Im Rahmen eines Jane’s Walks versteht sich der Stadtspaziergang nicht als klassische Führung, sondern als gemeinsames Erkunden und Reflektieren urbaner Räume. Ziel von Jane’s Walk Stuttgart ist es, unterschiedliche Perspektiven auf Stadt sichtbar zu machen und einen Perspektivwechsel in der Planung anzustoßen. Im Mittelpunkt steht dabei die Verbindung von Erleben, Beobachten, Diskutieren und Weiterdenken.
Zu Beginn jedes Spaziergangs erhielten die Teilnehmenden eine kurze Einführung in Ablauf und thematische Schwerpunkte. Statt eines frontalen Formats waren alle eingeladen, die Stadt aktiv wahrzunehmen, eigene Beobachtungen einzubringen und Orte kritisch zu hinterfragen. Die Spaziergänge wurden durch kurze Gesprächsimpulse begleitet, ergänzt durch offene Leitfragen zu Themen wie Zugänglichkeit, Mobilität, Sicherheit und Aufenthaltsqualität im öffentlichen Raum.
Um unterschiedliche Alltagsperspektiven erfahrbar zu machen, arbeiteten die Teilnehmenden zudem mit verschiedenen Rollenprofilen. Diese orientierten sich beispielhaft an unterschiedlichen Lebensrealitäten – etwa einer Person mit Kleinkind, einer älteren Person, einer Frau mit Migrationsgeschichte, berufstätigen Personen oder Jugendlichen. Der Ansatz sollte verdeutlichen, dass Stadträume je nach körperlichen Voraussetzungen, sozialem Hintergrund oder Alltagssituation sehr unterschiedlich wahrgenommen und genutzt werden.
Die Leitfragen wurden den Teilnehmenden in gedruckter Form mitgegeben und konnten während der Spaziergänge immer wieder zur Orientierung und Reflexion herangezogen werden. Im Fokus standen dabei unter anderem folgende Fragen:
Intersektionalität: Wer ist hier sichtbar und wer fehlt? Für wen wirkt dieser Ort selbstverständlich nutzbar, für wen eher nicht?
Mobilität: Wie leicht oder schwer ist es, sich hier fortzubewegen, je nach Person oder Situation? Wer kommt hier gut durch und wer wird ausgebremst?
Sicherheit: Was beeinflusst Ihr Sicherheitsgefühl an diesem Ort konkret? Unterscheidet sich das je nach Tageszeit oder Nutzung?
Öffentlicher Raum: Lädt dieser Ort zum Verweilen ein auch ohne Konsum? Für wen funktioniert dieser Ort als Aufenthaltsort, für wen nicht?
Ergänzend: Was hat Sie hier überrascht? Was würden Sie mit einer kleinen Veränderung verbessern?
Durch diesen offenen und dialogorientierten Ansatz entstand ein gemeinsamer Austausch über Wahrnehmung, Teilhabe und die soziale Dimension von Planung und Stadtgestaltung.
Wer war Jane Jacobs?
Jane Jacobs (1916–2006) war eine kanadisch-amerikanische Autorin, Aktivistin und Architekturkritikerin, die bis heute als eine der einflussreichsten Stimmen der modernen Stadtdebatte gilt. Obwohl sie keine ausgebildete Stadtplanerin war, prägte sie mit ihren Beobachtungen und Veröffentlichungen maßgeblich den Diskurs über lebenswerte Städte und wurde zu einer wichtigen Kritikerin funktionalistischer Stadtplanung und großflächiger Stadterneuerung.
Besonders bekannt wurde sie durch ihr 1961 veröffentlichtes Buch The Death and Life of Great American Cities, in dem sie sich für vielfältige, gemischt genutzte und fußgängerfreundliche Stadträume einsetzte. Jane Jacobs betonte die Bedeutung lebendiger Nachbarschaften, sozialer Netzwerke und öffentlicher Räume als Grundlage resilienter Städte. Viele ihrer Ideen – etwa zu urbaner Vielfalt, kurzen Wegen und alltagsnaher Planung – beeinflussen Stadtentwicklung und Architektur bis heute.
Intersektionalität
Um sich dem Thema der inklusiven und feministischen Planung anzunähern, muss man sich zwangsweise mit dem Begriff der Intersektionalität auseinandersetzen. Intersektionalität beschreibt das Zusammenwirken verschiedener sozialer Ungleichheiten und Diskriminierungsformen, die sich überschneiden und gegenseitig verstärken können. Dabei geht es beispielsweise um die Wechselwirkungen von Geschlecht, Herkunft, Alter, sozialem Status, körperlichen Voraussetzungen oder anderen gesellschaftlichen Zuschreibungen. Der Ansatz macht sichtbar, dass Menschen öffentliche Räume, Institutionen oder gesellschaftliche Strukturen nicht alle auf dieselbe Weise erleben oder nutzen können.
Als analytisches Werkzeug dient Intersektionalität dazu, strukturelle Machtverhältnisse und oft unsichtbare Ausschlüsse kritisch zu hinterfragen. Der Begriff entstand ursprünglich im Kontext der Critical Race Theory und wurde insbesondere durch Schwarze feministische Wissenschaftlerinnen geprägt. Heute findet der Ansatz unter anderem Anwendung in Stadtplanung, Architektur, Sozialwissenschaften und politischen Debatten, um komplexe gesellschaftliche Realitäten differenzierter betrachten zu können.
Fazit
Die Stadtspaziergänge haben gezeigt, wie wertvoll partizipative Formate für die Auseinandersetzung mit Stadt und Planung sein können. Im Sinne von Jane Jacobs stand nicht die abstrakte Diskussion über Stadt im Vordergrund, sondern das gemeinsame Beobachten, Wahrnehmen und Hinterfragen konkreter Räume und Alltagserfahrungen. Gerade durch die unterschiedlichen Perspektiven der Teilnehmenden wurde sichtbar, dass Stadträume niemals neutral wirken, sondern je nach Lebensrealität sehr unterschiedlich erlebt werden.
Der intersektionale Ansatz half dabei, diese Unterschiede bewusster wahrzunehmen und Fragen nach Zugang, Sicherheit, Teilhabe und Sichtbarkeit konkreter zu diskutieren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass Themen wie Feminismus, Diversität oder soziale Gerechtigkeit häufig emotional oder ideologisch aufgeladen sind, wodurch eine sachliche und fachliche Diskussion oft erschwert wird. Umso wichtiger sind also Formate, die Austausch ermöglichen, unterschiedliche Erfahrungen zusammenbringen und komplexe gesellschaftliche Fragestellungen unmittelbar im Stadtraum verorten.