Rund 100 Gäste folgten der Einladung der FÜNF Stuttgarter Kammergruppen zu Urban Green 2 – einer Veranstaltung, die deutlich machte: Klimaanpassung in der Stadt ist ohne funktionierende Ökosysteme nicht denkbar. Moderiert von Ulrike Beckmann-Morgenstern führte der Abend durch vier fachliche Perspektiven – von Artenkenntnis über Stadtlandschaften bis hin zu konkreten Umsetzungsfragen im Bauwesen.
Biodiversität als Grundlage urbaner Resilienz
Michael Eick (Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg) eröffnete mit einem grundlegenden Blick auf Biodiversität. In Deutschland existieren rund 71.500 Arten, davon etwa 33.000 Insekten und 3.000 Spinnen – Zahlen, die die Komplexität ökologischer Systeme verdeutlichen.
Im Zentrum stand das Konzept der Ökosystemleistungen (ecosystem services): Leistungen der Natur, die für den Menschen essenziell sind – etwa Klimaregulation, Wasserhaushalt oder Bestäubung. Diese Funktionen laufen im Hintergrund, sind aber entscheidend für lebenswerte Städte. Ein weiterer Fokus lag auf Nature-based Solutions (NBS) – naturbasierte Lösungen, die gezielt ökologische Prozesse nutzen, um städtische Herausforderungen wie Hitze, Starkregen oder Luftqualität zu adressieren. Beispiele reichen von begrünten Fassaden bis zu entsiegelten Flächen. Als Beispiel brachte Michael Eick den Zuzug eines Wanderfalken nach Fellbach, welcher sich auf dem Schwabenlandtower zum brüten niederlassen wollte. Nachdem man dort durch eine geeignete Kiste eine attraktive Möglichkeit zum Nestbau anbot, konnte der Nistplatz des Falken gesteuert werden. So können Mensch und Tier besser zusammen leben. Wer bei der mittlerweile mehköpfigen Falkefamilie vorbeischauen möchte, kann dies hier tun.
Stadtlandschaften: Zwischen Nutzung und Ökologie
Leonie Fischer (Universität Stuttgart) stellte die Beziehung zwischen Mensch und Natur in den Mittelpunkt. Städte sind keine Gegensätze zur Natur, sondern potenzielle gemeinsame Lebensräume. Angesichts von Urbanisierung, Klimawandel und Biodiversitätskrise wird die Gestaltung urbaner Räume neu gedacht. Konzepte wie Grüne Infrastruktur (vernetzte Grün- und Freiräume) oder Biodiversity Sensitive Urban Design (BSUD) zielen darauf ab, ökologische Prozesse systematisch in die Stadtplanung zu integrieren. Ein entscheidender Faktor bleibt der Zugang: Wie viel Natur erleben Menschen im Alltag – und wo? Studien, insbesondere aus der COVID-Zeit, zeigen klar, dass die Verfügbarkeit und Nutzbarkeit von Grünflächen direkten Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden hat. Für mehr Naturerleben bringt Leonie Fischer auch multifunktionale Gebäudehüllen mit ins Spiel. Mahr dazu konnten die Teilnehmenden im anschließenden Vortrag lernen.
Fassadenbegrünung: Praxis zwischen Anspruch und Realität
Im Beitrag von Jonathan Müller von Helix Pflanzensysteme GmbH wurde deutlich, dass Fassadenbegrünung in der Praxis deutlich komplexer ist als ihre oft rein gestalterische Wahrnehmung vermuten lässt. Anhand realisierter Projekte zeigte er, dass technische, ökologische und planerische Anforderungen eng ineinandergreifen: Entscheidend für die Dauerhaftigkeit ist vor allem der konstruktive Aufbau der Fassade, insbesondere im Hinblick auf Feuchtigkeitsschutz und Materialverträglichkeit. Gleichzeitig erfordert die Begrünung ein langfristig tragfähiges Wasser- und Pflegekonzept, da Pflanzen kontinuierlich versorgt werden müssen – idealerweise über Regen- oder Grauwasserlösungen. Hinzu kommt eine oft unterschätzte planerische Besonderheit: Pflanzen sind keine standardisierten Baustoffe, die sich beliebig lagern oder zeitlich verschieben lassen. Bauverzögerungen wirken sich unmittelbar auf die Entwicklung und Qualität der Begrünung aus und erfordern eine präzise Abstimmung aller Projektphasen. Trotz dieser komplexen Anforderungen wird Fassadenbegrünung in vielen Projekten weiterhin primär aus ästhetischen Motiven heraus umgesetzt, während ihr tatsächliches Potenzial zur Förderung von Biodiversität häufig in den Hintergrund tritt.
Umsetzung und Förderung: Der Klima-Innovationsfonds Stuttgart
Im Beitrag von Sophie Mok (Stadt Stuttgart) rückte die Frage der Umsetzung in den Mittelpunkt. Mit dem Stuttgarter Klima-Innovationsfonds wird gezielt daran gearbeitet, innovative Ansätze zur Klimaanpassung und zum Klimaschutz nicht nur zu entwickeln, sondern auch in die Praxis zu überführen. Dabei geht es weniger um neue Ideen als vielmehr darum, vorhandenes Wissen systematisch anzuwenden und in konkrete Projekte zu übersetzen. Im Fokus stehen insbesondere Maßnahmen wie die Entsiegelung – also der Rückbau versiegelter Flächen zur Verbesserung des natürlichen Wasserhaushalts –, naturbasierte Lösungen im Bausektor sowie die Entwicklung multifunktionaler Stadträume, in denen etwa Begrünung und Energiegewinnung kombiniert werden. Ein anschauliches Beispiel ist das sogenannte Stockholmer Modell: Durch den Einsatz spezieller Substrate, unter anderem Pflanzenkohle, erhalten Stadtbäume mehr Raum für Wurzelwachstum und bessere Bedingungen zur Wasserspeicherung. Pflanzenkohle fungiert dabei als langfristiger Wasserspeicher und trägt zur Stabilisierung des städtischen Mikroklimas bei. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Umsetzung solcher Maßnahmen mit Zielkonflikten verbunden ist. Begrünung erfordert kontinuierliche Pflege und kann bei Vernachlässigung zur Brandlast werden. Zudem geraten ökologische Lösungen im Vergleich zu kurzfristig wirtschaftlich optimierten Ansätzen häufig ins Hintertreffen, da ihre positiven Effekte – etwa auf Klima, Gesundheit und Lebensqualität – nur schwer direkt monetarisierbar sind.