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„Kollaboration statt Beteiligung, das wäre mein Ideal. Wir reden zu viel über die Stadt und zu wenig mit den Menschen“, so das Fazit von Prof. Yasemin Utku am Ende der zweiten Architekturgespräche zur großen Leitfrage „Wer baut die Stadt?“ Es diskutierten zwei leidenschaftliche Planer:innen unterschiedlicher Prägung, die sich in entscheidenden Fragen allerdings ziemlich einig waren.
Yasemin Utku und ihr Büro „STADTGUUT“ legen bei ihren Stadtentwicklungsprojekten in Nordrhein-Westfalen das Augenmerk auf die diskursive Beteiligung aller Betroffenen: „Wenn man etwas gemeinsam entwickelt, ist das ein anderer Zugang als das reine Bauen. Technische Aspekte spielen bei uns weniger eine Rolle, wir versuchen den Boden für gute Architektur und eine gelungene Weiterentwicklung bestehender Strukturen zur bereiten. Beteiligungsprozesse sind essentiell. Dabei entstehen immer wieder erstaunliche Synergien“.
Während Prof. Utku Anwohner, Planer, Kommune und Investoren an den „runden Tisch“ bringt, präsentierte der zweite Gast des Abends einen individuellen Ansatz von Stadtplanung: Julian Meisen und seine Partner der Common Agency „er-finden“ ihre Projekte lieber selbst, um so über die herkömmliche Rolle von Architekten/Stadtplanern als Dienstleister hinauszugehen und selbst Handlungsmacht zu erlangen. Ihr Architekturbegriff ist weiter gefasst: „Wir verstehen uns als Raumproduzenten!“ Projekte selbst anstoßen und Mitstreiter finden, um Architektur möglichst frei zu betreiben, sei ihr Zugang. Themen wie Betrieb, Nutzung, Wirtschaftlichkeit würden von Anfang an mitgedacht. Beiden Ansätzen gemein ist die Bedeutung des Dialogs und des behutsamen Umgangs mit vorhandener Baumasse für eine gelungene Stadtplanung.
„Welche Bedeutung hat denn der Bestand, gerade in Hinblick auf den Begriff der Grauen Energie?“ fragte Moderator Christian Holl zu Beginn der Onlineveranstaltung.
Für Yasemin Utku eine sehr große: „Das Verhältnis von Neu- zu Bestandsbau stimmt noch lange nicht. Man kann mit Neubau immer noch zu viel Geld verdienen. Es gibt zu wenig Anerkennung für den Bestandsbau, sei es in der Auseinandersetzung mit der Nachkriegsarchitektur, Stichwort Ruhrmoderne, oder der Neuentwicklung von Flächen, die erst in den 80ern entwickelt wurden.“
Julian Meisen stimmte nur teilweise zu:. „Man überlegt sich inzwischen drei Mal, ob man was abreißt oder nicht, und das ist auch gut so.“ Ein großes Problem sei häufig der sehr schlechte Zustand der Bestandsbauten.
Herausforderungen der Stadtentwicklung
Prof. Utku machte die planerischen Herausforderungen anhand konkreter Projekte im Rhein-Ruhr-Gebiet, etwa bei der Weiterentwicklung von Einfamilienhausgebieten und Büroparks, deutlich. Viele EFH-Siedlungen wiesen komplexe Problemlagen auf: Sanierungsstau, da den Hausbewohnern oftmals die Modernisierungsmittel fehlten; zusätzlich eine massive Überalterung der Siedlungen mit Hausbesitzern, die die großen Haus- und Gartenflächen überforderten, sowie, als Resultat, zunehmender Verfall. Diese Gebiete neu zu beleben und weiterzuentwickeln sei nur mit Dialogangeboten und kommunaler Unterstützung örtlicher Initiativen möglich: „Kommunale Vertreter verstehen häufig erst vor Ort, was denn die tatsächlichen Probleme sind.“ Im Stadtentwicklungsdiskurs tauchten dann häufig Ideen auf, ein Wohngebiet wieder attraktiver zu machen. Als Beispiele nannte Prof. Utku die kooperative Nachverdichtung, Mehrgenerationenhäuser, niederschwellige Angebote wie Bürgerbusse oder Nachbarschaftscafés.
Bei der Weiterentwicklung eines Büroparks, so machte die Stadtplanerin am Beispiel des Gebiets Seestern in Düsseldorf, deutlich, sei dagegen nicht Leerstand, sondern enormer Verdichtungsdruck das Thema. Auch Geld sei kein entscheidendes Kriterium. Die zentrale Frage aber auch hier: „Wo will man mit dem (neuen) Stadtquartier hin?“ Unternehmen, die schon vor Ort waren, Investoren, die dort sich engagieren wollten, Angestellte, die in den Büros arbeiteten sowie Anwohner aus der Nachbarschaft – Utkus Büro lud zur gemeinsamen Ortsbegehung, um neue Perspektiven auf einen eigentlich altbekannten Raum zu entdecken, und verhandelte mit mehreren Investoren mit dem Ergebnis, dass diese im Zuge der Projektentwicklung auch in die soziale Infrastruktur vor Ort investieren mussten. „Einfamilienhäuser und Büroparks sind, bildlich gesprochen, Paralleluniversen, aber letztlich geht es in allen Projekten um ähnliche Themen, auf die man es runterbrechen kann: Die Nutzung des Raums und den sozialen Mehrwert“, so Prof. Utku.
Wie denn sichergestellt werden könne, dass die Weiterentwicklung von Stadtquartieren so erfolgreich sei wie dargestellt, wollte Moderator Christian Holl wissen. „Eine Blaupause gibt es da leider nicht“, so Utku. „Spazieren hilft, alle Beteiligten müssen das Objekt gemeinsam betrachten und auf Augenhöhe besprechen.“
Der Maßstab des Gebäudes
Im zweiten Teil wechselte das Podium von der Ebene der Städteplanung hinein in den „Maßstab des Gebäudes“, so Moderator Holl. Julian Meisen stellte das „Neue Amt Altona“ vor – eine über ein Konzeptverfahren angestoßene Umnutzungsplanung des ehemaligen, heute von Kulturschaffenden bewohnten und teils kreativ genutzten Finanzamtes. Das Besondere: Die Architekten gründeten eine Genossenschaft, die die Liegenschaft übernehmen wird. Das Konzept sieht die 20-jährige Garantie der Bestandsmieten vor. Auf dem Gebäude wird ein neuer Holzmodulbau errichtet, den die Genossenschaft als Co-Working-Gebäude nutzen wird, und im Erdgeschoss sind öffentliche Angebote für den Stadtteil geplant.
Ein eher außergewöhnlicher Schwerpunkt der Planer-Aktivitäten waren Infoverstanstaltungen, Social Media Kampagnen, ein Pop-Up-Store – alles, um Mitstreiter zu gewinnen. Das Interesse war groß: „Wir hatten erwartet, dass es schwierig wird, die Leute dafür gewinnen. Die Finanzierung funktioniert aber tatsächlich schon mehr über den Genossenschaftsschwarm als über einzelne Fördermitglieder, darüber freuen wir uns riesig.“ Das Sozialamt der Stadt Hamburg ist auch Genossenschaftsmitglied und stellt eine Etage für finanzschwache Kreativschaffende zur Verfügung. Die partizipative Mitgestaltung des Bauprozesses schilderte Meisen als durchweg positive Erfahrung: „Es ist wahnsinnig spannend, direktes Feedback der Nutzer zu erhalten, das empfanden wir stets als konstruktiv und gewinnbringend, definitiv nichts wo man sich als Architekt eingeschränkt fühlen würde.“ Diese nutzerorientierte Baukultur führt, so die Idee, zu besseren Räumen mit einer höheren Akzeptanz.
Moderator Christian Holl nannte den Doppelcharakter der Architektentätigkeit ungewöhnlich, denn sie seien sowohl gestalterisch tätig, als auch Teil der Bauherrenschaft, welche die Rahmendbedingungen selbst festlege. „Ja, das ist teilweise ein wenig schizophren“, gab Meisen zu. „Es gibt immer Überschneidungen, ich bin im Aufsichtsrat der Genossenschaft, aber enthalte mich dann bei bestimmten Fragen. Neue Strukturen schaffen Reibungspunkte, aber ohne diese Reibungspunkte, gäbe es auch das Projekt als solches nicht. Man muss pragmatische Lösungen finden.“
Fazit
Am Ende waren sich die beiden Podiumsgäste einig, dass Planerinnen und Planer „nicht nur die Hüllen bauen“ (Yasemin Utku), die dann mit Leben gefüllt werden, sondern idealerweise künftige Nutzer und Anwohner von Anfang an miteinbeziehen. Diese Architekturgespräche machten aber auch deutlich, wie sehr partizipatives Bauen abhängig ist von Möglichkeiten wie dem Konzeptverfahren, um günstigere Bodenpreise und damit Raum für Bauvorhaben jenseits einer reinen Renditelogik zu schaffen. Er wünsche sich, so Julian Meisen zum Abschluss, dass Modellprojekte wie das „Neue Amt Altona“ nicht modellhaft blieben, sondern solche Strukturen als Massenphänomen. „Aber da sind wir alle natürlich auf die Politik angewiesen.“
Die Architekturgespräche verabschieden sich in die Winterpause. Im Frühjahr geht es mit spannenden Gästen und relevanten Themen weiter. In welcher Form hängt natürlich von der pandemischen Großwetterlage ab.
von April bis Juli