Abgesagte Touren und Sommerfeste, Klimaanpassung legt als Planungsaufgabe zu: Die Architektenkammer Baden-Württemberg erneuert ihren Appell, Hitzeschutz zur Pflichtaufgabe zu machen und in der LBO BW zu verankern.
Mit der Installation „Stresstest“ thematisierte der Deutsche Pavillon auf der Architektur-Biennale 2025 die Herausforderungen des Hitzestresses in urbanen Räumen und forderte ein Umdenken in der Stadtplanung. Sinn war, die Besucher spüren zu lassen, was es heißt, wenn Extremwetter zunehmen und bereits im April Juli-Temperaturen herrschen. Ein Jahr später brauchte es keine Simulation: Elf Tage in Folge ermittelte der Deutsche Wetterdienst im Juni 2026 mehr als 32 Grad. Krankenhäuser meldeten Kapazitätsengpässe. Bis Anfang Juli starben bereits 5.000 Menschen in Deutschland an Hitzefolgen – so viele wie früher das ganze Jahr nicht.
Am Tag der Architektur empfingen die Teilnehmenden Botschaften aus der Bruthitze, die nicht auf dem Besichtigungsprogramm standen, manche Tour musste abgesagt werden. In den Auszeichnungsverfahren der AKBW finden sich immer häufiger Gebäude, die auf Klimaresilienz angelegt sind. Und mit dem ARCHITEKTINNENPREIS akbw 2026 wurden gleich zwei Arbeiten ausgezeichnet, die sich mit Klimaanpassung des Bestandes auseinandersetzten.
Zum einen die Masterarbeit von Maren Tetting: Sie entwickelte ein Tool, mit dem Kommunen anhand von Indikatoren wie Alter der Bewohner, Gebäudealter oder Miethöhe Handlungsoptionen zur Abwehr von Hitzebelastung vor allem an Wohnstandorten mit vulnerablen Gruppen ableiten können. Zum anderen die Arbeit von Sonja Blaser, faktorgruen: Mit der klimaangepassten Vorentwurfsplanung für einen bislang baumlosen Schulcampus, auf dem rund 1.000 Menschen lernen und arbeiten, gewann sie den Publikumspreis. Die Jury: „Klimawandel, Klimakrise und die damit verbundenen gesundheitlichen Risiken bestimmen auf vielen Planungsebenen den täglichen Handlungsbedarf.“ Im SWR-Interview brachte AKBW-Vorstand Albrecht Reuß die Strategie einer zukunftsfähigen Stadtplanung auf den Nenner: „Viel mehr Grün und mehr Wasser.“
Bereits 2024 verfassten die Architektenkammer Baden-Württemberg und die Landesärztekammer einen gemeinsamen Handlungsappell an Land und Kommunen, den baulichen Hitzeschutz verpflichtend festzuschreiben. Die AKBW erneuert die Forderung an das Land, die Gesetzeslage dahingehend zu ändern sowie Kommunal-Programme für urbanen Hitzeschutz aufzulegen. Das AKBW-Kompetenzteam „Nachhaltiges Planen, Bauen und Klimaanpassung“ befasst sich intensiv mit Hitzeschutz. Vom KT-Mitglied Tim Kaysers liegt ein Standardwerk zur „Stadtbegrünung – Für klimaresiliente, biodiverse und gesunde Städte“ (Springer-Verlag) vor. Aktuell wurde ein Positionspapier zum „Baumschutz als Klimaanpassungsmaßnahme Nummer 1“ erarbeitet:
4 Forderungen zum Baumschutz
Nr. 1 Baumschutzanordnung: Empfohlen wird die Aufnahme der Baumschutzanordnung in die nächste Novelle der LBO BW (§ 53a). Damit wird ein effektives Instrument geschaffen, das den Schutz wertvoller Bäume landesweit vereinheitlicht, digital absichert und mit den bauordnungsrechtlichen Genehmigungsverfahren verzahnt. Nr. 2 Sanktion: Mit jeder Bauvoranfrage/jedem Bauantrag ist schriftlich darzulegen, ob Bäume mit einem Stammumfang von über 50 cm in 100 cm Höhe betroffen sind und diese – nachweislich – zu schützen und zu erhalten sind. Sollten die geschützten Bäume gefällt werden, muss eine qualifizierte Baumkartierung und -bewertung (Vitalität, Standsicherheit, Habitat-Räume, Artenschutzrelevanz) der Genehmigungsbehörde vorgelegt und durch Ersatzpflanzungen ausgeglichen werden. Nr. 3 Baumkataster: Einführung eines landesweiten digitalen Baumkatasters nach Vorbild der britischen TPO (Tree Preservation Order), das alle Baumschutzanordnungen dokumentiert und für Bauverwaltungen zugänglich macht. Nr. 4 Bauportal BW: Verpflichtung, bei jedem Bauantrag die Betroffenheit geschützter Bäume automatisch zu prüfen. Integration der TPO in das Bauportal BW zur digitalen Genehmigungs- und Kontrollabwicklung. Einführung von Musterkriterien zur Bewertung der Schutzwürdigkeit (ökosystemischer, kultureller, städtebaulicher Wert).
Wie man der konkreten Gesundheitsgefahr infolge des Klimawandels begegnen kann, zeigen die Landesärztekammer und die Architektenkammer Baden-Württemberg in einer Handreichung gemeinsam auf.