Über Heimat, dritte Orte und den Mut, einfach anzufangen
Was hält eine Region zusammen? Diese Frage stand im Mittelpunkt des Macher:innengesprächs von „Kraft der Region“ beim MGV Berger Plätzle. Zum ersten Mal fand das Gespräch nicht im Haus der Architektinnen und Architekten statt, sondern an einem Ort, an dem regionale Entwicklung ganz konkret erfahrbar wird: in einem Verein, in einer Nachbarschaft, in einem Raum, der von Menschen getragen, genutzt und immer wieder neu erfunden wird.
Gastgeberin des Abends war Luisa Händle, Vorsitzende des Vereins Berger Plätzle. Im Mittelpunkt stand dabei weniger ihre berufliche Tätigkeit als Grafikdesignerin, sondern der Ort selbst – und mit ihm die Frage, wie sich ein rund 170 Jahre alter Männergesangverein neu erfinden kann, ohne seine Geschichte zu verlieren. Das Berger Plätzle wurde so zum Ausgangspunkt für ein Gespräch über Heimat, Zugehörigkeit und Veränderung. Heimatverbundenheit, so wurde deutlich, kann dabei beides sein: eine positive Kraft, weil Menschen sich verantwortlich fühlen und etwas gestalten wollen; aber auch eine Bremse, wenn Bewahren bedeutet, Veränderung grundsätzlich abzuwehren. Gerade darin liegt eine zentrale Aufgabe vieler lokaler Orte: für langjährige Mitglieder vertraut zu bleiben und zugleich für neue Menschen – etwa Zugezogene oder im konkreten Falle des Berger Plätzles ukrainische Geflüchtete – zu einem Ort neuer Heimat zu werden.
Mit Martin Gürtler kam eine zweite Perspektive hinzu: die der Organisationsentwicklung, der Verhandlung und der sozialen Infrastruktur. Gürtler ist Volkswirt mit Schwerpunkten in Stadt- und Regionalökonomie und arbeitet seit 2014 für die IG Metall Baden-Württemberg in den Bereichen Organisationsentwicklung, Mitglieder, Finanzen und interne Projekte. Aktuell entwickelt er gemeinsam mit ASP Architekten den Neubau der Karl-Kloss-Bildungsstätte in Stuttgart-Feuerbach. Geplant ist ein Jugend-Campus mit Seminarhaus, Azubi-Wohnheim und Büros der IG Metall Baden-Württemberg – ein Ort, der auch als „dritter Ort“ für Feuerbach wirken soll. Im Gespräch wurde dabei nicht nur über die Qualität solcher Räume gesprochen, sondern auch über ihre sozialen Zumutungen: Was bedeutet ein dritter Ort, wenn ihn auch Menschen nutzen, die in der Gesellschaft oft ausgeblendet werden – etwa obdachlose Menschen? Wie sozial sind wir wirklich, wenn offene Räume nicht nur schöne Begegnungen ermöglichen, sondern auch Konflikte sichtbar machen?
Eine weitere Perspektive brachte Florian Wachter ein. Er wurde auf einem bio- und konventionellen Weinbaubetrieb ausgebildet, studierte bzw. arbeitete in Weinsberg und Luxemburg und ist als Weinbautechniker tätig. Seit Dezember 2023 arbeitet er als Versuchstechniker an der Universität Hohenheim im Fachgebiet Weinbau, ab Juni 2026 im Fachgebiet Ökologischer Landbau mit Schwerpunkt Agroforst. Seit April 2022 leitet er außerdem die solidarische Landwirtschaft Weinfrequenz – Wein mit der Natur im Vitiforst-System. An seinem Beispiel wurde deutlich, wie sehr auch Landschaft, Landwirtschaft und Klima Teil regionaler Transformation sind. Monokulturelle Weinbauflächen geraten durch steigende Temperaturen unter Druck; Bäume in die Fläche zu integrieren, kann Schatten spenden, Biodiversität fördern und neue Formen des Wirtschaftens ermöglichen. Wachter berichtete zugleich, dass rund 90 Prozent der Mitglieder seiner Wein-SoLaWi nicht aus dem direkten Umfeld stammen oder z. B. neu in Stuttgart angekommen sind. Viele hatten zuvor kaum Berührung mit Weinbau. Auch hier entsteht also ein Ort der Verbindung: zwischen Stadt und Landschaft, zwischen Zugezogenen und Region, zwischen Konsum und Mitverantwortung.
Im Verlauf des Abends zeigte sich, dass Konflikte nicht das Gegenteil von Gemeinschaft sind. Sie sind oft der Punkt, an dem Gemeinschaft überhaupt verhandelt wird. Aus Industrie, Weinbau und Vereinsleben kamen dazu sehr unterschiedliche, aber anschlussfähige Erfahrungen. Für die IG Metall gehören Großkonflikte und Verhandlungen zum Arbeitsalltag; Konflikt wird dort nicht per se negativ verstanden, sondern als notwendiger Teil gemeinsamer Aushandlung. Wenn gut verhandelt wurde und alle Beteiligten ihre Positionen ernsthaft eingebracht haben, kann auch ein schwieriges Ergebnis tragfähig sein. Im Weinbau wiederum berichtete Florian Wachter davon, wie ungewohnte Ansätze zunächst belächelt werden. Mit einer Wein-SoLaWi und einem Vitiforst-System stößt man in einem traditionsreichen Feld nicht sofort auf Zustimmung. „Mit so einem Guerilla-Weinbau kann man kein Geld verdienen“ – solche Sätze gehören dazu. Doch mit Beharrlichkeit, sichtbaren Ergebnissen und dem Mut, einfach zu beginnen, verändert sich auch die Wahrnehmung. Langsam hören andere zu.
Ein Satz zog sich damit wie ein roter Faden durch das Gespräch: Manchmal ist es besser, einfach loszulegen, statt vorab jede Erlaubnis, jede Absicherung und jede perfekte Zuständigkeit zu klären. Wer vorher fragt, bekommt oft zuerst die Hürden genannt. Wer anfängt, setzt Tatsachen in die Welt – und schafft damit neue Möglichkeiten. Das bedeutet nicht, Regeln oder Verantwortung zu ignorieren. Es bedeutet, Handlungsräume ernst zu nehmen, auch wenn sie klein beginnen: ein Vereinsheim, ein Weinberg, ein Bildungsort, ein Nachbarschaftsprojekt.
Aus dem Publikum kam schließlich eine wichtige Ergänzung: Wie schützen wir eigentlich die Macher:innen? Wenn lokale Orte, Vereine, Initiativen und engagierte Einzelpersonen so wichtig für Transformation sind, dürfen sie nicht dauerhaft alle Konflikte allein tragen müssen. Engagement braucht Anerkennung, aber auch Schutz, Unterstützung und Strukturen, die Verantwortung verteilen. Denn eine Region wird nicht nur durch große Strategien zukunftsfähig. Sie wird es dort, wo Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen – und wo sie dabei nicht allein gelassen werden.
Das Macher:innengespräch beim MGV Berger Plätzle machte sichtbar, dass regionale Transformation nicht abstrakt beginnt. Sie beginnt an konkreten Orten, mit konkreten Menschen, in konkreten Konflikten. Dort, wo Heimat nicht als Stillstand verstanden wird, sondern als Einladung, gemeinsam weiterzubauen.