Preis: Assistenzhäuser - Inklusion durch Ergänzung
Laudatio der Jury Die Arbeit zeigt in überzeugender Art und Weise auf, wie der Bestand mit dem richtigen Maß an Eingriffen fit für die Zukunft gemacht und dabei städtebaulich verbessert werden kann – und zwar ohne ihn dabei unangemessen (und teuer) zu überformen. Die vorgeschlagenen Assistenzhäuser sind städtebaulich in der Lage, die Raumkante an der Weinbrenner Straße zu schließen, ruhige Höfe auszubilden und erdgeschossig fehlende Quartiersnutzungen aufzunehmen. Sie sind ferner architektonisch in der Lage, wesentliche Teile der Siedlung barrierefrei zu erschließen, ohne dass dabei die Grundrisse und der Charakter der Bestandsgebäude völlig verändert werden müssen. Freiräumlich überzeugen das differenzierte Angebot und die Möglichkeit, die Sanierung auch Zeile für Zeile vorzunehmen. Die Arbeit strebt keine Maximallösung an, aber gerade aufgrund des exzellenten Verhältnisses aus Eingriffsintensität und Wirkung ist die Lösung umsetzungsfähig und beispielgebend für viele vergleichbare Bestandssituationen.
Konzepterläuterung Das Mühlburger Feld in Karlsruhe weist im Bestand eine räumlich ungleich verteilte Inklusionsinfrastruktur auf. Während sich barrierefreie Angebote im Bereich der westlichen Punkthäuser konzentrieren und diesen Quartiersteil deutlich privilegieren, zeigt der südliche Bereich mit seinen Zeilenbauten ein strukturelles Defizit. Fehlende barrierefreie Erschließungen verhindern hier eine gleichwertige Teilhabe und führen zu einer funktionalen wie sozialen Segregation innerhalb des Quartiers. Der Entwurf versteht Barrierefreiheit nicht als additive Maßnahme, sondern als integrales Strukturprinzip. Zwischen die bestehenden Zeilenbauten werden strategisch platzierte Assistenzhäuser eingefügt, die das Inklusionsdefizit im Süden kompensieren und eine neue, ausgewogene Quartiersstruktur etablieren. Die Ergänzungen transformieren die monofunktionalen Wohnzeilen zu einem inklusiven Wohnverbund, der Alt- und Neubau räumlich, funktional und sozial miteinander verknüpft.
Assistenzhäuser Die Assistenzhäuser übernehmen eine doppelte Rolle: Sie sind räumliche Vermittler und soziale Impulsgeber zugleich. Im Erdgeschoss befinden sich gemeinschaftliche Räume, die als offene Treffpunkte für das gesamte Quartier konzipiert sind. Eine gemeinschaftliche Küche, ein großzügiges Wohnzimmer sowie flexibel nutzbare Kurs-und Mehrzweckräume fördern Austausch, Unterstützung und generationenübergreifende Begegnung. Hier können Kochabende, Beratungsangebote, Bewegungs- oder Bildungsformate stattfinden. Alle Gemeinschaftsräume sind schwellenlos mit dem Freiraum verbunden. Im Sommer verschmelzen Innen- und Außenraum zu einem durchgängigen Aufenthaltsbereich. Großzügige Öffnungen sorgen im Winter für helle, lichtdurchflutete Räume mit hoher Aufenthaltsqualität. Die Architektur schafft damit niedrigschwellige Begegnungsorte, die soziale Durchmischung aktiv potenzieren. In den drei Obergeschossen befinden sich pro Haus jeweils zwei vollständig barrierefreie Wohnungen – eine 2-Zimmer- und eine 3-Zimmer-Wohnung. Sie sind konsequent rollstuhlgerecht organisiert und ermöglichen selbstbestimmtes Wohnen im Quartier. Ein zentral angeordneter Aufzug erschließt nicht nur den Neubau, sondern bindet über eine Brücke die bestehenden Zeilenbauten barrierefrei an. Der charakteristische DreiSpänner der Bestandsbauten bleibt erhalten, wird jedoch durch die neue Erschließungsstruktur inklusiv erweitert. So entsteht eine nachhaltige Ertüchtigung des Bestands, die bauliche Identität wahrt und gleichzeitig neue Qualitäten schafft. Auf den Dächern der Assistenzhäuser entstehen zusätzliche gemeinschaftliche Treffpunkte unter freiem Himmel. Sie bieten geschützte Aufenthaltsflächen, ermöglichen Urban Gardening oder kleine Veranstaltungen und stärken die vertikale Erweiterung des sozialen Raums.
Freiraum – Orientierung und Gleichwertigkeit Der Freiraum folgt dem Prinzip der Klarheit. Gerade Wegeführungen, übersichtliche Raumkanten und barrierefreie, rollstuhlgerechte Beläge gewährleisten eine intuitive Orientierung im gesamten Quartier. Die Erschließung ist einfach, logisch und ohne Umwege organisiert – ein wesentlicher Beitrag zur Selbstständigkeit von Menschen mit Mobilitäts- oder Sehbeeinträchtigungen sowie älteren Bewohnerinnen und Bewohnern. Das Quartier wird als zusammenhängender, durchlässiger Raum gedacht, der vom Westen bis in den Süden gleichwertige Teilhabe ermöglicht. Die neu eingefügten Assistenzhäuser wirken dabei als räumliche Ankerpunkte einer inklusiven Infrastruktur.
Fazit Die vorgeschlagene Transformation wandelt ein strukturelles Inklusionsdefizit in eine Chance für umfassende Teilhabe. Durch die strategische Ergänzung der Zeilenbauten entsteht ein kohärentes, barrierefreies Wohnensemble, das den Anforderungen einer alternden Gesellschaft, neuen Formen des Zusammenlebens und den Herausforderungen des Klimawandels gerecht wird. Barrierefreiheit wird hier nicht als Sonderlösung verstanden, sondern als selbstverständliche Grundlage einer zukunftsfähigen Quartiersentwicklung.