kaßberg-Gefängnis und der Dauerausstellung, eröffnet 2023, werden Teile des Gebäudes für Wohnzwecke umgebaut und für die Sozialien Dienste des Landgerichts, das sich direkt daneben befindet. Städtebaulich zeigt Chemnitz einen spannenden Kontrast aus Tradition und Moderne. In Chemnitz hat man sich offensichtlich die Frage gesellt „wie gehen wir mit unserem gebauten Erbe um?“ Weiternutzung statt Abriss. Nicht nur der Innenstadtcampus rund um den Brühl und der Alten Aktienspinnerei zeigt die Entwicklung von „Bildung und Wissenschaft“ im Zentrum der Stadt. Fabriketagen werden zu Wohnflächen, es entstehen Lofts an reizvollen Orten am Flüsschen Chemnitz. An anderen Orten entsteht eine Event- und Kongresskultur oder eine Kleinkunst Szene. Auf einer ehemaligen Bahnstrecke entstanden die ersten Abschnitte eines Premiumradwegs im Zuge der Maßnahmen „Kulturhauptstadt 2025“. Die Stadtverwaltung von Chemnitz hat einen Plan. Die Strategie 2030. Es scheint die Brüche und Aufbrüche haben sich in den Genen der Stadt festgesetzt. Weiterentwickeln, mit dem Potential das vorhanden ist, scheint fest verankert zu sein.
Auf der Rückfahrt zu unseren Ausgangsorten gab es im Bus noch rege Diskussionen. Die drei Tage waren eine vielfältige und spannende Reise, mit vielen Erlebnissen durch eine Stadt, die trotz Brüche in ihrer Biographie, nicht gebrochen ist, sondern die Kulturhauptstadt unter dem Motto „C the Unseen“ als Chance genutzt hat und von uns, in den vielen Facetten, gesehen und erlebt wurde.